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Notverkauf statt Insolvenz – der Fall Northern Fiber und seine Folgen für den ländlichen Glasfaserausbau

In vielen Ausbaugebieten zwischen Ostfriesland und Ostwestfalen stellte sich zuletzt eine unbequeme Frage. Was passiert, wenn der Netzbetreiber, dem man das eigene Ausbaugebiet anvertraut hat, zahlungsunfähig wird? Bei der Northern Fiber Holding, die unter den Marken Lünecom, sewikom und terralink Netze in ländlichen Räumen Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Nordrhein-Westfalens betreibt, war dieser Fall zum Greifen nah. Nach Informationen von Bloomberg stand das Unternehmen unmittelbar vor der Insolvenz und wird nun an die Strategic Fiber Networks GmbH verkauft, eine Portfoliogesellschaft des britischen Infrastrukturinvestors iCON Infrastructure. Das Closing wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet. Die Schieflage hatte sich über Monate aufgebaut. Die frühere Eigentümerin UBS Asset Management übertrug ihre Anteile Anfang des Jahres an die Kanzlei Dentons als Treuhänderin, für den Verkauf mussten sämtliche Kreditgeber zustimmen, die zusammen mehr als 300 Millionen Euro bereitgestellt haben. Die NordLB lenkte erst Anfang Juli ein. Im Feuer steht auch öffentliches Geld – die Europäische Investitionsbank hatte Ende 2023 ein Darlehen über 175 Millionen Euro ausgereicht, mit insgesamt 415 Millionen Euro sollten bis zu 500.000 Haushalte in dünn besiedelten Regionen angeschlossen werden. Der Fall steht exemplarisch für eine Branche im Umbruch. Netzbetreiber in ganz Deutschland geraten unter Druck, weil ambitionierte Anschlussziele auf gestiegene Baukosten und hohe Verschuldung treffen. Für Städte, Gemeinden und Landkreise, deren Ausbaugebiete an privatwirtschaftliche Zusagen gebunden sind, bedeutet das ein reales Projektrisiko. Wo ein Betreiber ins Straucheln gerät, drohen Baustopps, verwaiste Erschließungsgebiete und jahrelange Blockaden, weil begonnene Cluster für Wettbewerber unattraktiv werden. Aus dem Fall lassen sich vier Konsequenzen für die Praxis vor Ort ableiten. Erstens gehört die wirtschaftliche Belastbarkeit eines Ausbaupartners heute ebenso auf den Prüfstand wie sein technisches Konzept, von der Konzernstruktur bis zu vertraglichen Sicherungen für den Fall eines Eigentümerwechsels. Zweitens sind Städte und Landkreise solchen Entwicklungen nicht ausgeliefert, wenn sie den Ausbau nicht allein dem privaten Partner überlassen. Eine unabhängige Projektsteuerung, die Verträge, Baufortschritt und Finanzierungslage kontinuierlich im Blick behält, erkennt Schieflagen, bevor die Bagger stillstehen – und eröffnet Handlungsspielräume bis hin zu eigenwirtschaftlichen Modellen über Stadtwerke oder kommunale Netzgesellschaften. Drittens entscheidet die Baukostenseite über das Überleben von Projekten, weshalb moderne Verlegeverfahren nach DIN 18220 – wie etwa das Fräsverfahren des Spezialisten LAYJET – und andere kostendämpfende Bauweisen bei Vergaben und Genehmigungen ernsthafter geprüft werden sollten als bisher. Viertens lohnt bei ins Stocken geratenen Ausbaugebieten der aktive Blick auf alternative Partner mit gesicherter Finanzierung und eigener Umsetzungskraft, statt auf die Erholung des bisherigen Betreibers zu warten. Der Beinahe-Kollaps von Northern Fiber dürfte nicht der letzte seiner Art gewesen sein – wer die eigenen Projekte jetzt absichert, verhandelt später nicht aus der Defensive. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos zur DIN 18220 hier…

Bamberg – unsichtbare Ladepunkte für die Altstadt

An der Schranne, mitten im Bamberger Welterbe, sitzen seit einigen Wochen zwei Ladepunkte ebenerdig im Boden. Die Stadtwerke Bamberg haben dort zwei Ladebordsteine des Herstellers Rheinmetall in die Bordsteinkante eingelassen, jeder mit bis zu 22 Kilowatt Wechselstrom. Kein Mast, kein Kabel quer über den Gehweg. Wo enge Gassen und Denkmalschutz eine normale Ladesäule ausschließen, lässt sich ein Bordstein trotzdem verbauen. Der Alltag bestätigt den Ansatz. Nach Angaben des Stadtwerks liefen die beiden Punkte seit rund acht Wochen störungsfrei und hätten in dieser Zeit fast 6.000 Kilowattstunden abgegeben, beide Plätze seien oft belegt. Robust ist die Technik ebenfalls. Die Elektronik sitzt gekapselt im Boden, ein Wasserstandssensor unterbricht den Ladevorgang, bevor Nässe gefährlich wird, und bei Frost wie bei Hitze reguliert der Bordstein seine Temperatur selbst. Ein einjähriger Feldversuch in Köln, den Rheinmetall gemeinsam mit der RheinEnergie-Tochter TankE gefahren hat, kam auf mehr als 2.800 Ladevorgänge bei einer Verfügbarkeit über 99 Prozent; die Nutzer lobten vor allem die einfache Bedienung und die unauffällige Einbindung ins Stadtbild. Ein zweiter Vorteil zeigt sich erst im Betrieb. Fällt ein Ladepunkt aus, muss niemand die halbe Straße aufreißen. Das komplette Elektromodul lässt sich in wenigen Minuten aus dem Bordstein ziehen und gegen ein Austauschmodul tauschen, eine Schnellkupplung stellt die Verbindung zum Netz sofort wieder her. Die Ausfallzeit je Ladepunkt bleibt entsprechend kurz, und wer beim Tiefbau vorausschauend Dummy-Bordsteine mitverlegt, rüstet weitere Standorte später ohne großen Aufwand nach. Der Komfort hat seinen Preis. Ein Ladebordstein kostet ein Stadtwerk annähernd das Doppelte einer klassischen Standsäule, wobei nicht der Bordstein den Unterschied macht, sondern der zusätzliche Tiefbau und die separate Zähleranschlusssäule daneben. Wer diese Mehrkosten trägt, erschließt dafür Lagen, die mit gewöhnlicher Ladetechnik gar nicht zu bespielen sind, und genau darin liegt der Reiz für historische Innenstädte. Ob sich die Investition binnen der angestrebten fünf bis sechs Jahre trägt, entscheidet am Ende die Auslastung, und die hängt an der Lage. Ein Ladepunkt am Supermarktparkplatz oder an einem gut besuchten Platz ist schnell ausgelastet, einer am Stadtrand selten. Und die Ladeart muss zur Parkdauer passen. In Wohnvierteln oder Tiefgaragen, wo Autos ohnehin länger stehen, reicht Wechselstrom, am Einkaufszentrum mit kurzen Stopps lohnt Gleichstrom. Bamberg steht mit dem Versuch nicht allein. Zur Jahresmitte zählte die Bundesnetzagentur bundesweit knapp 204.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte, ein Plus von 17 Prozent binnen eines Jahres, und der Zubau trifft immer häufiger auf verdichtete Innenstädte, in denen für weiteres Stadtmobiliar kaum Raum bleibt. Wer den Schritt in die eigene Altstadt wagt, sollte dabei nicht allein auf die Hardware schauen. Weil der Modultausch so einfach ausfällt, lassen sich Einbau und spätere Wartung aus einer Hand denken, und ein Störfall bleibt ein überschaubarer Handgriff statt eines Bauprojekts. Genau hier entscheidet sich, ob aus einem gelungenen Pilotversuch dauerhaft verlässliche Ladepunkte werden. Was in Bamberg an der Schranne begonnen hat, dürfte deshalb Schule machen. Die Technik funktioniert im Welterbe wie bei Wind und Wetter, und sie öffnet Standorte, die lange als unerreichbar galten. Der Rest ist eine Frage der Lage und der richtigen Partner beim Einbau und danach. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…

Der direkte Draht in die Stadtgesellschaft

Die INGO-App macht das saarländische St. Ingbert mit rund 35.000 Einwohnern zum Vorbild für digitale Bürgernähe. Vieles, was Bürgerinnen und Bürger früher im Amtsblatt oder in der Lokalzeitung nachlasen, steht heute auf dem Smartphone. Wer wissen will, was in seiner Stadt läuft, erwartet die Antwort sofort und unabhängig von Öffnungszeiten. In St. Ingbert lässt sich das seit Ende Juni gut beobachten. Beim ersten Digitaltag der Stadt ging pünktlich um neun Uhr ein neuer KI-Chatbot auf der Website online, der Bürgerfragen rund um die Uhr beantwortet. Er ergänzt die INGO Stadt-App, die in der Stadt seit 2024 etabliert ist und als Vorbild für niedrigschwellige Bürgerkommunikation gilt. Die App bündelt, was die knapp 35.000 Einwohner über ihre Stadt wissen müssen. Sie meldet per Push, was gerade wichtig ist, von der Straßensperrung bis zum Stadtfest, führt einen interaktiven Stadtplan und einen Mängelmelder für das kaputte Schlagloch, macht Vereine und die Geschäfte vor Ort mit ihren Öffnungszeiten und Aktionen sichtbar, listet offene Stellen der Stadt und warnt bei Starkregen. Anderswo sind diese Dinge auf mehrere Kanäle verteilt, in St. Ingbert stehen sie an einer Stelle. Der Druck auf die Rathäuser wächst von mehreren Seiten. Ältere Menschen brauchen einen Zugang, der ohne Anmeldung und in klarer Sprache funktioniert, Jüngere setzen ein gutes mobiles Angebot ohnehin voraus. Rathäuser suchen zugleich händeringend Personal und werben es über dieselben Kanäle an, über die sie ihre Bürgerschaft informieren. Und seit den Krisen der vergangenen Jahre zählt ein verlässlicher Draht zu den Menschen zur Notfallvorsorge. Für die Stadt zahlt sich das im Alltag aus. Die App läuft auf ihrem eigenen Kanal, ohne Umweg über Facebook oder fremde Plattformen, und die Stadt behält die Hoheit über Inhalte und Reichweite. So ist sie unter eigenem Namen präsent und nicht eine Stimme unter vielen in einem fremden Netzwerk. Und weil sich niemand anmelden oder Daten hinterlegen muss, ist die Hürde niedrig, die App überhaupt zu öffnen. Rund 9.000 Menschen nutzen die App, bei etwa 35.000 Einwohnern, eine Quote, von der viele größere Städte mit deutlich mehr Geld nur träumen. Dass so viele mitmachen, liegt auch an der einfachen Bedienung und daran, dass der örtliche Handel früh eingebunden wurde. Wer die App öffnet, sieht neben den amtlichen Informationen, welche Geschäfte in der Nachbarschaft gerade welche Angebote und Aktionen haben. Für die Betriebe entsteht eine Reichweite, die sich ein einzelner Laden mit einer eigenen App nie aufbauen könnte, und für die Stadt ein Argument mehr, dass sich der Einkauf vor Ort lohnt. Entwickelt hat St. Ingbert die App mit der Saarbrücker fortiter GmbH, finanziert wurde sie über das Zukunftsprogramm ZIZ zur Stärkung der Innenstädte. Ausgezeichnet wurde der Ansatz bereits zweimal, mit dem Preis des Bundeswettbewerbs „Kommunal.Digital.Genial“ in der Kategorie guter Praxis und mit dem Sonderpreis für innovatives Stadtmarketing des Marketing Clubs Saar. Chatbot und WhatsApp-Kanal ergänzen die App um weitere Zugänge und erreichen noch einmal andere Nutzer. Das Beispiel St. Ingbert macht deutlich, dass es dafür weder eine bestimmte Größe noch ein großes Budget braucht. Entscheidend ist der Wille, ein einfaches und zugängliches Angebot zu schaffen. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…

Drei Großbaustellen, ein Budget: Wie Troisdorf Strom, Glasfaser und Wärme gleichzeitig stemmt

Derzeit läuft in Troisdorf die kommunale Wärmeplanung auf Hochtouren. Fast zeitgleich rücken in mehreren Stadtteilen die Glasfaserbagger an, und das örtliche Stromnetz wird für Wärmepumpen und Elektroautos ertüchtigt. Drei Großbaustellen, die alle zur gleichen Zeit Kapital binden und zeigen, unter welchem Druck ein mittelgroßer Versorger heute steht. Michael Roelofs steuert die technische Seite dieses Umbaus. Der Diplom-Elektroingenieur führt die Stadtwerke Troisdorf seit 2019 gemeinsam mit Andrea Vogt. Das jüngste Geschäftsjahr hat sein Haus mit einem starken Ergebnis abgeschlossen, für Roelofs weniger Ruhekissen als Fundament für die Investitionen, die nun anstehen. Im Interview erklärt er, warum der Stromnetzausbau bei ihm oberste Priorität genieße und wo beim Glasfaserausbau trotz laufender Bagger der Schuh drücke. Auch beim Reizthema Ladeinfrastruktur bezieht er klar Position und begründet, weshalb ein weiterer Zubau langsamer Ladepunkte im öffentlichen Straßenraum für ihn der falsche Weg wäre.

DEKOM: Die Stadtwerke Troisdorf haben ein sehr erfolgreiches Jahresergebnis erzielt – worauf führen Sie diesen Erfolg zurück, und welche Herausforderungen und Prioritäten prägen nun Ihren Blick nach vorn?

Michael Roelofs: Unser sehr gutes Ergebnis basiert auf drei tragenden Säulen: Einer vorausschauenden und risikobewussten Beschaffungsstrategie, einer hohen operativen Exzellenz in allen Sparten und der tiefen Verwurzelung und Treue unserer Kundinnen und Kunden, die unser Engagement für eine lebenswerte Stadt zu schätzen wissen. Als TOP-Lokalversorger haben wir bewiesen, dass wirtschaftlicher Erfolg und faire Endkundenpreise Hand in Hand gehen können. Doch dieses Ergebnis ist für uns kein Ruhekissen, sondern das finanzielle Fundament für die gigantischen Aufgaben der Zukunft. Der Blick nach vorn wird ganz klar von der Realisierung der Wärme- und Stromnetztransformation geprägt. Die Prioritäten der Vergangenheit verschieben sich vom Energievertrieb hin zum massiven Infrastrukturausbau und der Digitalisierung unserer Netz-Steuerungsprozesse sowie der konsequenten Optimierung unserer Prozesse unter Nutzung digitaler Hilfsmittel.

DEKOM: Warum hat der Ausbau des Stromnetzes für Sie aktuell höchste Priorität – und wie gehen Sie damit um, dass Industrieunternehmen eigene Speicher und Rechenzentren planen?

Michael Roelofs: Der massive Stromnetzausbau hat oberste Priorität, weil die Dekarbonisierung der Industrie, der Hochlauf der Elektromobilität und der Einbau von Wärmepumpen die Lastflüsse in unserem Netz fundamental verändern. Ein starkes, „intelligentes“ Netz vor Ort wird zukünftig wesentlicher Standortfaktor für Industrieansiedlung sein und Schlüssel zur Energiewende der Stadt sein. Dass Industrieunternehmen eigene Großspeicher planen, sehen wir als Teil der Lösung für die Energiewende. Der Bau von Rechenzentren ist eine nachvollziehbare Folge der zunehmenden Digitalisierung, die natürlich in unserer Region stattfinden soll und nicht außerhalb von Deutschland. Insofern tun wir unser Möglichstes, um mit Weitblick im Netzausbau solche Projekte bei uns ermöglichen zu können.

DEKOM: Glasfaser gilt als Sorgenkind – woran hakt es konkret, und wie erklären Sie sich die verhaltene Nachfrage der Bürgerinnen und Bürger?

Michael Roelofs: Die Herausforderungen im Glasfasersegment sind vielschichtig: Extrem gestiegene Tiefbaukosten und der akute Fachkräftemangel belasten die Wirtschaftlichkeit im Markt spürbar. Das Hauptproblem bei der Nachfrage liegt jedoch in der aktuellen Marktdynamik: Die etablierten Telekommunikationsanbieter operieren auf einer nahezu vollständig abgeschriebenen Kupfer- oder Kabel-Infrastruktur. Das erlaubt es ihnen, im Wettbewerb mit echten Kampfpreisen zu agieren, die für uns beim Neuaufbau eines Netzes kaum darstellbar sind. Gleichzeitig fehlt vielen Verbrauchern im Moment schlicht der akute Leidensdruck. Der Durchschnittshaushalt hat heute selten einen spürbaren Bedarf an Bandbreiten jenseits der 200 Mbit/s. Solange das bestehende Netz für das aktuelle Nutzungsverhalten subjektiv ausreicht, sind viele Bürgerinnen und Bürger nicht bereit, für einen Glasfaseranschluss mehr zu bezahlen. Diese Zurückhaltung wird erst dann bröckeln, wenn der Bandbreitenbedarf in den kommenden Jahren massiv ansteigt. Durch den rasanten Einzug von KI-Anwendungen im Alltag, hochauflösendem Streaming, datenintensiven Uploads im Homeoffice und der vollständigen Verlagerung von Anwendungen in die Cloud (Software as a Service) wird die alte Kupfer-Infrastruktur unweigerlich an ihre physikalischen Grenzen stoßen. Erst dann wird der Wechsel zu echter Glasfaser für die breite Masse alternativlos.

DEKOM: Wie finanzieren Sie den weiteren Glasfaserausbau – und was bedeutet die Zurückhaltung der Banken bei einer Eigenkapitalquote unter 30 Prozent für Kommunen, die kein Nachrangdarlehen der Stadt mobilisieren können?

Michael Roelofs: Wir profitieren in Troisdorf von der starken Aufstellung unseres Querverbundes und der engen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unserer Muttergesellschaft TroiKomm und der Stadt Troisdorf. Dennoch spüren auch wir, dass die Banken bei der Kreditvergabe für den Breitbandausbau deutlich restriktiver geworden sind und strengere Maßstäbe an Eigenkapital anlegen. Das Kernproblem für uns ist dabei die extreme Gleichzeitigkeit konkurrierender, kapitalintensiver Investitions-Themen im kommunalen Querverbund: Wir müssen zeitgleich den massiven Ausbau des Stromnetzes für die Energiewende finanzieren, investieren in die klassische Daseinsvorsorge wie die Sanierung des örtlichen Schwimmbades und treiben parallel das Glasfasernetz voran. Diese Projekte kämpfen alle um dieselben finanziellen Ressourcen. Für Unternehmen, die bei einer Eigenkapitalquote von unter 30 Prozent keine Nachrangdarlehen oder Patronatserklärungen ihrer Stadt mobilisieren können, führt die Zurückhaltung der Banken zu einer dramatischen Ausbaubremse. Ohne diese Absicherung rückt eine klassische Bankenfinanzierung in weite Ferne. Der oft ins Spiel gebrachte Deutschlandfonds greift hier aktuell ins Leere: Er wurde zwar politisch angekündigt, allerdings fehlen in der Praxis bislang die konkreten Instrumente zur wirksamen Stärkung des Eigenkapitals von Stadtwerken. Für die betroffenen Regionen bedeutet das entweder den kompletten Baustopp beim Internet der Zukunft oder das bange Warten auf oft komplexe staatliche Förderprogramme. Eine Alternative zur reinen Bankenfinanzierung bieten hier Public-Private-Partnerships (PPP), um privates Kapital mit kommunaler Steuerung zu verknüpfen. Fehlen solche partnerschaftlichen Modelle jedoch, droht das komplette digitale Abhängen der Region: Da sich der rein private Ausbau in vielen Gebieten für Investoren allein nicht rechnet, findet ohne kommunale Flankierung oft überhaupt kein Ausbau mehr statt – oder die Netze werden im Zuge einer erzwungenen Marktübergabe rein renditeorientiert betrieben.

DEKOM: Die Auslastung Ihrer Ladesäulen liegt bei rund 20 Prozent – warum expandieren Sie im AC-Bereich dennoch nicht weiter?

Michael Roelofs: Als Stadtwerke Troisdorf haben wir eine klare Haltung: Wir sind beim Aufbau des Ladenetzes massiv in Vorleistung gegangen. Wir wollten und wollen der „Enabler“, also der proaktive Ermöglicher der regionalen Elektromobilität sein. Eine Auslastung von etwa 20 Prozent im öffentlichen Raum ist ein hervorragender Wert, der zeigt, dass unser bestehendes Netz gut platziert ist. Die Wahrheit ist aber auch: Allein mit dieser Auslastung finanziert sich diese Infrastruktur heute noch nicht. Vor diesem Hintergrund passt der oft laute Ruf nach immer mehr Ladesäulen schlicht nicht zur realen Dynamik bei den E-Fahrzeugneuzulassungen. Zudem verschieben sich die technologischen Anforderungen fundamental: Die Zukunftstechnologie für den öffentlichen Raum ist ganz klar das schnelle DC-Laden. Die Autofahrer wollen unterwegs keine Stunden blockieren, sondern schnell Reichweite nachladen. Das langsame AC-Laden hingegen wandert perspektivisch fast vollständig dorthin, wo Fahrzeuge ohnehin lange stehen – nämlich in den privaten und halböffentlichen Raum, sprich in die heimische Garage oder auf den Mitarbeiterparkplatz. Ein weiterer breiter Zubau von klassischen AC-Säulen im öffentlichen Straßenraum wäre daher wirtschaftlich und strategisch der falsche Weg.

DEKOM: Auf dem BDEW-Kongress haben Sie Ladebordsteine als innovative Lösung kennengelernt – was hat Sie daran überzeugt?

Michael Roelofs: Der Ansatz ist zweifellos ein interessanter Impuls für das Platzproblem auf städtischen Gehwegen. Die Idee, die Technik flächenschonend in die Bordsteinkante zu integrieren, hat rein konzeptionell ihren Charme, um Barrieren im öffentlichen Raum zu reduzieren. In der Praxis sehe ich Ladebordsteine für uns jedoch als eine Nischenlösung, da es sich hierbei um eine AC-Lade-Technologie handelt. Wie bereits erwähnt, gehört das langsame AC-Laden aus unserer Sicht perspektivisch primär in den privaten und halböffentlichen Bereich – also in die heimische Garage oder auf den Mitarbeiterparkplatz. Im öffentlichen Raum fordern die Kunden schnelles Laden, weshalb wir dort konsequent auf DC setzen. Der Ladebordstein bleibt damit ein interessanter Baustein, aber er ist kein Massenprodukt für unsere breite Infrastrukturstrategie. (DEKOM,17.08.2026) Mehr Infos hier…

Jeder Kubikmeter zählt – Wassernetze zwischen Hitzesommer und neuer TrinkwV

Der Sommer setzt die Trinkwasserversorgung vielerorts unter Druck. In mehreren Regionen haben Versorger ihre Kunden bereits zum Wassersparen aufgerufen, weil an heißen Tagen zu viel Wasser gleichzeitig angefordert wird und die Netze an ihre Leistungsgrenze kommen. Der Verband kommunaler Unternehmen bestätigt punktuell erhöhte Belastungen, wenn viele Menschen zeitgleich viel Wasser verbrauchen; es gehe weniger um grundsätzliche Knappheit als um Situationen, in denen die Systeme kurzfristig an Kapazitätsgrenzen stoßen. Umso schwerer wiegt in solchen Phasen jeder Kubikmeter, der durch Leckagen im Netz verloren geht. Zugleich stellt die novellierte Trinkwasserverordnung neue Anforderungen an den Netzbetrieb. Vor diesem Hintergrund stellt sich für Stadtwerke und Zweckverbände die Frage, wie sich gewachsene Verteilnetze mit vertretbarem Aufwand digital ertüchtigen lassen. Die Partner EBERO FAB und 3S Antriebe beschreiben das intelligente Wasserverteilnetz, oft „Smart Water Grid“ genannt, anhand von vier eng miteinander verzahnten Komponenten. Am Anfang steht ein flächendeckendes Online-Monitoring, das Druck und Durchfluss, ergänzend auch Trübung und Temperatur regelmäßig erhebt und um Verbrauchsdaten der Kunden ergänzt. Diese Daten kalibrieren permanent das hydraulische Modell des Netzes und machen es zum digitalen Zwilling, in dem sich jedes Ereignis und jede Maßnahme simulieren lässt. Auf dieser Grundlage berechnen Algorithmen Empfehlungen für einen optimierten Betrieb. Umgesetzt werden die ermittelten Fahrweisen durch ferngesteuerte Armaturen im Netz. Alle vier Komponenten sind nach Angaben der Partner verfügbar und lassen sich nachrüsten. Für den digitalen Zwilling genügten Importe aus dem vorhandenen hydraulischen Modell oder den GIS-Daten in die Plattform des Partners Qatium. Zur Kalibrierung würden, sofern nicht vorhanden, an geeigneten Stellen einige Druck- und Durchflussmessungen eingebunden. Liegen zusätzlich Verbrauchsdaten vor, etwa als CSV-Dateien oder über Smart Meter, steht die digitale Replika des Netzes allen Mitarbeitenden zur Verfügung, die im Netz arbeiten. Absperrungen und ihre Auswirkungen lassen sich vorab testen, ebenso eine mögliche Druckabsenkung unter Berücksichtigung der Löschwasserversorgung und von Bedarfsschwankungen. Das System alarmiert bei unerwarteten Ereignissen wie einem Druckabfall nach Rohrbruch und unterstützt Spülmaßnahmen zur Wasserqualität. Deutlich wird der Nutzen bei den Wasserverlusten. Mit mindestens einer Durchflussmessung lasse sich jede Nacht der Nullverbrauch dokumentieren; da der Verbrauch bekannt sei, ergäben sich die Verluste als Differenz. Werden Verluste festgestellt, ermöglichen ferngesteuerte Armaturen ein Step-Testing, mit dem sich eine Leckage einer Sub-Zone zuordnen lässt. Künftig soll ein Algorithmus auf Basis von Druckmessungen die wahrscheinlichste Position einer Leckage bestimmen, sodass die Detailortung und Reparatur am nächsten Morgen gezielt erfolgen können. Leckagen ließen sich so deutlich früher und mit geringerem Aufwand beheben. Ein wesentlicher Kostenfaktor entfällt bei der Nachrüstung der Armaturen. Die batteriebetriebenen Stellantriebe von 3S benötigen weder Kabelinfrastruktur noch Schachtbauwerke und lassen sich auf Bestandsarmaturen ohne Versorgungsunterbrechung installieren – auch schwer erreichbare Armaturen können so ohne Eingriffe in die Infrastruktur automatisiert werden. Im Einsatz ist die Technik unter anderem in Gelsenkirchen, Bottrop und Berlin. Wer die Wasserversorgung in Eigenregie oder über Stadtwerke betreibt und bereits über ein hydraulisches Modell oder gepflegte GIS-Daten verfügt, kann mit überschaubarem Aufwand beginnen und das System Schritt für Schritt um Messungen, Algorithmen und Automatisierung erweitern. Neben geringeren Wasserverlusten stehen dabei Resilienz, der Schutz der kritischen Versorgungsinfrastruktur sowie Energie- und CO2-Einsparungen im Ergebnis. (DEKOM, 17.08.2026) Ganzer Artikel hier…

Philippsburg: Erst das Netz, jetzt der Netzanschluss

Die Demission der Deutschen Glasfaser hält den Landkreis Karlsruhe seit Ende März in Atem: Ausbauprojekte gestoppt, Zeitpläne offen, viele Kommunen ohne Perspektive für die kommenden Jahre. Anders zeigt sich die Situation in Philippsburg – dort wurde das Netz rechtzeitig fertiggestellt. Bürgermeister Stefan Martus hat die Vorvermarktung damals selbst betrieben und den Anbieter mit der Landkreisgesellschaft zusammengebracht. Im Gespräch mit dem DEKOM erklärt er, warum Open Access für ihn die Bedingung war, was das BGH-Urteil zur Vertragslaufzeit vor Ort ausgelöst hat und welche Rolle der Netzanschluss des früheren Kernkraftwerks heute bei der Ansiedlung eines Rechenzentrums spielt. Den Startpunkt des Projekts setzt Martus im eigenen Haus an. Die Akquise des eigenwirtschaftlichen Ausbaus mit der Deutschen Glasfaser habe bei ihm begonnen, sagt er. Der damals zuständige Mitarbeiter der Deutschen Glasfaser sei ihm aus dessen Zeit bei Kabel BW bekannt gewesen, weil dieser am ehemaligen Kernenergiestandort bereits Koaxialkabel verlegt hatte. Entscheidend war die nächste Weichenstellung. „Ich habe gesagt, ich mache nichts Singuläres nur für Philippsburg, sondern wir machen das gemeinschaftlich, am besten landkreisweit“, so der Bürgermeister. Er habe den Anbieter mit dem Landkreis zusammengebracht, wo die Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe GmbH bereits gegründet war. Deren kaufmännischer Geschäftsführer Ragnar Watteroth sei ihm von Beginn an wichtig gewesen, damit das Netz im Open Access entstehe. Das Kabel gehöre zwar der Deutschen Glasfaser, jeder andere Carrier dürfe aber darauf zugreifen. In der Vorvermarktung zahlte sich das aus. Philippsburg war nach Darstellung des Bürgermeisters eine der ersten Gemeinden, die die 30-Prozent-Quote erreichte. Er selbst sei wöchentlich im Stadtanzeiger präsent gewesen und habe Verträge eingeworben, bis der Vollausbau tragfähig war. Ganz fertig ist die Stadt trotzdem noch nicht. Vor einzelnen Hauswänden schauen weiterhin Röhrchen aus dem Gehweg, in die keine Faser eingeblasen ist. Betroffen sind nach Angaben von Martus jene Grundstücke, deren Eigentümer nicht rechtzeitig festgelegt hatten, wo im Haus der Übergabepunkt sitzen soll bzw. die Tiefbaumitarbeiter nur wenig Deutsch verstanden haben. Er gehe davon aus, dass der Anbieter diese Anschlüsse noch fertigstelle, schließlich seien die Investitionen im Boden bereits getätigt und müssen nun Geld verdienen. Für Verwaltungen ist das ein Punkt, den es schriftlich zu fixieren lohnt, denn Restarbeiten dieser Größenordnung geraten erfahrungsgemäß als Erstes in Vergessenheit. Für Unruhe sorgte zuletzt weniger der Tiefbau als die Rechtsprechung. Der Bundesgerichtshof hat am 8. Januar 2026 entschieden, dass die Mindestvertragslaufzeit bei Glasfaserverträgen mit dem Vertragsschluss beginnt und nicht erst mit der Freischaltung des Anschlusses. Klauseln, die den Fristbeginn auf die technische Aktivierung legen, sind damit unwirksam. Im Mai bestätigte das Landgericht Bochum diese Linie in einem Anerkenntnisurteil gegen die Deutsche Glasfaser Wholesale GmbH. In Philippsburg schlug das unmittelbar durch. Als das Signal auf der Leitung war, seien die zwei Jahre längst abgelaufen gewesen, schildert Martus. Entsprechend viele hätten gekündigt. Aufgefangen hat das ausgerechnet die Konstruktion, auf die er vor Jahren bestanden hatte. Weil 1&1 als Anbieter auf dem Netz nun auch verfügbar war, wechselten viele nicht aus dem Glasfasernetz heraus, sondern innerhalb des Netzes zurück zu ihrem früheren Anbieter. Die Telekom prüfe einen Einstieg ebenfalls, dort seien allerdings noch technische Fragen offen, weil das Netz Internet erst ab dem IPv6-Protokoll anbiete und viele Bestandskunden mit älteren Firewalls auf IPv4 angewiesen seien. Die Gewerbe- und Industriegebiete wurden ohnehin über einen anderen Weg erschlossen, nämlich über die Landkreisgesellschaft und deren Auftragnehmer. Martus war dort bereits seit 2009 in die Anbindung involviert, damals noch mit Fiber-to-the-Curb der Telekom und später über die Landkreisgesellschaft mit Glasfaser bis ins Haus (FTTH). Zwei parallele Ausbaupfade, die sich in Philippsburg ergänzt haben statt sich zu überbauen. Darüber hinaus sind 2009 beide Stadtteile mit FTTC angebunden worden.  Für die wirtschaftliche Zukunft der Stadt ist inzwischen eine andere Infrastruktur maßgeblich. Auf dem ehemaligen Goodyear-Gelände im Industriepark plant die Wirth Gruppe aus Waghäusel unter dem Namen Engrida einen Rechenzentrumscampus, dem der Gemeinderat im Juni einstimmig zugestimmt hat. Für das Areal liegt eine Netzzusage der TransnetBW über 707 Megawatt Bezugsleistung und 247 Megawatt Einspeiseleistung vor, angeschlossen über die bestehende 380-kV-Schaltanlage am Standort. Martus rechnet vor, was das bedeutet. Installierbar wäre nach seiner Darstellung ein Datacenter mit 600 Megawatt IT-Load. Legt man branchenübliche 13 Millionen Euro je Megawatt für die Baulichkeiten ohne Server zugrunde, komme man auf ein Bauvolumen zwischen 7,8 und 9 Milliarden Euro. Rund 16 Hektar umfasst die Fläche, zehn weitere stehen als Erweiterung bereit. Gepuffert werden soll die Energie über eine Batterie in der Größenordnung der Einspeiseleistung. Dass der Standort diese Kapazitäten überhaupt bieten kann, ist ein Erbe des Kernkraftwerks. Nach dem Rückbau entstand auf der Rheinschanzinsel der Konverter der Gleichstromtrasse Ultranet, die Windstrom aus dem Norden nach Baden-Württemberg transportiert. Die EnBW errichtet dort zudem einen Batteriespeicher mit 400 Megawatt Leistung und 800 Megawattstunden Kapazität. Für die Datenanbindung großer Rechenzentren spielt das Ortsnetz nach Einschätzung des Bürgermeisters praktisch keine Rolle, weil die EnBW über die NetCom Lichtwellenleiter direkt auf den Höchstspannungsleitungen führt, die von Philippsburg aus in einen großen Internetknoten in Frankfurt laufen. Entlang der Bahnlinie verläuft eine weitere leistungsfähige Trasse. Bemerkenswert ist weniger das Projekt selbst als die Art, wie die Stadt hineingeht. Ein Batteriespeicher braucht nach Darstellung von Martus keine breite Datenleitung, sondern nur eine schnelle für den Viertelstundentakt, und die lasse sich über das vorhandene Glasfasernetz abbilden. Im Mittel- und Hochspannungsnetz hat er sämtliche Speicheranfragen abgelehnt, weil diese Ebene an der Kapazitätsgrenze arbeitet. An erster Stelle stünden für ihn Arbeitsplätze, danach die Einspeisung erneuerbarer Energien. Speicher kämen zuletzt. Die Leitungsführung vom Campus zum Anschlusspunkt auf der Rheinschanzinsel verläuft ausschließlich über städtisches Gelände. Dafür wird eine Nutzungsentschädigung fällig, deren Höhe sich an der installierten IT-Load bemisst. Die Abwärme müssen die Betreiber vollständig zur Verfügung stellen, und Martus will sich die Abnahme zusätzlich vergüten lassen, weil den Betreibern damit eine teure Rückkühlung erspart bleibt. Darauf soll ein Wärmenetz aufbauen. Die Gewerbesteuer will er sich, wenn es nicht anders geht, über eine Mindestausschüttung aus einem Fonds absichern. „Wer den Niedergang von Goodyear in Philippsburg miterlebt hat, weiß, wie amerikanische Konzerne ticken“, sagt er mit Blick auf die Verhandlungen. Im Gespräch ist die Stadt derzeit mit Amerikanern sowie mit deutschen und Schweizer Anbietern. Gesucht wird nach seinen Worten das bestmögliche Konzept für den Industriestandort Deutschland, was BSI-Konformität, europäische Datenstandards sowie Datensouveränität und Datenintegrität einschließe. Dass sich das durchsetzen lässt, hat einen nüchternen Grund. Philippsburg bringt zwei Dinge mit, die eine Kommune in eine Verhandlungsposition bringen: ein Netz, dessen Vorvermarktung die Stadt selbst betrieben hat, und eine Anschlusskapazität, die das stillgelegte Kraftwerk hinterlassen hat. Aus dem Standort selbst folgt daraus noch nichts. Was daraus wird, entscheidet sich an den Bedingungen, die die Stadt an ihre Fläche, ihre Trassen und ihre Abwärme knüpft. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…

Digitalisierung der Kreislaufwirtschaft: „Die hatten den Mut, die Satzung zu ändern“

Nur rund 13 Prozent der in Deutschland eingesetzten Rohstoffe sind Sekundärrohstoffe – wiederaufbereitetes Material aus zweiter Hand. Die übrigen 87 Prozent stammen aus dem Primärabbau, weit überwiegend aus dem Ausland. Genau an dieser Lücke setzt die SYNQONY-Gruppe an: Das Unternehmen entwickelt Software für die gesamte Wertschöpfungskette der Kreislaufwirtschaft – von der Sperrmüllbestellung des Bürgers über Beförderer, Sammler und Entsorger bis zur digitalen Nachweisführung im Umweltamt. Rund 9.000 Kunden nutzen sie. Firmenchef Robert Schmitz beobachtet das Feld seit über 20 Jahren. Anfang Juni hat der Bund ein Aktionsprogramm für die Kreislaufwirtschaft aufgelegt und Fördermittel bis 2030 eingeplant. Im Gespräch mit dem DEKOM erklärt Schmitz, warum der entscheidende Schritt aus seiner Sicht trotzdem nicht in Berlin fällt, sondern in einer Vorlage, die jeder Rat selbst beschließen kann.

Herr Schmitz, die SYNQONY-Gruppe besteht heute aus mehreren Unternehmen. Womit hat das angefangen?

Schmitz: Der Nucleus war die Firma 2R Software, die ich über 20 Jahre aufgebaut habe. Wir haben ERP-Software für gewerbliche Entsorger gemacht, also Auftragsabwicklung, Wiegen, Abrechnen, Containerverwaltung, den gesamten Prozess. Vor vielen Jahren habe ich dann angefangen, auch für das Abfallmanagement der Abfallerzeuger eine Lösung zu entwickeln, weil da einfach großer Bedarf ist. Genau da habe ich mich entschieden. Ich hatte immer eine sehr große Vision von digitaler Kreislaufwirtschaft, und mir wurde noch einmal richtig bewusst, dass ich die gerne realisieren würde. Deshalb habe ich mir einen Investor gesucht. Nicht, um das Unternehmen abzugeben, sondern um einen Hintergrund zu haben, mit dem wir viel größer denken können.

Seither haben Sie mehrere Unternehmen zugekauft. Ist das Wachstum Selbstzweck?

Schmitz: Die Grundidee dieses Unternehmenskaufens ist nicht, einfach Unternehmen zu kaufen, sondern die Verwirklichung dieser Idee einer digitalen Kreislaufwirtschaft. Wir haben aktuell rund 9.000 Kunden und vier Bereiche, die Abfallerzeuger, die Entsorger, die Regulatorik und die Behördenseite mit Umweltämtern und Abfallwirtschaftsbetrieben. Wir decken vom Bürger mit Tonnenleerung und seiner Sperrmüllbestellung bis zum Umweltamt alles ab, was mit Kreislaufwirtschaft zu tun hat. Seit drei Jahren entwickeln wir gemeinsam eine neue Plattform, und das wird die eigentliche Verwirklichung der Vision der digitalen Kreislaufwirtschaft. Da hilft uns künstliche Intelligenz gerade massiv weiter. Jeder Zukauf hat genau das Stück ergänzt, das für dieses Gesamtbild noch gefehlt hat.

Kreislaufwirtschaft gilt vielerorts als Zuständigkeit des Abfallwirtschaftsbetriebs. Sie sagen, sie gehört ins Büro der Verwaltungsspitze.

Schmitz: Weil dort die Satzung beschlossen wird. Jede Stadt und jeder Kreis hat eine eigene, historisch gewachsene. Das führt dazu, dass Digitalisierungsprojekte ausgeschrieben werden, die die individuelle Gebührensatzung referenzieren. Der Software-Anbieter muss sich darauf einstellen. Jedes Projekt für die kommunale Abfallwirtschaft wird damit ein recht individuelles Projekt.

Mit welchen Folgen?

Schmitz: Erstens können die Software-Anbieter nur wenige solcher Projekte im Jahr erfolgreich umsetzen. Zweitens ist das eine wirkliche Verschwendung von Steuergeld, einmal bei der Investition und dann im laufenden Betrieb. Denn es gibt kaum Austausch in Sachen Best Practice. In dem einen Kreis wird der Restabfall verwogen. Im nächsten wird mit der Papierentsorgung Geld verdient und das an die Bürgerinnen und Bürger rückvergütet. Das gibt es dann nur dort. Dafür gibt es viele Begründungen, die Satzung, die Politik, das ist auch alles nachvollziehbar. Am Ende landen diese Themen trotzdem nirgendwo anders.

Warum korrigiert sich das nicht über die Ausschreibung selbst?

Schmitz: Weil in den Ausschreibungen steht, das hier ist unsere Satzung, das musst du entsprechend abbilden. Es macht keiner seine Gebührenabrechnung analog. Aber ausgeschrieben wird so, wie es die Satzung vorgibt. Also gibt es auch keine Verbesserung und Innovation im eigentlichen Kern. Das verhindert teils die Digitalisierung und treibt die Kosten. Das ist meiner Meinung nach sehr innovantionsfeindlich und verhindert das Potenzial, das die Kreislaufwirtschaft hätte.

Welches Potenzial meinen Sie konkret?

Schmitz: Deutschland wird immer als Trennweltmeister bezeichnet. Als Weltmeister vielleicht schon, aber beim Heben der Potenziale ist aus meiner Sicht noch sehr viel Luft nach oben. Dass die braune Tonne ein absolut wertvolles Gut ist, für Biogas oder für Kompost, wird überhaupt nicht aktiv von den Behörden vorangetrieben. Dass sich mit Papier Geld verdienen lässt, auch nicht, und umgesetzt wird es erst recht nicht. Viele Bürger trennen nicht, aus Unkenntnis oder weil es ihnen zu aufwendig erscheint, und werfen alles in die graue Tonne. Genau da entstehen die Potenziale, für die Stadt bei den Kosten und für den Bürger bei den Gebühren.

Der Bund treibt das Thema inzwischen mit Programm und Geld. Reicht das nicht?

Schmitz: Nein, und das ist meine Kritik daran. Auf Bundesebene wird die Kreislaufwirtschaft vorangetrieben, aber die einzelne Stadt treibt sie nicht voran. Das Abfallaufkommen aus den privaten Haushalten ist riesig. Und da gibt es keine ausreichende und innovative Kreislaufwirtschaft außer der, die zwangsweise verordnet wurde. Das darf doch eigentlich nicht sein.

Was raten Sie einem Bürgermeister, der das ändern will und Satzungen und eingefahrene Prozesse vorfindet?

Schmitz: Der erste Schritt ist die Frage, wie sich aus der Kreislaufwirtschaft wirklich Nutzen ziehen lässt. Es gibt sehr moderne und innovative Landkreise in Deutschland, unser Nachbarkreis Ahrweiler zum Beispiel, die haben da extrem viel umgesetzt. Und was die hatten, ist die Antwort auf Ihre Frage. Die hatten den Mut und die Möglichkeit, die Satzung zu ändern. Das ist der Schlüssel. Solange es heißt, ich kann das nur so machen, wie es schon immer ist, weil die Satzung das vorgibt, kann sich gar nichts ändern. Dann muss so ausgeschrieben werden, wie die Satzung es vorgibt, und so abgerechnet werden, wie die Satzung es vorgibt.

Woran erkennt man eine Satzung, die den Weg freimacht?

Schmitz: Dass die Menge der Restabfälle gewogen oder nach Volumen abgerechnet wird. Dass es wirklich gezielte Kampagnen gibt, die eigene braune Tonne zu nutzen. Und dass es gute Verträge gibt, um die Papiererlöse effizient zu nutzen. Das hängt unmittelbar mit der Trennung zusammen. Solange die Bürgerinnen und Bürger nicht besser trennen und nicht verstehen, warum, passiert nichts. Wenn auf dem Gebührenbescheid steht, hier hast du zehn Euro zurückbekommen, fangen die plötzlich an, das zu verstehen. Und dann kommen wir zur Kreislaufwirtschaft.

Sie verkaufen Software. Ist das nicht auch Eigeninteresse?

Schmitz: Man kann sich natürlich vorstellen, dass ich aus dieser Welt komme und ein Verfechter von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit bin. Aber ich sehe das nicht nur aus meiner eigenen Branchenperspektive, und ich sage das nicht aus kommerziellen Interessen. Ich finde, da läuft wirklich einiges falsch. Das ist eine Verschwendung von Steuergeldern und eine Verschwendung von Kreislaufwirtschaftspotenzial. Was ich mir wünschen würde, wäre ein einheitlicheres, relativ generisches und vereinfachtes Gebührenmodell, das in der Umsetzung als Softwarelösung einen Bruchteil dessen kostet, was heute für solche Projekte nötig ist. Wir machen bewusst keine Ausschreibungsprojekte und wollen auch keine Individualsoftware. Das setzt aber voraus, dass es überhaupt eine Standardisierung gibt.

Ihr Blick fünf Jahre nach vorn?

Schmitz: Dass sich immer mehr Städte und Kreise satzungsmäßig öffnen und den Mut haben, diese Tür für die Kreislaufwirtschaft aufzumachen, mit Bürgerkommunikation und mit den technischen Möglichkeiten. Das heißt: die Potenziale konsequent zu Ende denken, sie in der Satzung verankern und zu einer viel einfacheren Gebührenabrechnung kommen, die den Bürger dafür belohnt, dass er mitmacht. Dann sparen am Ende alle spürbar Geld. Wenn es darüber einen Konsens gäbe, mit deutlich weniger Varianten als heute, ließe sich das Ganze wirklich konsequent digitalisieren. Dann wäre auch das Softwareprojekt einfach, statt zwei Jahre zu dauern. Und dann haben wir an allen Enden richtig etwas gewonnen.  (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…

Abschaltung der De-Mail und der Bedarf an Ersatz für vertrauliche Post

Der Bundestag hat das De-Mail-Gesetz Ende Mai aufgehoben, der letzte verbliebene Anbieter stellt den Dienst zum 31. Dezember 2026 ein. Bestehende Postfächer lassen sich Anfang 2027 noch drei Monate lesen, danach werden die Inhalte gelöscht. Die Auswirkungen dürften sich in Grenzen halten. Bundesbehörden verschickten zwischen 2016 und 2019 rund 6.000 Nachrichten, ein Tausendstel des erwarteten Aufkommens. In den meisten Rathäusern lag der Zugang brach, in der Bundesverwaltung endete der Betrieb schon 2024. Vertrauliche Unterlagen gehen weiterhin täglich an Stellen außerhalb der Verwaltung, an Anwaltskanzleien, Planungsbüros, Gutachter, Sozialleistungsträger und Wirtschaftsprüfer. Für den Verkehr mit Bürgern steht das Postfach der BundID zur Verfügung, für den mit Gerichten das elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach. Für alles dazwischen gibt es keine vorgegebene Lösung. Die Anforderungen des Datenschutzes gelten trotzdem. Meist läuft das über E-Mail. Der Ordner wandert in ein passwortgeschütztes Archiv, das Passwort geht per Telefon durch, größere Dateien über einen kostenlosen Downloaddienst. Fragt eine Bürgerin nach Artikel 15 der Datenschutz-Grundverordnung, an welche Empfänger ihre Daten gegangen sind, oder muss ein Datenleck binnen 72 Stunden gemeldet werden, fehlt der Nachweis, wer wann welche Datei erhalten hat. Sozialdaten fallen in jeder Verwaltung an, im Jugendamt, im Sozialamt, in der Wohngeldstelle. Für ihre Übermittlung gilt das Sozialgeheimnis nach § 35 des Ersten Sozialgesetzbuchs, die §§ 67 ff. des Zehnten Sozialgesetzbuchs verlangen Maßnahmen gegen unbefugte Kenntnisnahme. Wer darüber hinaus eine Klinik, ein medizinisches Versorgungszentrum oder eine Pflegeeinrichtung in eigener Trägerschaft betreibt, unterliegt seit Juli 2025 einer zusätzlichen Anforderung. Nach § 393 des Fünften Sozialgesetzbuchs dürfen Gesundheits- und Sozialdaten dort nur noch über Cloud-Dienste laufen, deren Sicherheitsmaßnahmen ein Wirtschaftsprüfer über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten geprüft hat. Dieselbe Anforderung gilt für die digitale Übermittlung von Passbildern an die Ausweisbehörde. Für den Versand vertraulicher Dateien haben sich eigene Lösungen etabliert. FTAPI aus München bindet den verschlüsselten Versand in das vorhandene Mailprogramm ein, die Gegenseite antwortet ohne eigenes Konto, jeder Zugriff wird protokolliert. Das Unternehmen betreut mehr als 2.000 Organisationen und hat sein Testat nach dem Sicherheitskatalog des BSI im Sommer erneuert, bezogen auf das Unternehmen und das in Deutschland entwickelte Produkt. Der Zuschnitt des Testats entscheidet über die Verwendbarkeit. Ein Nachweis des Rechenzentrumsbetreibers deckt die Infrastruktur ab, nicht die Software, die dort läuft. Verarbeitet die Anwendung selbst Sozial- oder Gesundheitsdaten, wird nach überwiegender Auslegung ein eigenes Testat des Softwareanbieters benötigt. Fehlt es, bleibt die Einrichtung in eigener Trägerschaft außen vor. Digitale Souveränität ist inzwischen ein Vergabekriterium. Den Auftrag für seine Verwaltungscloud hat der Bund im April an SAP und die Deutsche Telekom vergeben und dabei erstmals die Unabhängigkeit von einzelnen Konzernen über den Preis gestellt. Der Serverstandort allein trägt dabei nicht, sagt FTAPI-Geschäftsführer Ari Albertini. Wer dem amerikanischen CLOUD Act unterliegt, muss Daten an US-Behörden herausgeben, auch wenn die Rechner in Deutschland stehen. Betroffen sind Tochtergesellschaften amerikanischer Konzerne unabhängig davon, wo sie ihre Rechenzentren betreiben. Ob eine Lösung im Alltag benutzt wird, hängt an der Gegenseite. Verlangt sie vom Anwaltsbüro oder vom Handwerksbetrieb erst eine Anmeldung, wählt der Empfänger den bequemeren Weg und schickt seine Antwort als Anhang an einer gewöhnlichen Mail zurück. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Kommunen mit abgeschlossenem Wärmeplan

Die kommunale Wärmeplanung in Deutschland gewinnt weiter an Tempo. Zum 30. Juni 2026 haben bundesweit 2.836 Gemeinden ihre Wärmeplanung abgeschlossen – doppelt so viele wie noch Ende 2025. Das entspricht 26 Prozent der Gemeinden in Deutschland. Weitere 4.419 Kommunen arbeiten derzeit an einem Wärmeplan. Damit haben bereits rund zwei Drittel aller Gemeinden die Wärmeplanung abgeschlossen oder auf den Weg gebracht. Das zeigt eine Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) für das erste Halbjahr 2026. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (56 Prozent) lebt inzwischen in Kommunen mit abgeschlossenem Wärmeplan. Für rund ein weiteres Drittel wird derzeit ein Wärmeplan erarbeitet. Öffentlich verfügbar sind aktuell 1.217 Wärmepläne. Die Differenz zur Zahl der Gemeinden mit abgeschlossenen Planungen ergibt sich aus interkommunalen Kooperationen, bei denen mehrere Gemeinden gemeinsam einen Wärmeplan erstellen.  „Die kommunale Wärmeplanung hat bundesweit deutlich an Dynamik gewonnen“, sagte Justus Thiele, Autor des Berichts. „Die hohe Zahl interkommunaler Kooperationen verdeutlicht zugleich, dass viele Kommunen die Wärmewende gemeinsam angehen. Gerade kleinere Gemeinden können so personelle und finanzielle Ressourcen bündeln und regionale Potenziale besser nutzen.“ Ein Schwerpunkt des Halbjahresberichts ist die Wärmeplanung in Großstädten. Für Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern endete die gesetzliche Frist zur Vorlage eines Wärmeplans am 30. Juni 2026. Von den 83 Großstädten haben 72 ihre Wärmeplanung fristgerecht abgeschlossen. In den übrigen Städten wird die spätere Fertigstellung bis Ende 2026 erwartet. Gründe können unter anderem sein: Verzögerungen durch andere Aufgaben der Kommunen, ausgefallene oder verschobene Gremiensitzungen sowie Anpassungen an das neue Gebäudemodernisierungsgesetz. Die Auswertung der Wärmepläne zeigt zudem, dass viele Großstädte ambitionierte Annahmen für den Umbau ihrer Wärmeversorgung treffen. Mehr als die Hälfte der vorliegenden Pläne orientiert sich am Zieljahr 2045, rund ein Drittel strebt bereits das Jahr 2040 an. Einzelne Städte wollen ihre Wärmeversorgung schon bis 2035 oder 2038 klimaneutral umstellen. „Je früher das Zieljahr angesetzt wird, desto kürzer ist der verbleibende Zeitraum für die Umsetzung. Dann müssen energetische Sanierung, der Ausbau der Wärmenetze und die Umstellung auf erneuerbare Wärmeversorgung deutlich schneller voranschreiten“, sagte Andrea Arnold-Drmic, Mitautorin des Berichts. Besonders deutlich wird dieser Handlungsbedarf bei der energetischen Sanierung von Gebäuden. Viele der untersuchten Wärmepläne für Großstädte kalkulieren mit einer jährlichen Sanierungsrate von zwei Prozent. Die tatsächliche Sanierungsquote für Wohngebäude lag 2025 bundesweit dagegen bei unter einem Prozent. „Viele Wärmepläne setzen Sanierungsraten voraus, die deutlich über dem heutigen Niveau liegen. Ob diese Annahmen erreicht werden können, hängt wesentlich von Investitionen, den verfügbaren Fachkräften und den Kapazitäten im Baugewerbe ab“, sagte Andrea Arnold-Drmic. Auch Wärmenetze gewinnen nach den Planungen der Kommunen an Bedeutung. Soweit die Wärmepläne konkrete Angaben zum Anteil der Wärmenetze an der Wärmeversorgung enthalten, liegt dieser im Basisjahr durchschnittlich bei rund 22 Prozent. In den Zielszenarien steigt der Anteil auf knapp 50 Prozent. Mehr als die Hälfte der auswertbaren Wärmepläne sieht künftig einen Wärmenetzanteil von über 50 Prozent vor.

Hintergrund

Das BBSR begleitet die kommunale Wärmeplanung bundesweit mit einem kontinuierlichen Monitoring. Der Halbjahresbericht dokumentiert den Umsetzungsstand zum 30. Juni 2026. Grundlage sind öffentlich verfügbare Wärmepläne sowie ergänzende Erhebungen des BBSR. Erstmals enthält der Bericht zudem eine vertiefte Analyse der Wärmepläne deutscher Großstädte. (BBSR, 04.08.2026) Ganzer Artikel hier…

Sozialverband fordert verbindlichen Hitzeschutz und dauerhafte Finanzierung

Angesichts Temperaturen von bis zu 38 Grad am Wochenende fordert der SoVD nachdrücklich einen stärkeren Fokus auf Hitzeschutz. In diesen Tagen rollt die nächste sommerliche Hitzewelle über das Land. Die vergangenen Wochen haben eindrücklich vor Augen geführt, dass Deutschland auf immer heißere Sommer nur unzureichend vorbereitet ist. Nicht nur die über 12.000 Hitzetoten, die das Robert Koch Institut gemeldet hat, müssen ein deutliches Warnzeichen sein. Der viel zu lange nur halbherzig bekämpfte Klimawandel zeigt mittlerweile seine brutalen Auswirkungen. Der SoVD setzt sich dafür ein, besonders vulnerable Gruppen besser zu schützen und ruft die Politik zum entschlossenen Handeln auf. Hohe Temperaturen sind vor allem für ältere Menschen, Pflegebedürftige, chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen eine erhebliche gesundheitliche Gefahr.  Die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier betont: „Extreme Hitze ist längst zu einem sozialen Gesundheitsrisiko geworden. Wer auf Pflege, medizinische Versorgung oder staatliche Unterstützung angewiesen ist, darf nicht davon abhängig sein, ob ein Gebäude ausreichend vor Hitze schützt oder nicht. Der SoVD fordert deshalb bundesweit verbindliche Mindeststandards für Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge und der kritischen Infrastruktur. Dazu gehören insbesondere Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der Behindertenhilfe, Kitas, Schulen und weitere öffentliche Gebäude. Wo es zum Schutz von Menschenleben und zur Aufrechterhaltung einer sicheren Versorgung erforderlich ist, muss nach Auffassung des Verbandes auch eine bedarfsgerechte Klimatisierung gewährleistet sein. Von der zunehmenden Hitze sind nicht nur die Menschen betroffen, die in diesen Einrichtungen versorgt und betreut werden. Auch Beschäftigte in Pflege, Gesundheitswesen und Sozialberufen geraten bei extremen Temperaturen immer stärker an ihre Belastungsgrenzen. Freiwillige Maßnahmen und kommunale Einzelinitiativen reichen aus Sicht des SoVD nicht aus. Notwendig sind verbindliche Hitzeschutzkonzepte, Investitionen in die Modernisierung öffentlicher Einrichtungen und langfristige Förderprogramme für bauliche Anpassungen. Hinzukommen müssen flächendeckend zugängliche Trinkwasserangebote, öffentliche Kühlräume sowie klare Notfall- und Krisenpläne für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen „Der Bund darf die Verantwortung dafür nicht länger auf Länder, Kommunen oder einzelne Träger abschieben“, erklärt Engelmeier. „Hitzeschutz ist Teil der staatlichen Daseinsvorsorge und muss dauerhaft finanziert werden. Angesichts tausender hitzebedingter Todesfälle jedes Jahr wäre weiteres Der SoVD unterstützt daher auch eine Änderung des Grundgesetzes, die Bund, Ländern und Kommunen ermöglichen soll, den Hitzeschutz gemeinsam zu finanzieren und dauerhaft umzusetzen. Kommunen, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser brauchen eine verlässliche finanzielle Grundlage, damit notwendige Schutzmaßnahmen nicht von ihrer jeweiligen Haushaltslage abhängen. „Die vielen Hitzetoten sind ein dramatisches Warnsignal und zeigen, dass Deutschland beim Hitzeschutz schneller und verbindlicher handeln muss“, betont Engelmeier. „Besonders ältere Menschen, Pflegebedürftige, chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen brauchen Schutz, der sie auch tatsächlich erreicht.“ Hitzeschutz muss nach Auffassung des SoVD zu einem festen Bestandteil der Gesundheits-, Sozial- und Katastrophenvorsorge werden. Die notwendigen Vorkehrungen müssen getroffen werden, bevor die nächste Hitzewelle Menschenleben gefährdet. (SoVD, 14.08.2026) Ganzer Artikel hier…