Im Ortenaukreis werden fast 1 Milliarde Euro in den Glasfaserausbau investiert. Rund 500 Mio. Euro davon steuert die Breitband Ortenau bei, finanziert aus Bundes- und Landesmitteln — das größte Infrastrukturprojekt der Region. Geschäftsführer Josef Glöckl-Frohnholzer hat dafür 40 Mitarbeiter aufgebaut, ein hybrides Ausbaumodell mit mehreren TK-Unternehmen etabliert und die gesamte Wertschöpfungskette vom Förderantrag bis zur Bauüberwachung im Haus gebündelt. Doch mit jeder neuen Ausbauphase wächst der Druck: 300 bis 400 Kilometer Backbone-Trasse und tausende Kilometer Ortsnetztrassen stehen noch aus, eigenwirtschaftliche Partner ziehen sich zurück, und die Genehmigungslage für kostengünstigere Verlegeverfahren bleibt ungelöst.
Herr Glöckl-Frohnholzer, Sie leiten einen Zweckverband mit 47 kommunalen Gesellschaftern. Als Sie 2020 anfingen, waren zwei Mitarbeiter da und 700.000 Euro Jahresinvestition. Was haben Sie anders gemacht als andere Zweckverbände?
Glöckl-Frohnholzer: Wir haben im Wesentlichen zwei Dinge anders gemacht. Erstens haben wir festgestellt, dass Dienstleistungen am Markt überteuert sind und die Zweckverbände fachlich meistens nicht so aufgestellt sind, dass sie beurteilen können, was dort realisiert wird. Deshalb haben wir das komplette Portfolio an Kompetenzen bei uns aufgebaut. Ich habe mit zwei Mitarbeitern gestartet, im Moment sind wir knapp 40. Wir machen das komplette Projektmanagement — jede Kommune hat einen eigenen Projektmanager von uns. Wir machen Markt- und Versorgungsanalysen, das klassische Markterkundungsverfahren jährlich. Wir wissen von 128.000 Gebäuden in der Ortenau, wie jedes Gebäude versorgt ist. Wir machen die komplette Netzplanung, die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, wir bereiten alles vor für die Kommunen.
Wir machen die komplette Fördermittelberatung: Fördermittelanträge, Zahlungsanforderungen, Änderungsbescheide, Zwischennachweise, Verwendungsnachweise. Wir wickeln alles mit dem Fördermittelgeber ab. Der Breitbandausbau in Deutschland ist extremst bürokratisch und komplex. Wir haben dieses komplette Thema für einen ganzen Landkreis gebündelt.
Außerdem machen wir die Bauüberwachung, die Einmessungen der Trassen, das Hausanschlussmanagement. Und wir verwalten das komplette TK-Netz mit einem eigenen IT-System — Dokumentation, Verwaltung der passiven Infrastruktur, Einholung der Pachteinnahmen vom Netzbetreiber. Die Kommunen brauchen keine eigenen Kompetenzen. Wir sind Full-Service-Provider.
DEKOM: Und der zweite Punkt?
Glöckl-Frohnholzer: Der zweite Ansatzpunkt: Wenn ein Flächenlandkreis wie die Ortenau zu 100 Prozent ausgebaut werden soll, müssen Sie ungefähr eine Milliarde rechnen. Deshalb haben wir ein hybrides Ausbaumodell implementiert. Wir haben proaktiv seit 2021 die einzelnen TK-Unternehmen angesprochen und mit denen abgestimmt, wer was ausbaut.
Ein Beispiel: In Zell am Harmersbach baut die UGG im verdichteten Bereich aus, weil es dort ökonomisch wirtschaftlich ist. Wir bauen die Außenbereiche im Schwarzwald. Und im verdichteten Gebiet verlegt das Tiefbauunternehmen der UGG schon Leerrohre für uns mit — synergetische Mitverlegung. So müssen wir die Straßenkörper nur einmal öffnen. Für das TK-Unternehmen ist es ebenfalls wirtschaftlicher, weil Mitverlegungspreise günstiger sind als separate Verlegung.
DEKOM: Was bedeutet das in Zahlen?
Glöckl-Frohnholzer: Wir haben das ganze Projekt in fünf Phasen strukturiert, jedes Jahr Förderanträge gestellt. Für alle Kommunen liegen Förderbescheide vor. Wir investieren insgesamt 420 bis 440 Millionen Euro im geförderten Breitbandausbau, der eigenwirtschaftliche Ausbau umfasst etwa 500 bis 600 Millionen Euro. Also ungefähr eine Milliarde insgesamt — das größte Infrastrukturprojekt der Ortenau. Das Projekt ist auf zehn Jahre ausgelegt, wir haben ungefähr 121.000 Anschlüsse. Im Schwarzwald mit seinen verteilten Strukturen ist es aufwendig zu bauen.
DEKOM: Wie organisieren Sie die Bürgerkommunikation — machen Sie die selbst oder überlassen Sie die den Telekommunikationsunternehmen?
Das muss man unterscheiden. Beim eigenwirtschaftlichen Ausbau — bei uns bauen UGG, Deutsche Glasfaser, die Telekom und die Meridian für Vodafone — übernimmt häufig das TK-Unternehmen die Kommunikation. Wir begleiten aber: Meistens gibt es eine Bürgerveranstaltung, bei der wir das komplette hybride Modell vorstellen. Jeder Bürger weiß dann, wer sein Gebäude ausbaut und wer vor seiner Haustür arbeitet. Auf unserer Homepage kann jeder Bürger seine Gebäudeadresse eingeben und bekommt die Information, ob er gefördert durch die BOKG oder durch UGG, Telekom oder jemand anders ausgebaut wird.
Beim geförderten Ausbau machen wir es direkt: Wir schreiben die Bürger an, die bekommen einen Flyer, davor findet meistens eine Bürgerveranstaltung statt. Dann müssen die Bürger die Gebäudeeigentümererklärung zurückschicken. Danach kommt unser Hausanschlussmanagement und bespricht mit den Bürgern, wo der Hausübergabepunkt gesetzt wird. Am Ende gibt es eine Auftaktveranstaltung mit dem Netzbetreiber.
DEKOM: Unterstützen Sie die Kommunen auch beim eigenwirtschaftlichen Ausbau, den die TK-Unternehmen verantworten?
Glöckl-Frohnholzer: Ja, massiv. Wir haben Bauüberwacher, die wir den Kommunen zur Verfügung stellen. Die Bauämter sind meist überfordert: Welche rechtliche Grundlage gibt es, wie ist die Verlegetiefe, welche Möglichkeiten hat die Kommune, das Bauunternehmen unter Druck zu setzen, kann ich eine Gewährleistungsbürgschaft einholen? Die Bürgermeister und Bauämter werden von uns per Newsletter ständig informiert, welche Veränderungen es im Glasfaserausbau gibt und welche Werkzeuge wir den Kommunen an die Hand geben.
DEKOM: Auch bei Ihnen hat sich die UGG aus Teilen des eigenwirtschaftlichen Ausbaus zurückgezogen. Was bedeutet das für den Zweckverband?
Glöckl-Frohnholzer: Durch diese Dynamik am Markt hält sich der eigenwirtschaftliche Ausbaupartner an keine verbindlichen Aussagen. Das Folgeproblem: Wenn Sie eine Leistung ausgeschrieben haben, verändert die sich ständig. Dann haben Sie Schadensersatzforderungen. Das trifft viele Zweckverbände, die Leistungen extern einkaufen, weil sie diese Variabilität nicht abfangen können. Bei uns bleiben die Konsequenzen beherrschbar, weil wir die Netzplanung im Haus haben. Hätten wir einen externen Planer beauftragt, hätte das erheblichen Schadensersatz bedeutet. Das trifft viele Zweckverbände, die Leistungen extern einkaufen, weil sie diese Variabilität nicht abfangen können. Bei uns bleiben die Konsequenzen beherrschbar, weil wir die Netzplanung im Haus haben. Hätten wir einen externen Planer beauftragt, hätte das erheblichen Schadensersatz bedeutet.
DEKOM: Wie stellen Sie sicher, dass die richtigen Materialien verbaut werden?
Glöckl-Frohnholzer: Wir haben Rahmenverträge geschlossen und die Materialqualifizierung im Vorfeld vorgenommen. Die Netzbauer, die für uns bauen, können auf diesen Rahmenvertrag zugreifen. So haben wir ein standardisiertes Materialkonzept definiert. Wir geben Hersteller vor, die Lagerhaltung wird hier in der Ortenau gemacht, Distributionszeiträume sind definiert. Der Netzbauer hat den Vorteil: Das Material ist da, es ist nach unseren Vorgaben vorrätig. Wenn ein Netzbauer einen Zuschlag bekommt und erst dann anfängt, einen Beton-PoP zu bestellen, dauert das vier, fünf Monate. Bei uns sind die PoPs vordisponiert und sofort abrufbar.
Weil wir im öffentlichen Dienst sind, haben wir das so gelöst: Wo der Netzbauer selbst für das Material verantwortlich ist, offerieren wir nur die Möglichkeit, über einen vorab definierten Vertrag mit einem Hersteller zu guten Konditionen abzurufen. Er muss es aber nicht. So umgehen wir die Ausschreibungspflicht für verbindliche Abnahmemengen.
DEKOM: Wer baut konkret — und wie qualifizieren Sie die Bauunternehmen?
Wir haben ein dynamisches Beschaffungsmanagement eingeführt. Sie machen eine Vorqualifizierung mit speziellen Referenzen im geförderten Glasfaserausbau. Wir haben drei Kategorien. Aus 28 Bewerbern haben wir sechs hochqualifizierte Bauunternehmen ausgewählt, die meisten aus der Region oder Baden-Württemberg. Das sind Unternehmen, die in der Ortenau auch andere Tiefbauaktivitäten haben. Die bekommen ein Leistungsverzeichnis, bepreisen es, und wer den niedrigsten Preis abgibt, bekommt den Zuschlag. Regionale Wertschöpfung ist dabei ein wichtiger Aspekt.
DEKOM: Geben Sie den Bauunternehmen auch die Verlegeverfahren vor?
Glöckl-Frohnholzer: Ja, im Leistungsverzeichnis stehen Normen und Verlegeverfahren. Wir befahren die Trassen im Vorfeld, wissen, welche Oberflächen zur Verfügung stehen, wo Pflugverfahren eingesetzt werden kann, wo offene Bauweise oder Spülbohrung nötig ist. Unsere Netzplaner ermitteln die Mengen im Vorfeld: Wie viele Meter offene Bauweise, wie viele Meter Spülbohrung, welche Pflasteroberflächen. Und das Leistungsverzeichnis entwickelt sich iterativ weiter — wenn bei einer Tiefbaumaßnahme viele Nachträge auf einer Position kommen, fließt das ins nächste Leistungsverzeichnis ein, um solche Nachträge künftig zu vermeiden.
DEKOM: Microtrenching ist kein Thema bei Ihnen?
Glöckl-Frohnholzer: Nein, wir machen kein Microtrenching. Auch keines der eigenwirtschaftlichen TK-Unternehmen macht Microtrenching bei uns — weder Deutsche Glasfaser noch UGG noch Telekom. Sehr viel wird ausgebohrt, vor allem bei der UGG beziehungsweise Insyte. Das machen die wirklich professionell.
DEKOM: Die DIN 18220 definiert die Verlegung im Straßenbankett als Regelverfahren. Bei Ihren noch ausstehenden 300 bis 400 Kilometern Backbone — warum setzen Sie das nicht ein?
Wir hatten mit einem Anbieter solcher Verfahren bereits Kontakt. Kostengünstiger ist es in bestimmten Bereichen, ja — dort, wo Sie große Längen machen müssen, bei Backbone-Anbindungen, macht es Sinn. In einem Ortsnetz mit vielen Einzelhausanschlüssen macht so eine Maschine keinen Sinn. Und Sie haben keinen Platz im Gehweg. Außerhalb der Ortschaften sinnvoll, innerhalb schwieriger. Das Problem ist die Genehmigungsseite. Sie müssen das Verfahren in die Genehmigung bringen im Kontext mit dem Träger des Straßenkörpers. Und dort sind diese Verfahren im Moment nicht freigegeben. Deshalb konnten wir das bisher nicht umsetzen.
DEKOM: 200 Kilometer Backbone haben Sie schon verbaut. Wie viel kommt noch?
Glöckl-Frohnholzer: Noch mal 300 bis 400 Kilometer Backbone-Trasse. Wir versuchen, so viel Synergien wie möglich zu nutzen. Insgesamt verlegen wir 160 Kilometer synergetisch bei den TK-Unternehmen mit. In Zell zum Beispiel baut die UGG den Backbone von Biberach nach Zell, und wir machen eine Mitverlegung.
In Deutschland stehen 52,8 Prozent der Gebäude als Homes Passed, aber nur 27,3 Prozent sind tatsächlich angeschlossen. Wie sieht das in der Ortenau aus?
In der Ortenau hatten wir letztes Jahr schon 52 Prozent Homes Passed und 27 Prozent Homes Connected — das Abbild ist das gleiche wie bundesweit. In Baden-Württemberg insgesamt liegen wir bei 33 Prozent Homes Passed und 27 Prozent Connected. Das Phänomen ist überall identisch: Die Bürger nehmen das Angebot nicht ausreichend wahr.
DEKOM: Wie ließe sich die Anschlussquote erhöhen?
Glöckl-Frohnholzer: Meines Erachtens mit zwei Rahmenbedingungen. Erstens: ein klarer Termin für die Kupfer-Glas-Migration. Ab 2030 oder 2032 wird migriert, dann ist Schluss mit Kupferleitungen. Dann ist die Notwendigkeit da. Über die technische Argumentation oder Performance-Diskussion allein gewinnen Sie keinen zusätzlichen Kunden.
Zweitens muss man aufpassen, dass der verbleibende Alternativanbieter dann keine überhöhten Preise ansetzt. Möglicherweise braucht es eine obere Preisvorgabe, damit die Bürger sich nicht übers Ohr gehauen fühlen.
DEKOM: Die Kabelnetzbetreiber spielen bei der Förderung eine Sonderrolle.
Glöckl-Frohnholzer: Ja, das ist ein großes Problem. Kupfernetze können Sie gefördert überbauen. Kabelnetze nicht. In der Praxis heißt das: Sie legen an ein Gebäude, das über Kupfer versorgt ist und keinen Kabelnetzanschluss hat, eine Glasfaser. Das Haus daneben, das über DOCSIS versorgt ist, können Sie nicht gefördert anschließen. Dann fangen Sie in ein paar Jahren dort wieder eine Tiefbauleistung an.
DEKOM: Was würden Sie einer Kommune raten, die keine eigenen Kompetenzen hat und sich dem geförderten Ausbau nähern will?
Glöckl-Frohnholzer: Sich mit mehreren Kommunen zusammenschließen und einen Zweckverband gründen. Das wäre der erste wesentliche Punkt.
Vielen Dank! (DEKOM, 19.10.2026) Mehr Infos hier…