Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Januar hat gezeigt, wie verwundbar kritische Infrastrukturen in Deutschland sind. Im Sommer kommt eine weitere, weniger sichtbare Gefahr hinzu: Ausgetrocknete Böden setzen alten Wasserleitungen zu – Fachleute sprechen von Trockenfrost. Im DEKOM-Sommerinterview erklärt EBERO CEO Carsten Schweneker, warum Graugussleitungen jetzt zum Risiko werden, weshalb öffentliche Trinkwasserbrunnen trotz Hitzeschutzplänen nur schleppend nachgefragt werden, was der Ladebordstein in dichten Quartieren leisten kann und warum der Rechenzentrumsboom Glasfaser knapp und teuer macht.
DEKOM: Herr Schweneker, wir haben im Dezember miteinander gesprochen. Damals haben Sie mehr Engagement beim Schutz kritischer Infrastrukturen angemahnt – im Januar wurden Sie durch den Anschlag auf das Berliner Stromnetz bestätigt. Jetzt, in den Hitzeperioden dieses Sommers, sind diese Infrastrukturen ganz anderen Gefahren ausgesetzt, nämlich dem Trockenfrost. Das Wort war uns neu. Was hat es damit auf sich?
Schweneker: Normalerweise sind Böden homogen, haben einen gewissen Feuchtigkeitsgehalt und dadurch auch eine gewisse Viskosität. Durch das Austrocknen der Böden entsteht genau der gleiche Effekt wie bei frostigen Böden: Die Leitungen halten den Belastungen nicht stand. Das betrifft im Grunde nur einen Werkstoff, den man vor 50 Jahren noch eingesetzt hat, die sogenannten Graugussleitungen. Dort sind die Auswirkungen am stärksten. Grauguss ist erst in den Siebzigerjahren durch duktile Gussrohre ersetzt worden, die deutlich weicher sind. Bei den alten Graugussleitungen aber passiert so etwas – und die sollten eigentlich längst ersetzt sein, denn die Lebensdauer einer Rohrleitung beträgt etwa 50 Jahre – in der Realität liegen viele dieser alten Leitungen aber schon erheblich länger im Boden und sind entsprechend risikobehaftet. Passieren kann das auch bei neueren Werkstoffen, die sind aber deutlich resilienter. Die Versorger wissen, wo diese alten Leitungen liegen, das ist genau erfasst. Man sollte deshalb – ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen – bei kritischen Infrastrukturen den Lebenszyklus stärker im Blick haben und an die Erneuerung denken. Ansonsten kann man tatsächlich nur abwarten, bis das Wasser irgendwo herauskommt.
DEKOM: Auch ohne Trockenfrost setzt die Hitze den Menschen zu. Kommunen sind im Rahmen der Daseinsvorsorge gefordert, Abhilfe zu schaffen, soweit es geht. Überall gibt es Hitzeschutzpläne, und öffentliche Trinkwasserbrunnen stehen da immer drin. Sie haben welche im Sortiment. Wie läuft die Nachfrage? Eigentlich müsste man sie Ihnen aus den Händen reißen.
Schweneker: Extrem schleppend. Das ist bisher vor allem eine ungeklärte Zuständigkeits- und Kostenfrage. Die Kommune möchte die Brunnen, sie fordert sie und geht damit auf ihren beauftragten Versorger zu, der Konzessionsträger ist. Und der wehrt sich, ich sage mal, aus guten Gründen eher dagegen. Er ist am Ende für den Betrieb verantwortlich, die Kosten verbleiben bei ihm als Betreiber, und er muss darüber hinaus dafür sorgen, dass eine hohe Trinkwasserreinheit gewährleistet ist. Das ist bei diesen sehr öffentlich zugänglichen Trinkwasserspendern extrem kritisch. Wenn wir auf der anderen Seite über kritische Infrastruktur reden, soll möglichst kein Gefährdungspotenzial entstehen. Das ist an dieser Stelle ein klassischer Zielkonflikt. Ich kenne öffentliche Wasserversorger, die da sehr vorsichtig agieren, und das kann ich durchaus verstehen. Sie haben am Ende die Haftung, wenn Keime im Wasser sind – oder wenn Leute, die uns Böses wollen, über diesen Weg Zugang zum öffentlichen Wassernetz bekommen und die Haftungsfrage nicht geklärt ist. Diesen Zielkonflikt werden wir so schnell nicht auflösen. Da braucht es vielleicht andere Lösungen.
DEKOM: Wasserverteilnetze sind ohnehin kommunales Dauerthema, die Stadtwerke beschäftigen sich ständig damit. Sie bieten mit Ihrem Partner 3S Antriebe ein System an, mit dem Wasserverteilnetze digital nachgerüstet werden können. Können Sie das erklären?
Schweneker: Die Antriebe von 3S haben insofern mit Digitalisierung zu tun, dass man die Armaturen auf Knopfdruck sofort schließen kann, wenn es nötig ist, weil das Trinkwasser belastet ist. Damit habe ich das Netz als solches noch gar nicht digitalisiert, sondern nur die Betätigung der Armatur – was schon ein großer Fortschritt ist, denn das war vorher nicht möglich. Zur permanenten Überwachung des Netzes müssten die Leitungen mit Sensoren und Übertragungskabeln versehen werden. Auch dafür gibt es inzwischen Lösungen, aber da stehen wir ganz am Anfang, weil mit dem Thema KRITIS gerade erst das Bewusstsein für die Verletzbarkeit dieses Systems entsteht. Man kann Trinkwasser sehr leicht beschädigen oder im negativen Sinne manipulieren, und deshalb muss eine permanente Überwachung her.
DEKOM: Das alles spielt sich unter der Straße ab. Auf der Straße ist ebenfalls viel in Bewegung, zum Beispiel bei der Ladeinfrastruktur. Die Bundesnetzagentur zählt inzwischen rund 210.000 öffentliche Ladepunkte, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Zugleich hören wir immer wieder, dass in dichten Quartieren gar kein Platz mehr für Ladesäulen ist. Sie haben mit dem Ladebordstein eine Lösung im Programm. Was kann der, was eine Säule nicht kann?
Schweneker: Die eigentlichen Anwendungsfälle kommen meines Erachtens erst noch. Es gibt immer mehr Kleinwagen, die elektrisch betrieben werden – VW stellt in diesen Wochen den ID. Polo vor. Damit rückt das elektrische Fahren auch in dichter besiedelten Städten stärker in den Fokus, also bei Leuten, die in Mehrfamilienhäusern wohnen, keine eigene Garage und keine eigene Lademöglichkeit haben und ihr Auto über Nacht an der Straße parken. Für die ist der Ladebordstein genau das richtige Instrument. Zur Installation muss kein Parkplatz geopfert werden – wenn man sich das heute anschaut, ist in der Regel ein Parkplatz für eine Ladesäule weggefallen. Oder der Bürgersteig wird beeinträchtigt, sodass Personen mit Kinderwagen oder Rollator nicht mehr vorbeikommen. Der dritte Aspekt ist das Stadtbild. Wir haben schon erste Anmerkungen von Denkmalschützern, die sagen: Eine Ladesäule vor der historischen Kirche oder dem historischen Rathaus möchten wir nicht, macht das irgendwie anders. Da ist der Ladebordstein die Lösung. Er ist zwar teurer als eine normale Ladesäule, aber viele Stadtwerke-Geschäftsführer sagen mir auch, dass die Säulen immer wieder umgefahren werden – dieses Risiko entfällt beim Bordstein. Und dann ist er natürlich eine Option für Unternehmen, die Ladeinfrastruktur auf dem Firmenparkplatz haben wollen, ohne dass dort drei Meter hohe Ladesäulen stehen. Wir haben gerade erst Ladebordsteine bei der Deutschen Bundesbank auf dem Firmenparkplatz installiert. Weitere Nachfrage kommt von Verkehrsbetrieben, auch die Deutsche Bahn gehört zu den ersten Interessenten.
DEKOM: Anderes Thema, Glasfaserausbau. Überall hören wir, dass Projekte stillstehen. Im Landkreis Karlsruhe hat sich Deutsche Glasfaser zurückgezogen und die Kommunen mit ihren Ausbauvorhaben zurückgelassen. Wie können sich Landkreise dagegen schützen, dass ein Partner abspringt?
Schweneker: Was ich seit 30 Jahren predige: Man sollte nicht unbedingt dem preislich besten Angebot den Zuschlag geben, sondern dem Anbieter, der stabil unterwegs ist, der Projekte in dieser Größenordnung schon durchgeführt hat und sich mit dem Thema auskennt. Neben den großen bundesweiten Telekommunikationsunternehmen, die seit 30, 40 Jahren am Markt sind, gibt es auch städtische Anbieter wie wilhelm.tel der Stadtwerke Norderstedt, die ebenfalls sehr lange unterwegs sind. Es funktioniert, wenn man Partner aussucht, die vielleicht nicht das günstigste, aber das wirtschaftlich stabilste Angebot abgeben. Wir erleben das ja auch anderswo: Da stehen Brücken still, weil der Bauunternehmer pleitegeht, der den Zuschlag als Billigster bekommen hat – und vorher hat das keinen Menschen interessiert. Das seit 30 Jahren bestehende Vorrecht des marktbeherrschenden Anbieters, bevorzugt auszubauen oder überall einzusteigen, wenn ein anderer investieren möchte, wird auch durch dieses Interview vermutlich nicht geändert. Das Problem der Anbieter ist letztlich, dass viele die Anschlüsse bis zum Haus gar nicht abnehmen. Ich glaube aber, dieses Problem löst sich durch die rasant steigenden Datenmengen ohnehin von allein – es wird immer mehr übertragen und gestreamt, das schaffen Kupferkabel irgendwann nicht mehr.
DEKOM: Ein anderer Bereich, in dem viel Glasfaser gebraucht wird, sind Rechenzentren. Sie sind seit Oktober Authorized Distributor von Corning. Positionieren Sie sich auch in diesem Feld?
Schweneker: Absolut, wir haben sehr viele Projekte in dem Bereich. Und dort ist eine extreme Mangellage entstanden. Aufgrund der Vielzahl der Rechenzentrumsneubauten, in die unglaublich große Mengen Glasfaserkabel hineingehen – und auch wegen der Drohnenkriege, denn einige Drohnen werden über Glasfaser gesteuert –, ist die Nachfrage derart explodiert, dass es Engpässe gibt. Glasfaser ist knapp geworden, auch für diejenigen, die den Ausbau gerne machen würden und das Geld dafür haben. Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, aber was vor drei, vier Monaten noch 1,60 Euro gekostet hat, kostet inzwischen über 5 Euro.
DEKOM: Machen wir es wie immer: Wenn wir am Jahresende erneut sprechen – wann wäre 2026 aus Ihrer Sicht ein gutes Jahr für die Infrastruktur gewesen?
Schweneker: Wenn der Gedanke der kritischen Infrastruktur in den Köpfen verankert worden ist. Wenn das Bewusstsein da ist, dass wir mehr schützen und mehr investieren müssen. Ich rede noch gar nicht davon, dass alles umgesetzt ist – der erste Schritt ist, das wahrzunehmen, zu verstehen und die Entscheidungen daran auszurichten. Und wenn wir bei der Digitalisierung weiterkommen, die damit eng zusammenhängt: dass die ersten Netze digital erfasst und überprüft worden sind und die ersten Schritte getan werden.
DEKOM: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schweneker. (DEKOM, 01.09.2026) Mehr Infos hier…