Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet Kommunen zunehmend zu verbindlichen Konzepten gegen urbane Hitzeinseln. Auf versiegelten Marktplätzen und in Fußgängerzonen fehlt jedoch häufig der Platz für konventionelle Baumpflanzungen. Das Berliner Unternehmen Green City Solutions hat moosbasierte Biofilter wie bspw. den CityTree entwickelt, der auf einer Standfläche von rund 3,5 Quadratmetern arbeitet und ohne zusätzliche Flächenversiegelung auskommt. Die vertikalen Moosmodule filtern laut Herstellerangaben stündlich rund 5.000 Kubikmeter Luft und können die Umgebungstemperatur im direkten Umfeld um bis zu vier Grad Kelvin (Celsius) senken. Ein IoT-gestütztes Bewässerungs- und Ventilationssystem steuert die Mooskulturen automatisiert; integrierte Sensoren erfassen Feinstaub, Stickoxide und Klimadaten am Standort. Die multifunktionalen Moosfilter und -kühler kamen und sind bereits in mehreren europäischen Städten im Einsatz, darunter Berlin, London, Oslo und Lissabon. Über die kommunale Einsatzpraxis und die Rolle der Biofilter und den CityTree im Speziellen in kommunalen Klimaanpassungskonzepten sprachen wir mit Peter Sänger, Mitgründer und Geschäftsführer von Green City Solutions.
Herr Sänger, der CityTree kombiniert Mooskulturen mit IoT-Sensorik. Welche messbaren Effekte bei Feinstaubreduktion und Kühlung können Kommunen an einem konkreten Standort erwarten — und wie weisen Sie diese nach?
Peter Sänger: Unsere Biofilter-Systeme erreichen in umfangreichen, standardisierten Messungen eine Feinstaubreduktion von bis zu 82 % der Partikel (PM 2,5 und PM 10) in der durchströmten Luft. Gleichzeitig kühlen sie die unmittelbare Umgebungsluft um bis zu 4 Kelvin spürbar herunter. Diese Werte sind keine Labortheorie, sondern wurden sowohl in kontrollierten Umgebungen als auch im realen Außenbetrieb durch renommierte Forschungseinrichtungen unabhängig validiert: Das Institut für Luft- und Kältetechnik (ILK) Dresden hat die Abscheideraten zertifiziert, das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) in Leipzig hat den Wirkradius im Außenraum erforscht, und der TÜV Süd hat die Filterleistung bei klimaschädlichen Rußpartikeln bestätigt. Ein einzelner CityTree trägt so jährlich zur Kompensation von bis zu 342 kg CO2-Äquivalenten bei.
In der Praxis saugt ein CityTree pro Stunde rund 5.000 Kubikmeter Luft durch seine acht Moosmodule – das entspricht dem Atemvolumen von rund 10.000 Menschen in derselben Zeit. Über unser gesamtes Portfolio hinweg – vom freistehenden CityTree über den kombinierten Informations- und Filterträger CityBreeze bis hin zu vertikalen Fassaden- und Wandmodulen – sorgt intelligente IoT-Sensorik für Transparenz: Über 30 Sensoren erfassen kontinuierlich Feinstaubkonzentrationen, Temperatur, Luftfeuchte sowie meteorologische Parameter in Echtzeit. Die Daten werden vor Ort visualisiert und fließen direkt in unsere Datenplattform, auf die Verwaltungen zugreifen können.
Ein biologischer Vorteil, der den Nachhaltigkeitsaspekt zusätzlich verstärkt: Das Filtermaterial kann sich regenerieren und so wiederverwendet werden. Dafür tauscht unser Wartungsteam die Moosmatten vorsorglich 1-2x jährlich aus, um den Moosen Regenerationszeiten in unserer Moosfarm einzuräumen.
Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet Kommunen zu verbindlichen Anpassungskonzepten. Inwiefern lässt sich der CityTree in ein solches Konzept einbetten, und welche Rolle spielt dabei die Datenerfassung über die verbaute Sensorik?
Peter Sänger: Das Klimaanpassungsgesetz, das seit 2023 verbindliche Rahmenbedingungen setzt, macht aus unserer Sicht zwei Dinge klar: Kommunen müssen handeln – und sie brauchen Maßnahmen, die nachweisbar wirken und sich in bestehende Konzepte und Förderstrukturen integrieren lassen. Genau das ist der Anspruch, den wir mit unseren moosbasierten Luftkühlern und -filtern wie dem CityTree oder seinem Nachfolger dem „EcoBreeze” erfüllen.
Als naturbasierte Lösung sind die Frischluftkonzepte in ihrer Wirkung unmittelbar, lokal und messbar – drei Eigenschaften, die für die Anforderungen an kommunale Klimaanpassungskonzepte entscheidend sind. Sie eignen sich hervorragend als gezielte Hitzeschutz- und Ausgleichsmaßnahmen auf hochversiegelten Plätzen, in Fußgängerzonen, an Verkehrsknotenpunkten oder an Schulhöfen – überall dort, wo klassische Baumpflanzungen an Leitungsnetzen, Tiefgaragen oder Platzmangel scheitern. Durch die enorme Verdunstungsleistung und integrierte Wasserreservoirs leisten sie zudem einen wertvollen Beitrag zu wassersensiblen Stadtstrukturen und zur Schwammstadt-Konzeption.
Die verbaute Sensorik ist dabei das Herzstück der Nachweisführung. Unsere Produkte liefern kontinuierlich Realdaten zu Feinstaubwerten, Temperatur und Kühlleistung am konkreten Standort. Diese Daten können direkt in Monitoring- und Leistungsberichte eingebunden werden. Für Verwaltungen, die gegenüber Ratsgremien oder Fördermittelgebern Wirksamkeitsnachweise erbringen müssen, oder die Daten im öffentlichen Raum direkt darstellen wollen, ist das ein entscheidender Vorteil. Hinzu kommen unsere Umweltproduktdeklarationen, die den CO₂-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes transparent ausweisen.
Kurz gesagt: Die innovativen Moosfilter liefern nicht nur Wirkung, sondern auch die Dokumentation dieser Wirkung.
Für Kämmerei und Grünflächenamt stellt sich die Kostenfrage: Was muss eine Kommune für Anschaffung, Installation und laufenden Betrieb eines CityTree kalkulieren, und gibt es bestehende Förderzugänge?
Peter Sänger: Qualitativ hochwertige und langlebige Infrastruktur erfordert Investitionen – im kommunalen Quervergleich erweisen sich unsere Biofilter jedoch als wirtschaftlich und haushaltsschonend.
Zum Kaufpreis: Ein CityTree ist ab 42.900 Euro erhältlich. Alternativ bieten wir Miet- und Leasingmodelle ab 899 Euro pro Monat an. Damit ist die Maßnahme aus dem laufenden Budget oder aus dem Investitionshaushalt finanzierbar – je nach finanziellen Möglichkeiten und verfügbaren Förderstrukturen.
Die Betriebskosten sind überschaubar: Je nach Standort und Jahreszeit verbraucht ein CityTree zwischen 10 und 50 Liter Wasser und 1 bis 8 kWh Strom pro Betriebstag. Durch den optionalen Einsatz von Solarmodulen und Wassertanks können diese Verbräuche teilweise oder vollständig ohne feste Zuleitungen gedeckt werden. Über eine Nutzungsdauer von fünf Jahren betrachtet sind die Gesamtkosten im Vergleich zu einer technisch gleichwertigen Kombination aus Luftfilter und Klimaanlage rund 20 % günstiger. Die Lebensdauer des Geräts liegt bei 15 bis 20 Jahren.
Gegenüber herkömmlichen Stadtbäumen, die oft mehr als 5.000 Euro Pflanzkosten plus aufwendige Wurzelraumschaffung und jahrelange Anwachspflege ohne Sofortwirkung erfordern, erbringt beispielsweise ein CityTree die Kühlleistung von rund 80 jungen Stadtbäumen – mit einer Kostenersparnis und Platzersparnis von bis zu 90 % bezogen auf den unmittelbaren Kühleffekt.
Unser wichtigster Hinweis für Kommunen zur Finanzierung: Nutzen Sie bestehende Fördertöpfe. Unsere Biofilter-Systeme sind als Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung, Innenstadtbelebung und zum Immissionsschutz bis zu 90 % förderfähig – unter anderem über Bundesprogramme (wie das KAnG-Förderprogramm oder die Nationale Klimaschutzinitiative), Länderprogramme zur Hitzeaktionsplanung sowie die Städtebauförderung. Da viele Kommunen bereits über laufende Förderbescheide in Sanierungs- und Zentrenprogrammen verfügen, lassen sich die Produkte oft unkompliziert integrieren.
Der CityTree soll ohne zusätzliche Flächenversiegelung auskommen. Welche baulichen und infrastrukturellen Voraussetzungen muss ein Standort — etwa ein Marktplatz oder eine Fußgängerzone — trotzdem erfüllen?
Peter Sänger: Der CityTree steht freistehend auf vorhandenem Untergrund, weil seine Sitzgelegenheit gleichsam eine Bodenverankerung ersetzt. Das macht ihn gerade für versiegelte Innenstadtlagen zu einer attraktiven Option, wo klassisches Grün weder aus Platz- noch aus Bodengründen realisierbar ist.
Es gibt dennoch einige Voraussetzungen, die vorab zu prüfen sind. Erstens: die Medienversorgung. Der CityTree benötigt Strom und Wasser. Idealerweise sind am Standort feste Zuleitungen vorhanden – wo das nicht der Fall ist, können Solarmodule und ein integrierter Wassertank diese Funktion übernehmen, was die Standortwahl erheblich flexibilisiert.
Wichtig ist, dass die Flächen eben und zugänglich sind, sodass wir die vormontierten Produkte schnell und unkompliziert anliefern und installieren können. Schließlich empfehlen wir eine Standortanalyse hinsichtlich Sonneneinstrahlung, Aufheizungsintensität und lokaler Staubbelastung – um den Einsatz gezielt dort zu platzieren, wo der Effekt maximal ist. Wir begleiten interessierte Kommunen dabei von der ersten Standortbewertung über die Auslegungsplanung bis zur Inbetriebnahme.
Sie haben bereits Installationen in mehreren europäischen Städten. Welche Erfahrungen berichten Ihnen Kommunen aus dem laufenden Betrieb, und wo sehen Sie den größten Lerneffekt für Verwaltungen, die jetzt erstmals über eine Beschaffung nachdenken?
Peter Sänger: Mit europaweit über 120 aktiven Installationen – von Deutschland, Österreich und der Schweiz bis nach Großbritannien und in die Benelux-Länder – haben unsere Filter allein im vergangenen Jahr über 940 Millionen Kubikmeter Luft gereinigt und abgekühlt. Die Technologie ist praxiserprobt und skalierbar.
Das Feedback der Städte umfasst zwei zentrale Dimensionen: Zum einen die Bürgerwahrnehmung. Ein Biofilter wie der CityTree ist nicht nur funktionale Infrastruktur, sondern fungiert als begrünter Treffpunkt und Sitzgelegenheit mit spürbarer Aufenthaltsqualität. Bürgerinnen und Bürger erleben Klimaanpassung unmittelbar im Straßenraum, was die Akzeptanz kommunaler Umweltmaßnahmen verbessert.
Zum anderen der Betrieb. Verwaltungen schätzen, dass sie kein eigenes Fachpersonal binden müssen. Über unser Full-Service-Betreibermodell übernehmen wir das kontinuierliche Sensor-Monitoring, die technische Wartung und die professionelle Pflege bzw. den Tausch der Moose über unsere eigene Moosfarm.
Der wichtigste Lerneffekt für kommunale Verwaltungen: Binden Sie die internen Schnittstellen frühzeitig ein. Die technische Realisierung und Aufstellung eines Biofilters erfolgt oft innerhalb weniger Wochen. Die eigentliche zeitliche Weichenstellung liegt in der verwaltungsinternen Abstimmung zwischen Tiefbau-, Grünflächen-, Stadtplanungsamt und Kämmerei. Kommunen, die das Projekt von Beginn an als ressortübergreifende Maßnahme aufsetzen, realisieren ihre Vorhaben am schnellsten.
Zudem empfehlen wir, von Anfang an in integrierten Maßnahmenpaketen zu denken: Ein einzelner CityTree am zentralen Marktplatz setzt ein weithin sichtbares Initialsignal, hat jedoch einen begrenzten Wirkradius. In Kombination mit klassischer Begrünung, Schattierelemente und weiteren Moosen, zum Beispiel an Wänden oder mittels CityBreeze an ÖPNV-Wartesituationen, können ganze Quartiersbereiche klimafest angepasst werden. (DEKOM, 26.10.2026) Mehr Infos hier…
Über Green City Solutions
Green City Solutions wurde 2014 von einem jungen Team um Peter Sänger und Zhengliang Wu gegründet und hat seinen Sitz bei Berlin. Das Unternehmen entwickelt moosbasierte Biofilter-Systeme für den urbanen Raum und betreibt eine eigene Moosfarm für die Kultivierung und Regeneration des Filtermaterials. Europaweit sind mehr als 120 Moosmatten in verschiedenen Installationsvarianten im Einsatz.