Viele Stadtwerke haben in den vergangenen Jahren die ersten öffentlichen Ladepunkte ihrer Stadt aufgebaut, häufig auf Wunsch aus dem Rathaus. Für die kleineren Netzbetreiber unter ihnen läuft zum Jahresende die Übergangsfrist nach § 118 Abs. 34 EnWG ab. Unternehmen mit weniger als 100.000 angeschlossenen Kunden, die sogenannten De-minimis-Unternehmen, dürfen nach § 7c EnWG dann nicht mehr Eigentümer von Ladepunkten sein und diese auch nicht entwickeln, verwalten oder betreiben. Wer die Übergangsregel nutzt, muss der Bundesnetzagentur bis zum 31. Dezember die betroffenen Ladepunkte anzeigen und die Einstellung der verbotenen Tätigkeiten mitteilen. Eine weitere Fristverlängerung ist nicht in Sicht. Dr. Christian de Wyl ist Partner der Kanzlei Becker Büttner Held (BBH), berät im Netz- und Vertriebsgeschäft und hat für das Bundesverkehrsministerium die Ausschreibung des Deutschlandnetzes für Schnellladestandorte begleitet. Im Gespräch mit dem DEKOM schildert er, mit welchen Folgen Stadtwerke rechnen müssen, die die Frist verstreichen lassen, und welche Wege denen bleiben, die für eine Handvoll Ladesäulen keine eigene Gesellschaft gründen wollen. Neben der Verlagerung in eine Konzerngesellschaft zählt dazu die Übergabe an einen externen Ladepunktbetreiber.
Wie nehmen Sie den Druck wahr? Zum Jahresende läuft die Frist ab.
Christian de Wyl: Also das Ganze hat eine relativ ärgerliche Vorgeschichte. Das Verbot geht auf eine europäische Richtlinie zurück, die festlegt, dass Netzbetreiber nicht Eigentümer von Ladepunkten sein dürfen. Zudem sind ihnen bestimmte Tätigkeiten, das Entwickeln, Verwalten und Betreiben von Ladepunkten, verboten. In der Umsetzung der Richtlinie hätte man das Thema eigentlich relativ elegant abräumen können. Kleinere Unternehmen, die sogenannten De-minimis-Unternehmen mit weniger als 100.000 Kunden, müssen nicht rechtlich entflechten. Sie müssen gerade keine eigene Netzgesellschaft haben, sondern nur buchhalterisch und informationell entflechten, also die Marktrollen so trennen, dass Monopol (Netz) und Wettbewerb sauber abgegrenzt sind. Vor diesem Hintergrund hätte man bei diesen kleinen EVU das Verbot, Netzbetreiber dürfen nicht Eigentümer sein, eigentlich auch so auslegen können, dass Ladepunkte lediglich buchhalterisch nicht der Marktrolle Netzbetreiber hätten zugeordnet werden dürfen. Bei diesen Unternehmen rede ich konsequenterweise bezüglich des Eigentums also nicht über die juristische Person, sondern die Marktrolle, die finanzielle Zuordnung. Alles andere wäre energiewirtschaftliche ein Wertungswiderspruch – eine rechtliche Entflechtung durch die Hintertür.
Allerdings gab es Druck aus der Branche, die Umsetzung – Überführung in eine neue Gesellschaft sei bis Ende 2024 zeitkritisch. Der Gesetzgeber hat dann nochmal nachgelegt bei der Übergangsfrist. Bei dieser “Verbesserung” wurde ausdrücklich in den Gesetzentwurf reingeschrieben, weil die De Minimis Unternehmen es nicht schaffen, geben wir euch Zeit bis 2027. Vor diesem Hintergrund ist natürlich die ganze Begründung, warum das Verbot für diese Unternehmen nicht gilt, das Papier nicht mehr wert. Wenn Sie sich über die richtige Auslegung streiten, würde jeder Richter sagen, der Gesetzgeber hat es doch selbst reingeschrieben und damit klargestellt.
Fakt ist, wir haben jetzt dieses Verbot. Zu sagen, es gilt gar nicht, ist bei dieser Vorgeschichte schwierig.
Die Übergangsfrist nach § 118 Abs. 34 EnWG läuft am 31. Dezember 2026 aus. Wie viele De-minimis-Stadtwerke haben nach Ihrer Einschätzung bisher noch keine Entflechtungslösung umgesetzt?
Christian de Wyl: Das ist schwer zu sagen. Betroffen sind ja ohnehin im Regelfall nur die EVU ohne eigene Netzgesellschaft – vielleicht 700 in Deutschland. Davon haben in den letzten Jahren viele den Weg in eine Kooperation oder eine schlanke Umsetzung mit einer Dienstleistungslösung im Stadtkonzern gewählt. Wir merken anhand unserer Seminare zu dem Thema aber auch, dass viele noch ihre Hausaufgaben zu erledigen haben. Ich sage mal 100 bis 150 Unternehmen. Das bittere ist, dass Konsequenz dieses Verbotes auch ist, dass es Stadtwerke gibt, die sich sagen, dann bauen wir halt unsere sechs Ladepunkte ab und gibt gar nichts mehr. Das haben wir für den Bürgermeister gemacht und das gibt’s halt nicht mehr. Dabei sollte mit der Richtlinie ausdrücklich der Hochlauf der Elektromobilität gefördert werden.
Es gibt aber auch EVU – durchaus größere – die sich sagen, so einen Schwachsinn machen wir nicht mit. In der Sache richtig, wahrscheinlich aber ein steiniger Weg.
Ein Strafsystem gibt es dafür ja kaum, oder? Sie sagen also einige Stadtwerke sagen, das sitze ich aus…
Christian de Wyl: Es wird nach meiner Einschätzung eine Kontrolle durch die für die Umsetzung des § 7c EnWG zuständigen Bundesnetzagentur geben. Zudem könnte ich mir denken, dass die Wirtschaftsprüfer, einen Verstoß gegen das Verbot des § 7c EnWG aufgreifen Die Ladepunkte sind ja in der Anlagenbuchhaltung enthalten. Es reicht ab 2027 eben auch nicht mehr, buchhalterisch zu entflechten. Also wenn ich irgendwo einen Ladepunkt in meinem System habe, ist der aktenkundig. Betroffen sind auch Ladepunkte, die ich im Rahmen des Contractings Dritten zur Verfügung stelle. Bei Abfragen der Bundesnetzagentur kann ich nicht lügen. Wenn ich eine Anfrage auf dem Tisch habe, ob die Gesellschaft Eigentümer von Ladepunkten ist, dann muss ich sagen, ja, ich habe Ladepunkte. Und dann wird es eine Zwangsgeldandrohung geben, falls ich innerhalb einer abgemessenen Frist – z.B. 3 bis 6 Monaten nicht einen rechtmäßigen Zustand herstelle, indem Ich Eigentum und Betreiberstellung auf eine andere juristische Person überführe. Wie hoch ein Zwangsgels sein wird ist schwer zu sagen. Denkbar wären z.B. 1.000 Euro pro Ladepunkt. Auch das wären bei 10 Ladepunkten plötzlich 10.000 Euro. Wir kennen das ganze Spiel von dem Roll out intelligenter Messsysteme.
Wichtig ist, dass es mit der einmaligen Zahlung eines Zwangsgeldes nicht getan ist. Ich kann mich also nicht freikaufen, sondern werde – mit in der Höhe ansteigenden Zwangsgeldern – immer wieder aufgefordert den rechtswidrigen Zustand zu beseitigen.
Die Gründung einer eigenen Tochtergesellschaft gilt als Standardweg. Welche organisatorischen und finanziellen Hürden stellt das gerade kleine Stadtwerke vor — und ab welcher Größenordnung rechnet sich das überhaupt?
Christian de Wyl: Vorab – rechnen tut sich das nie, sondern es wird so oder so mehr Aufwand und damit Geld verbrannt.
Aber natürlich ist das ein Weg, wenn ich genügend Ladepunkte habe, so dass es halbwegs sinnvoll ist. Wir begleiten solche Modelle auch, wobei es auch eine Schwester- oder Muttergesellschaft sein kann. Dann schließe ich einen Dienstleistungsvertrag mit dem bisherigen Betreiber oder einem Dritten und versuche nur die verbotenen Tätigkeiten auszusortieren. Vieles, was der bisherige Eigentümer und Betreiber für sich gemacht hat, wird dann für die neue Gesellschaft gemacht. Wir haben solche Verträge als Muster. Das kostet ein bisschen Geld, etwa 2.000 Euro, ist aber der schlankste Weg. Dazu brauchen sie einen schlanken Kaufvertrag über die einzelnen Gegenstände, ändern den Gesellschaftszweck der neuen Betreibergesellschaft. Zudem muss man die vielen sonstigen Verträge, etwa mit Backendbetreibern, Zahlungsdienstleistern oder Plattformen daraufhin prüfen, wo sie künftig sinnvollerweise aufgehängt werden. Bei geförderter Ladeinfrastruktur ist eine Abstimmung mit dem Fördermittelgeber notwendig, da die Förderbedingungen eine Übertragung normalerweise ausschließen.
Die meisten machen so eine schlanke Umsetzung. Das kostet dann am Ende des Tages, ich sag mal, 4.000 bis 5.000 Euro. Am Ende bleibt durch den Dienstleistungsvertrag vieles so wie bisher. Wir empfehlen eher eine schlanke Umsetzung, als eine absehbare Auseinandersetzung mit der BNetzA. Das haben wir jetzt sicher schon 50- mal begleitet. Aber zugegeben – auch eine schlanke Umsetzung kostet Geld und Nerven. Der ein oder andere wird wahrscheinlich wirklich auf das „Geschäft“ verzichten.
Die Bundesnetzagentur verlangt, dass eine Entflechtungslösung keine bloße Hülle sein darf. Wie müssen Dienstleistungsverträge zwischen Stadtwerk und ausgelagertem Betreiber ausgestaltet sein, damit sie einer Prüfung standhalten?
Christian de Wyl: Die Bundesnetzagentur hat gesagt, die neue Gesellschaft darf keine leere Hülle sein, also nicht nur einen Safe haben, in dem der Dienstleistungsvertrag und der Eigentumsnachweis liegt. Zudem soll es verboten sein, wenn derselbe Geschäftsführer in beiden gesellschaften tätig ist. Letzteres ist in meinen Augen aber Quatsch. Das wären Vorgaben der operationellen Entflechtung, die gerade nicht anwendbar sind. Worum es der Bundesnetzagentur aber im Kern geht, ist der Nachweis, wer die Ladepunkte errichtet, verwaltet und betreibt. Dies kann ja nicht der Dienstleister sein; irgendwelches Personal braucht man also in der neuen Betreibergesellschaft. Diese kann aber trotzdem sehr schlank aufgestellt sein; idealerweise gibt es schon Mitarbeiter. Hier fängt die Einzelfallberatung an, da die sichere Lösung natürlich von den Gegebenheiten vor Ort und dem Umfang der Tätigkeit abhängt. Ich muss also eine Antwort auf die Frage haben, wer macht’s denn eigentlich? Die Antwort darf nicht sein, dass macht offensichtlich alles der Dienstleister. Also es wäre schon gut, wenn ein Mitarbeiter den Hut aufhat, ich mache das Geschäft mit den Ladesäulen.
Was raten Sie einem Bürgermeister oder Stadtwerke-Geschäftsführer, der heute noch keine Lösung hat — welche Schritte müssen bis Jahresende zwingend abgeschlossen sein?
Christian de Wyl: Also, wenn der Chef jetzt kommen würde, würde ich sagen, ihr habt doch bestimmt im Stadtwerkekonzern noch irgendeine andere Gesellschaft – selbst die GmbH einer GmbH & Co KG musste neulich herhalten. Dann würde ich empfehlen das Eigentum auf die andere Gesellschaft zu übertragen, die dann auch Betreiber wird, wobei das nicht der technische Betrieb ist, sondern die Übernahme der – auch wirtschaftlichen – Verantwortung für die Ladepunkte. Die Belieferung des neuen Betreibers mit Strom und die die Vermarktung von Ladevorgängen kann weiterhin das Stadtwerk machen; es bleibt der EMP [E-Mobility-Provider, d. Red.], das ist nicht verboten. Also auch die Ladekarten gibt weiterhin das Stadtwerk aus.
Welche Alternativen zur eigenen Tochtergesellschaft sehen Sie für Stadtwerke, die ihren Ladepunktbetrieb gesetzeskonform weiterführen wollen, ohne eine neue Gesellschaft aufzusetzen?
Christian de Wyl: Schlimm ist es halt, wenn sie keine Tochtergesellschaft haben, noch extra eine gründen müssen, dann wird’s irgendwann wirklich absurd. Also für die, die nicht mal das haben, da ist es in der Tat die Frage, ob sie das nicht an ein benachbartes Stadtwerk geben und sagen, macht ihr das für uns, oder sie geben es an irgendeinen Betreiber raus. In manchen Regionen gibt es entsprechende Dienstleistungen bzw. Kooperationsgesellschaften, die durchaus sinnvoll sein können.
Der ein oder andere Stadtwerke-Chef erzählt mir aber auch, dann bin ich sie los…
Christian de Wyl: Ja, das wird es geben und es zeigt, wie unsinnig das Verbot in der jetzigen Form ist.
Man sollte sich als Kommune / Stadtwerk aber natürlich dreimal überlegen, ob es nicht für eine Stadt auch interessant ist , am Rande der Fußgängerzone doch ein paar Ladepunkte zu haben, um eben die Attraktivität der Innenstadt zu steigern. Auch dies ist am Ende aber auch eine Entscheidung des Einzelfalles.
Vielen Dank! (DEKOM,02.11.2026) Mehr Infos hier…
Zur Person
Rechtsanwalt Dr. Christian de Wyl ist Partner bei Becker Büttner Held. Er befasst sich projektleitend mit der Umsetzung des Unbundling und gesellschaftsrechtlicher Transaktionen im M&A-Bereich (Privatisierungen, Umstrukturierungen). Daneben obliegt ihm die vertragliche Ausgestaltung von Belieferung und Netzzugang im Bereich Strom und Gas. Rechtsfragen der Regulierung sowie die rechtliche Begleitung von Privatisierungs- und Kraftwerksprojekten sind weitere Schwerpunkte.
Über BBH
Die BBH-Gruppe gehört mit ihren über 1.000 Mitarbeitenden, über 7.000 Mandantinnen und Kunden und 7 Standorten zu den führenden Anbieterinnen von Beratungsdienstleistungen für Energie- und Infrastrukturunternehmen und deren Kundschaft. Den Kern der Mandantschaft bilden zahlreiche Energie- und Versorgungsunternehmen, vor allem Stadtwerke, Kommunen und Gebietskörperschaften, Industrieunternehmen sowie internationale Konzerne. Diese und viele Unternehmen und Institutionen aus anderen Bereichen unterstützt die BBH-Gruppe rechtlich, betriebswirtschaftlich und strategisch.