„Vor die Welle kommen“ – wie Software den harten Netzeingriff verhindern kann

Der § 14a EnWG ist scharfgeschaltet: Verteilnetzbetreiber dürfen steuerbare Verbraucher wie Wallboxen oder Wärmepumpen dimmen, wenn das Netz überlastet ist. Doch dieser Eingriff ist eine „Notbremse“ mit teuren Folgen, denn er löst eine Ausbauverpflichtung aus. In Fachkreisen und Stadtwerken wird daher intensiv über das „Hüllkurvenverfahren“ diskutiert. Die Idee: Eine intelligente Software steuert das Netz dynamisch innerhalb eines Toleranzkorridors, sodass der harte Engpass gar nicht erst entsteht. Ist das der Königsweg für kommunale Netzbetreiber oder ein technischer Trick, um Investitionen zu sparen? Wir sprachen dazu mit einem Experten. Dr. Michael Schöpf bei VENIOS, einem führenden Entwickler und Anbieter von Softwarelösungen zur Echtzeit-Analyse und Steuerung von Energienetzen und Verteilnetzen. Das Frankfurter Unternehmen gilt als technischer Vorreiter für den digitalen Zwilling im Niederspannungsnetz.

Herr Dr. Schöpf, Hand aufs Herz: Wie viele Verteilnetzbetreiber sehen in der Niederspannung heute wirklich live, was passiert, anstatt im Nebel zu stochern?

Dr. Michael Schöpf: Um ehrlich zu sein: Keiner sieht heute wirklich flächendeckend alles. Es gibt erste Ansätze und Pilotprojekte, bei denen man an Einzelabgängen Messungen hat, aber ein komplettes Netzgebiet live und in Echtzeit zu überwachen, ist in Deutschland noch Zukunftsmusik. Daran arbeiten die Netzbetreiber aktuell noch.

§ 14a EnWG erlaubt das Dimmen bei Überlastung – aber setzt das nicht zwingend voraus, dass man den Engpass auch präzise sieht?

Dr. Michael Schöpf: Absolut. Um den Paragrafen 14a anzuwenden, muss ich einen Engpass qualifizieren. Ich muss wissen: Wann, wo und warum bin ich am Limit? Ohne diese Transparenz fehlt mir die Basis für den Eingriff. Die Herstellung dieser Sichtbarkeit ist daher der erste, zwingende Schritt für alle Netzbetreiber.

In Fachkreisen wird derzeit das „Hüllkurvenverfahren“ als Alternative zur harten Abregelung gehandelt. Was steckt technisch dahinter?

Dr. Michael Schöpf: Das Hüllkurvenverfahren versucht, „vor die Welle“ zu kommen. Anstatt zu warten, bis der Engpass da ist und ich hart eingreifen muss, gibt der Netzbetreiber dem Anschlussnehmer – etwa einem Haushalt mit Energiemanagementsystem (EMS) – dynamisch eine Bandbreite vor. Das ist die „Hülle“. Das EMS im Haus optimiert dann selbstständig innerhalb dieser Vorgaben, verschiebt zum Beispiel das Laden des E-Autos leicht, um in der Hülle zu bleiben.

Kritiker unken, solche Software-Lösungen seien nur ein Feigenblatt, um den teuren physikalischen Netzausbau legal hinauszuzögern, indem man das Netz einfach „heißer“ fährt. Ist das so?

Dr. Michael Schöpf: Nein, es geht um Systemeffizienz. § 14a ist die Notfallmaßnahme – quasi die Feuerwehr. Das Hüllkurvenverfahren ist der präventive Brandschutz. Wenn wir durch intelligente, dynamische Steuerung verhindern können, dass ein kritischer Engpass überhaupt entsteht, dann müssen wir die Notbremse nach § 14a gar nicht ziehen. Das schadet niemandem, im Gegenteil: Es ist volkswirtschaftlich sinnvoller, die bestehende Infrastruktur durch Intelligenz optimal auszulasten, bevor wir Kupfer vergraben.

Aktuell wird das Verfahren vor allem in großen Reallaboren wie dem BMWE-Projekt „BDL-Next²“ erprobt. Was muss regulatorisch passieren, damit es auch für Stadtwerke in der Breite rechtssicher funktioniert?

Dr. Michael Schöpf: Wir brauchen Verbindlichkeit. Aktuell ist das oft eine individuelle vertragliche Lösung zwischen Netzbetreiber und Anschlussnehmer. Das bietet keine Investitionssicherheit. Die Bundesnetzagentur müsste einen regulatorischen Rahmen schaffen, der das Hüllkurvenverfahren standardisiert und anerkennt. Es muss egal sein, bei welchem Netzbetreiber der Kunde ist.

Was hat der Verbraucher davon, wenn sein Netzbetreiber diese komplexe Hüllkurven-Steuerung nutzt, statt einfach starr zu dimmen?

Dr. Michael Schöpf: Der Komfortgewinn ist massiv. Bei der harten Abregelung wird die Leistung spürbar gekappt. Bei der Hüllkurve hingegen optimiert das System im Hintergrund so fein, dass der Kunde im Alltag oft gar nichts davon merkt. Hier greift der entscheidende Mechanismus: Der Kunde könnte von reduzierten Netzentgelten profitieren, muss aber dank der intelligenten Steuerung keine spürbaren Einschränkungen hinnehmen. Er spart Geld und behält seinen vollen Komfort – das ist der Schlüssel für die breite Akzeptanz. (DEKOM, 26.01.2026) Ganzer Artikel hier…

Zur Person: Dr. Michael Schöpf ist Business Development Manager bei der VENIOS GmbH. Das Unternehmen entwickelt mit Venios.NET eine Plattform für das echtzeitfähige Management von Verteilnetzen.

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