IRO 2026: Strategien für die Netze von morgen – Mike Böge im Interview

Die Bundesregierung hat den Umbau der Infrastruktur zur nationalen Priorität erklärt. Von H2-Ready-Leitungen bis zur Klimaresilienz sollen Milliarden in die Versorgungsnetze fließen. Doch in der Branche lösen diese Pläne gemischte Gefühle aus: Während der Modernisierungsbedarf außer Frage steht, erweisen sich fehlende Kapazitäten in Planung und Tiefbau als das eigentliche Nadelöhr. Geld allein baut keine Leitungen. Im Vorfeld des 38. Oldenburger Rohrleitungsforums am 5. und 6. Februar – dem wichtigsten Treffpunkt der Branche direkt zum Jahresauftakt – sprechen wir mit Mike Böge, Geschäftsführer des Instituts für Rohrleitungsbau (IRO), über die Frage, wie der Netzausbau unter diesem massiven Ressourcendruck gelingt.

DEKOM: Herr Böge, das diesjährige Forum steht unter dem Motto „Alt und Neu – Strategien für Netze von morgen“. Wenn wir auf die aktuelle Lage blicken: Wie viel „Neu“ vertragen unsere Netze momentan überhaupt, während wir gleichzeitig mit Hochdruck daran arbeiten müssen, dass „Alt“ instand zu halten?

Mike Böge: Die beschriebene Situation kann ich vollumfänglich bestätigen. Unsere Netze stehen aktuell unter einem enormen Druck: Einerseits müssen große Teile der bestehenden Infrastruktur dringend instandgehalten werden, andererseits sollen sie gleichzeitig an neue Anforderungen angepasst oder sogar grundlegend erneuert werden. Dieses Spannungsfeld zwischen ‚Alt‘ und ‚Neu‘ prägt die aktuelle Lage der Branche sehr deutlich. Gleichzeitig sehe ich darin aber auch eine große Chance. Die notwendigen Eingriffe in den Bestand bieten die Möglichkeit, unsere Netze gezielt auf die Auswirkungen des Klimawandels auszurichten – sei es im Hinblick auf Starkregen, Trockenperioden, veränderte Lasten oder neue Energieträger. Jeder Sanierungs- oder Erneuerungsschritt sollte deshalb strategisch bewertet werden: Was muss zwingend erhalten werden, was kann angepasst werden und wo ergibt sich sinnvollerweise die Gelegenheit zur Weiterentwicklung? Auf diese Weise können sich Prioritäten durchaus verschieben, und Instandhaltung und Erneuerung wachsen stärker zusammen. ‚Neu‘ bedeutet dann nicht zwangsläufig mehr oder schneller zu bauen, sondern klüger zu investieren – mit Blick auf langfristige Resilienz, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit. Genau diesen strategischen Ansatz wollen wir mit dem Leitthema des Forums bewusst in den Mittelpunkt stellen.

Die Politik hat mit den massiven Ankündigungen zum Infrastruktur-Umbau eine enorme Erwartungshaltung geschürt. Wie viel von diesem Aufbruch kommt operativ wirklich auf der Baustelle an, wenn die Ressourcen an allen Ecken fehlen?

Mike Böge: Die Erwartungshaltung ist zweifellos enorm – operativ kommt davon auf der Baustelle derzeit aber nur begrenzt etwas an. Die Ressourcen fehlen an vielen Stellen: in den Kommunen, in der Planung, bei den Genehmigungsbehörden und im Tiefbau selbst. Gleichzeitig stehen Länder und Kommunen vor einer Vielzahl weiterer Aufgaben, sodass die verfügbaren Kapazitäten stark fragmentiert sind. Insofern sind meine Erwartungen, was eine kurzfristige Wirkung angeht, eher verhalten. Nicht zu unterschätzen ist allerdings ein anderer Effekt: Die politischen Ankündigungen haben das Thema Infrastruktur stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das führt zumindest zu mehr Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft für Bauaktivitäten, Baustellen und notwendige Eingriffe in den öffentlichen Raum. Auch das ist ein wichtiger Schritt, denn ohne gesellschaftliche Akzeptanz lassen sich Infrastrukturprojekte kaum umsetzen. Am Ende gilt aber: Ankündigungen und Mittel allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, dass sie mit realistischen, kapazitätsgerechten Strategien hinterlegt werden – sonst bleibt der Aufbruch vor allem ein politisches Signal und kommt nur verzögert auf der Baustelle an.

Wenn das Kapital bereitsteht, aber Planer und Tiefbaubetriebe fehlen – wie verhindern wir, dass der Ausbau von Energie-, Wasser- und Datennetzen schlicht stecken bleibt?

Mike Böge: Wenn Kapital verfügbar ist, aber Planungs- und Ausführungskapazitäten fehlen, müssen wir unsere Strategien anpassen. Ein ‚Weiter so‘ führt dann zwangsläufig dazu, dass Projekte ins Stocken geraten. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass Netzbetreiber stärker integrativ denken und handeln. Konkret heißt das: Die einzelnen Sparten dürfen nicht länger isoliert geplant werden. Energie-Wasser, Abwasser- und Datennetze müssen deutlich besser aufeinander abgestimmt werden. Wenn Maßnahmen koordiniert geplant und umgesetzt werden, lassen sich Synergien nutzen – etwa durch gemeinsames Bauen, abgestimmte Zeitpläne und eine effizientere Nutzung der vorhandenen Tiefbaukapazitäten. So können Tiefbaukosten auf mehrere Netze verteilt, Bauzeiten verkürzt und Belastungen für Städte und Bevölkerung reduziert werden. Integratives Vorgehen ist damit kein netter Nebeneffekt mehr, sondern eine wichtige Voraussetzung, um den Netzausbau unter begrenzten Ressourcen überhaupt realisieren zu können

Braucht es jetzt den konsequenten Einsatz neuer Wege – etwa minimalinvasive Verlegungsverfahren oder Logistik-Innovationen wie die nächtliche Baustellenbelieferung –, um mit den vorhandenen Kapazitäten mehr zu schaffen?

Mike Böge: Neue Wege sind sicher ein wichtiger Baustein, um mit begrenzten Kapazitäten mehr zu erreichen – aber sie sind kein Allheilmittel. Grabenlose und minimalinvasive Verlegeverfahren leisten bereits seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag und werden dort eingesetzt, wo sie technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Sie können Prozesse beschleunigen, Eingriffe reduzieren und den Verkehrsraum entlasten. Gleichzeitig gibt es auch hier klare technische und wirtschaftliche Grenzen, die man realistisch betrachten muss. Entscheidend ist aus meiner Sicht der integrative Einsatz solcher Verfahren. Gerade vor dem Hintergrund, dass vielerorts ohnehin Straßen und Verkehrsflächen erneuert werden müssen, sollten Infrastrukturmaßnahmen besser gebündelt und aufeinander abgestimmt werden. Das erhöht die Effizienz deutlich mehr, als einzelne Verfahren isoliert zu optimieren. Darüber hinaus lohnt auch der Blick auf ältere, heute wieder aktuelle Ansätze – etwa Infrastrukturkanäle, in denen unterschiedliche Leitungsträger gemeinsam geführt werden. Solche Konzepte wurden bereits früher, beispielsweise zu DDR-Zeiten, umgesetzt. Sie setzen allerdings voraus, dass die beteiligten Netzbetreiber bereit sind, gemeinsam zu planen, Nutzung und Zugänglichkeit zu regeln und Verantwortung zu teilen. Wo das gelingt, können solche Lösungen langfristig Wartung, Ausbau und Betrieb deutlich erleichtern. Am Ende geht es also weniger um das einzelne Verfahren, sondern um das Zusammenspiel von Technik, Planung und Kooperation.

Was muss sich in der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Versorgern ändern, damit wir Infrastruktur nicht mehr in kleinen Einzelgewerken, sondern als zusammenhängendes System „von der Zukunft her“ denken?

Mike Böge: Dafür braucht es vor allem ein Umdenken in der Zusammenarbeit. Kommunen und Versorger müssenInfrastruktur stärker als zusammenhängendes Gesamtsystem begreifen und weniger in einzelnen Gewerken oder Spartenzuständigkeiten denken. Die heutigen Herausforderungen lassen sich nicht mehr isoliert lösen. Konkret bedeutet das: Strategien sollten frühzeitig gemeinsam entwickelt werden – über Sparten, Zuständigkeiten und Planungshorizonte hinweg. Wenn Energie-, Wasser-, Abwasser- und Datennetze von Beginn an koordiniert geplant werden, lassen sich Synergien heben, Bauzeiten bündeln und knappe Planungs- und Tiefbaukapazitäten effizienter einsetzen. Dazu gehört auch eine stärkere Transparenz über Netzzustände, Maßnahmenpläne und Investitionszyklen. Nur wenn alle Beteiligten wissen, was wann und wo geplant ist, kann koordiniertes Bauen gelingen. Digitale Werkzeuge und gemeinsame Datenmodelle können hier eine wichtige Grundlage schaffen. Von der Zukunft herdenken‘ heißt letztlich, nicht nur einzelne Maßnahmen zu optimieren, sondern langfristige Zielbilder zu definieren: Wie sollen unsere Netze in 20 oder 30 Jahren funktionieren – und welche Schritte müssen wir heute gemeinsam gehen, um dorthin zu kommen? Genau diese integrative Sichtweise wird entscheidend sein, um Infrastruktur unter den aktuellen Rahmenbedingungen überhaupt noch leistungsfähig weiterzuentwickeln. (DEKOM, 26.01.2026) Mehr Infos zum IRO 2026 hier…

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