„Gier frisst Hirn“: Rainer Staar über die Achillesferse des deutschen Glasfaserausbaus
Der flächendeckende Glasfaserausbau in Deutschland steht unter enormem Zeitdruck. Bis 2030 soll die Infrastruktur stehen, doch während die statistische Verfügbarkeit wächst, kämpft die Branche mit Qualitätsmängeln und einer notwendigen Marktbereinigung. Rainer Staar, Gründer und Geschäftsführer der fiberprojects GmbH, ist ausgewiesener Branchenkenner mit langjähriger Erfahrung in Infrastrukturprojekten. Im Gespräch mit DEKOM analysiert er die aktuelle Lage zwischen „Goldgräberstimmung“ und dem notwendigen Fokus auf nachhaltige Qualität.
DEKOM: Wie beurteilen Sie als fundierter Branchenkenner die aktuelle Entwicklung beim Glasfaserausbau in Deutschland?
Rainer Staar: Bis 2030 soll flächendeckend über die gesamte Republik eine Glasfaser-Infrastruktur bestehen. Aktuell haben wir fast 50 Prozent der Haushalte erschlossen, wobei man genau hinschauen muss: Das bedeutet oft nur, dass die Glasfaser im Gehsteigbereich verfügbar ist. Viele Haushalte nutzen den Anschluss noch nicht, da bestehende Kupfernetze oft als ausreichend wahrgenommen werden; hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, um Glasfaser wirklich interessant zu machen. Während Einfamilienhäuser weniger Herausforderungen bieten, liegen die Hürden im städtischen Bereich bei Mehrfamilienhäusern, insbesondere wenn Wohnungsbau- oder Eigentümergesellschaften involviert sind. Hier kommt es oft zu massiven Verzögerungen bei der Erschließung. Positiv bewerte ich, dass wir politisch einen Digitalminister haben, der aus der Wirtschaft kommt. Bei den über 300 Anbietern hat zudem ein Konsolidierungsprozess begonnen. Viele kleine Anbieter werden in den nächsten Jahren verschwinden und mit größeren Einheiten zusammengehen.
DEKOM: Wie lässt sich angesichts des hohen Ausbaudrucks sicherstellen, dass die Ausführungsqualität nicht leidet und öffentliche Investitionen nachhaltig abgesichert werden?
Rainer Staar: Qualität ist die Achillesferse im Glasfaser-Infrastrukturausbau. Die Phase der „Goldgräberstimmung“, in der auf Teufel komm raus gebaut wurde, geht hoffentlich langsam zu Ende. Zu Beginn wurde oft nur auf das Tempo geachtet und Trassen gebaut, die für Tiefbauunternehmen besonders lukrativ waren, um schnell Rechnungen stellen zu können. Ein Satz, den ich überall wiederhole: Gier frisst Hirn. Unternehmen wurden mit Vorauszahlungen geködert, die dann dazu genutzt wurden, um Löcher in anderen Projekten zu stopfen. Dabei wurde oft an der Qualität gespart, da der Fokus rein auf dem Cashflow lag. Zudem fehlte es an qualifizierten Fachkräften; man hat teilweise Menschen von der Straße geholt, die noch nie etwas vom Tiefbau gehört hatten. Das führt zwangsläufig dazu, dass technische Standards missachtet werden, was die Kommunen später teuer zu stehen kommt.
DEKOM: In kommunalen Ausschreibungen erhält meist das preislich günstigste Angebot den Zuschlag – welche spezifischen Instrumente der Qualitätssicherung sind unerlässlich?
Rainer Staar: Das A und O ist das Leistungsverzeichnis. Formulierungen wie „Ausführung nach dem Stand der Technik“ sind viel zu weich. Wir haben in Deutschland gute Regelwerke wie DIN-Vorschriften oder die VOB, die jedoch gerade in der Anfangszeit selten konsequent angewendet wurden. Während Elektrofachunternehmen oft eine ganz andere Berufsehre haben, fehlt dies manchen Quereinsteigern, etwa aus dem Garten- und Landschaftsbau, denen die fachspezifische Erfahrung im Trassenbau fehlt. Obwohl der Gesetzgeber das wirtschaftlichste Angebot fordert, wählen Kommunen oft schlicht das günstigste, ohne die tatsächliche Eignung tiefgehend zu prüfen. Hier kann das „Schweizer Modell“ helfen, bei dem der günstigste und der teuerste Anbieter vorab ausscheiden, um Dumping-Angebote zu verhindern. Ein reiner Fokus auf den Meterpreis führt bei hohem Termindruck zwangsläufig zum Qualitätsabfall.
DEKOM: Wenn Infrastrukturprojekte aufgrund technischer Defizite ins Stocken geraten – wie kann Qualitätssicherung dazu beitragen, festgefahrene Vorhaben fachgerecht zu korrigieren?
Rainer Staar: Indem man konsequent ist, insbesondere bei den Abnahmen. Ich empfehle eine abschnittsweise Abnahme: Ein Abschnitt wird fertiggestellt, geprüft, abgenommen und erst dann geht es weiter. Statt nur Malus-Regelungen und Strafen für verpasste Meilensteine vorzusehen, sollte man über Bonus-Systeme für niedrige Mängelquoten und Termintreue nachdenken. Zudem müssen Partner im Vorfeld intensiv geprüft werden, etwa durch Bonitätsauskünfte und persönliche Gespräche. Ich schaue mir Unternehmen vorab persönlich auf Baustellen an: Wie treten sie auf, wie arbeiten sie, ist eine verständliche Kommunikation auf Deutsch möglich?
DEKOM: Wie lässt sich durch strikte Einhaltung von Qualitätsstandards an den Schnittstellen zwischen Bauherren, Ämtern und Tiefbaufirmen die notwendige Akzeptanz und Planungssicherheit schaffen?
Rainer Staar: Wir brauchen mutige Entscheider, die sich etwas zutrauen und nicht nur stur nach Prozessen richten. Es muss die Möglichkeit geben, auch mal links oder rechts auszuschwenken, um das Projektziel effizient zu erreichen. Eine glaubhafte Kommunikation mit den Behörden von Anfang an ist entscheidend. Genehmigungsverfahren beschleunigen sich deutlich, wenn Behörden nicht jeden Antrag zur Genehmigung neu verstehen müssen. Wenn man Standards bei Lageplänen, Symbolik und Maßstäben einhält und diese nicht ständig verändert, arbeiten die Ämter schneller. Sonderlösungen sollten die absolute Ausnahme bleiben und unbedingt vor der Einreichung mit der Behörde abgestimmt werden, um Reibungs- und Zeitverluste zu minimieren.
DEKOM: Welche Kriterien müssen bei der finalen Abnahme zwingend erfüllt sein?
Rainer Staar: Am Ende geht es um den langfristigen Werterhalt. Eine Glasfaserinfrastruktur muss 20, 30 oder 40 Jahre halten. Daher müssen von vornherein Kapazitätsreserven eingeplant werden, damit man nicht in wenigen Jahren wieder aufgraben muss. Viele Kommunen haben zwar toll ausgebildete Tiefbauingenieure, aber das spezifische Wissen zur Glasfaser-Infrastruktur ist oft noch im Aufbau begriffen. Für die finale Abnahme sind drei Punkte zentral: Erstens der intensive Check der eingesetzten Partnerunternehmen. Zweitens eine ständige Qualitätskontrolle durch Bauüberwachung während des gesamten Prozesses. Drittens die Dokumentation. Heute kann man mittels dreidimensionaler Aufnahmen genau dokumentieren, ob Tiefen, Breiten und die ausgeschriebenen Komponenten tatsächlich verbaut wurden. Das ist ein Quantensprung für die Qualitätssicherung, denn es hilft alles nichts, wenn man am Ende nicht weiß, für was man eigentlich bezahlt hat. (DEKOM, 26.01.2026) Mehr Infos hier…
Zur Person
Zur Person Rainer Staar ist Gründer und Geschäftsführer der fiberprojects GmbH. Als ausgewiesener Branchenkenner verfügt er über langjährige Erfahrung in Leitungspositionen bei deutschlandweiten Infrastrukturvorhaben. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt in der strategischen Projektsteuerung sowie der qualitäts- und regelkonformen Umsetzung komplexer Ausbauprojekte an der Schnittstelle zwischen Planung, Kommunen und Tiefbau.
Über fiberprojects
Die fiberprojects GmbH mit Sitz im oberbayerischen Obing (Landkreis Traunstein) ist ein bundesweit tätiger Spezialist für Infrastrukturprojekte in den Bereichen Glasfaserausbau, Energie- und Solaranlagen. Das Unternehmen begleitet seit 2019 öffentliche Auftraggeber, Energieversorger, Netzbetreiber und Tiefbauunternehmen durch alle Projektphasen – von der Netzplanung und dem Genehmigungsmanagement bis hin zur baubegleitenden Qualitätssicherung und modernen digitalen Dokumentation (As-Built). Ziel ist die rechtssichere und nachhaltige Realisierung von Infrastrukturzielen unter strikter Einhaltung technischer Standards.
