Spiekeroog ist die letzte der sieben bewohnten ostfriesischen Inseln ohne kabelgebundene Glasfaseranbindung an das Festland. Das soll sich bis spätestens April 2028 ändern: Ein rund neun Kilometer langes Seekabel soll durch den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zur Insel geführt werden – eines der technisch und genehmigungsrechtlich anspruchsvollsten Ausbauprojekte in Niedersachsen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 9,55 Millionen Euro. Der Bund fördert das Vorhaben im Rahmen der Gigabitförderung 2.0 mit 4,75 Millionen Euro, das Land Niedersachsen steuert aufgrund der besonderen Herausforderungen der Seekabelverlegung eine erhöhte Förderquote bei und trägt 3,05 Millionen Euro. Der kommunale Eigenanteil von rund 1,7 Millionen Euro wird zu gleichen Teilen von Landkreis Wittmund und der Gemeinde Spiekeroog getragen. Wie es gelang, dieses Projekt trotz schwieriger Rahmenbedingungen auf den Weg zu bringen – und was andere Kommunen daraus lernen können – erläutert Landrat Holger Heymann (SPD) im Gespräch mit DEKOM.
Herr Heymann, bundesweit ist viel vom stockenden Glasfaserausbau die Rede – auf den ostfriesischen Inseln ist Norderney bereits angeschlossen, Spiekeroog folgt jetzt. Wie erklären Sie diesen Unterschied aus Sicht des Landkreises Wittmund?
Holger Heymann: Der Vergleich hinkt zunächst einmal: Etwa 25 Millionen potenziellen Gebäudeadressen in Deutschland stehen rund 10.000 Gebäudeadressen auf den ostfriesischen Inseln gegenüber. Grundsätzlich ist außerdem zwischen dem geförderten Ausbau – wie hier bei Spiekeroog – und dem privatwirtschaftlichen Ausbau der verschiedenen Akteure zu unterscheiden. Das Förderprojekt für Spiekeroog ist nur möglich, weil alle kommunalen Entscheidungsträger und Fördermittelgeber, darunter das Land Niedersachsen mit zusätzlichen Mitteln, an einem Strang ziehen. Das ist politisch unumstritten. Die Dynamik beim privatwirtschaftlichen Ausbau in unserer Region wurde in der Vergangenheit als volatil, also sehr schwankend und in der Intensität wechselhaft wahrgenommen. Aktuell ist aber wieder ein größeres Interesse der Telekommunikationsanbieter am eigenwirtschaftlichen Ausbau im Landkreis Wittmund wahrzunehmen. Die Herausforderungen bleiben groß: Unwägbarkeiten am Kapitalmarkt sowie steigende Tiefbau-, Personal- und Materialkosten stehen einer schleppenden Nachfrage gegenüber. Aus unserer Sicht von der Küste ist es ein wichtiges Thema, bundesweit die Akzeptanz in der Gesellschaft für den Umstieg auf Glasfaser zu schaffen oder noch zu steigern.
Welche strategische Rolle spielt der Glasfaserausbau auf den Inseln für das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse – gerade mit Blick auf kleine Gemeinden, die nur per Schiff erreichbar sind?
Holger Heymann: In einer immer digitaler werdenden Welt ist eine leistungsfähige Glasfaseranbindung elementar – egal ob auf dem Land, in der Stadt oder auf einer Insel. Sie rückt mehr und mehr zum Grundbedürfnis auf, vergleichbar mit Wasser- und Stromversorgung. Für uns ist dabei wichtig: Der Ausbau steigert das Attraktivitätsmerkmal einer Insel hinsichtlich der Lebens- und Arbeitsbedingungen – nicht nur für Gäste, sondern auch für Einheimische und Saisonarbeitskräfte gleichermaßen. Er ist das Rückgrat für die digitale Teilhabe.
Tourismus ist auf den ostfriesischen Inseln ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Inwiefern ist eine gigabitfähige Infrastruktur heute Standortfrage – für die Gäste, die Betriebe und die Lebensqualität der Insulanerinnen und Insulaner?
Holger Heymann: Das Anspruchsdenken im Tourismus wächst – das beobachten wir auch im Kreishaus. Dazu zählen hochleistungsfähige Glasfasernetze für ein digitales Urlaubserlebnis. Eine gigabitfähige Infrastruktur ist darüber hinaus wichtig, um sich im Wettbewerb der Tourismusdestinationen national und international zu bewähren. Unsere Betriebe profitieren, indem sie zusätzliche Optionen zur Optimierung ihrer Geschäftsprozesse erhalten und gegebenenfalls Cloud- oder KI-Anwendungen in ihre Prozesse integrieren können. Für die Insulanerinnen und Insulaner kann die gigabitfähige Erschließung neue Möglichkeiten in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Bildung, Unterhaltung, Homeoffice und allgemeine Kommunikation mit dem Festland mit sich bringen – und damit den Lebensmittelpunkt Spiekeroog auch in der Nebensaison nachhaltig stärken.
Spiekeroog gilt als eines der technisch anspruchsvollsten Ausbauprojekte in Niedersachsen. Was hat den Ausschlag gegeben, es trotzdem jetzt anzupacken – und was bedeutet das finanziell und organisatorisch für den Landkreis?
Holger Heymann: Die Infrastruktur zur Insel ist bisher durch die bestehende Richtfunkanbindung limitiert, und die Bestandsinfrastruktur ist in die Jahre gekommen, so dass eine dauerhafte Leistungsfähigkeit nicht gewährleistet werden kann. Organisatorisch wird im Rahmen eines europaweiten Ausschreibungsverfahrens ein Telekommunikationsunternehmen gesucht, das für Planung, Errichtung und Betrieb des Gigabitnetzes zuständig sein wird. Weder Landkreis noch Gemeinde werden Eigentümer der zu bauenden Infrastruktur. Landkreis und Gemeinde Spiekeroog werden das bezuschlagte Unternehmen bestmöglich unterstützen, um optimale Rahmenbedingungen für das Projekt zu schaffen. Nach aktuellem Stand gehen wir von einem kommunalen Eigenanteil von etwa 1,7 Millionen Euro aus, den sich Landkreis und Gemeinde teilen würden. Genaues ergibt sich erst nach Ende des Vergabeverfahrens.
Wenn Sie den Blick über Spiekeroog hinaus weiten: Welche Lehren ziehen Sie aus den Inselprojekten für den weiteren Glasfaserausbau im Landkreis – und was können andere Küsten- und Inselkommunen von Ihrem Ansatz lernen?
Holger Heymann: Grundsätzlich sind sehr viel Beharrlichkeit und Ausdauer erforderlich, um den besonderen Herausforderungen solcher Projekte gerecht zu werden. Wir arbeiten bestimmt schon ein Jahrzehnt daran. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen bedarf es zudem einer breiten politischen Geschlossenheit auf kommunaler Ebene, um solche Projekte überhaupt noch realisieren zu können. Es reicht nicht aus, nur von gleichwertigen Lebensverhältnissen zu reden – wir müssen Taten folgen lassen, um uns zukünftig nicht selbst abzuschaffen. Das heißt: Die notwendigen finanziellen Mittel müssen über viele Jahre zuverlässig in den kommunalen Haushalten verankert werden, aufgrund bindender Vereinbarungen, die die Gegenfinanzierung beim geförderten Ausbau absichern. Das fällt vielen Kommunen auch bei uns nicht leicht – wird aber als alternativlos anerkannt. (DEKOM, 27.04.2026) Mehr Infos hier…