Drei Großbaustellen, ein Budget: Wie Troisdorf Strom, Glasfaser und Wärme gleichzeitig stemmt

Derzeit läuft in Troisdorf die kommunale Wärmeplanung auf Hochtouren. Fast zeitgleich rücken in mehreren Stadtteilen die Glasfaserbagger an, und das örtliche Stromnetz wird für Wärmepumpen und Elektroautos ertüchtigt. Drei Großbaustellen, die alle zur gleichen Zeit Kapital binden und zeigen, unter welchem Druck ein mittelgroßer Versorger heute steht. Michael Roelofs steuert die technische Seite dieses Umbaus. Der Diplom-Elektroingenieur führt die Stadtwerke Troisdorf seit 2019 gemeinsam mit Andrea Vogt. Das jüngste Geschäftsjahr hat sein Haus mit einem starken Ergebnis abgeschlossen, für Roelofs weniger Ruhekissen als Fundament für die Investitionen, die nun anstehen. Im Interview erklärt er, warum der Stromnetzausbau bei ihm oberste Priorität genieße und wo beim Glasfaserausbau trotz laufender Bagger der Schuh drücke. Auch beim Reizthema Ladeinfrastruktur bezieht er klar Position und begründet, weshalb ein weiterer Zubau langsamer Ladepunkte im öffentlichen Straßenraum für ihn der falsche Weg wäre.

DEKOM: Die Stadtwerke Troisdorf haben ein sehr erfolgreiches Jahresergebnis erzielt – worauf führen Sie diesen Erfolg zurück, und welche Herausforderungen und Prioritäten prägen nun Ihren Blick nach vorn?

Michael Roelofs: Unser sehr gutes Ergebnis basiert auf drei tragenden Säulen: Einer vorausschauenden und risikobewussten Beschaffungsstrategie, einer hohen operativen Exzellenz in allen Sparten und der tiefen Verwurzelung und Treue unserer Kundinnen und Kunden, die unser Engagement für eine lebenswerte Stadt zu schätzen wissen. Als TOP-Lokalversorger haben wir bewiesen, dass wirtschaftlicher Erfolg und faire Endkundenpreise Hand in Hand gehen können. Doch dieses Ergebnis ist für uns kein Ruhekissen, sondern das finanzielle Fundament für die gigantischen Aufgaben der Zukunft. Der Blick nach vorn wird ganz klar von der Realisierung der Wärme- und Stromnetztransformation geprägt. Die Prioritäten der Vergangenheit verschieben sich vom Energievertrieb hin zum massiven Infrastrukturausbau und der Digitalisierung unserer Netz-Steuerungsprozesse sowie der konsequenten Optimierung unserer Prozesse unter Nutzung digitaler Hilfsmittel.

DEKOM: Warum hat der Ausbau des Stromnetzes für Sie aktuell höchste Priorität – und wie gehen Sie damit um, dass Industrieunternehmen eigene Speicher und Rechenzentren planen?

Michael Roelofs: Der massive Stromnetzausbau hat oberste Priorität, weil die Dekarbonisierung der Industrie, der Hochlauf der Elektromobilität und der Einbau von Wärmepumpen die Lastflüsse in unserem Netz fundamental verändern. Ein starkes, „intelligentes“ Netz vor Ort wird zukünftig wesentlicher Standortfaktor für Industrieansiedlung sein und Schlüssel zur Energiewende der Stadt sein. Dass Industrieunternehmen eigene Großspeicher planen, sehen wir als Teil der Lösung für die Energiewende. Der Bau von Rechenzentren ist eine nachvollziehbare Folge der zunehmenden Digitalisierung, die natürlich in unserer Region stattfinden soll und nicht außerhalb von Deutschland. Insofern tun wir unser Möglichstes, um mit Weitblick im Netzausbau solche Projekte bei uns ermöglichen zu können.

DEKOM: Glasfaser gilt als Sorgenkind – woran hakt es konkret, und wie erklären Sie sich die verhaltene Nachfrage der Bürgerinnen und Bürger?

Michael Roelofs: Die Herausforderungen im Glasfasersegment sind vielschichtig: Extrem gestiegene Tiefbaukosten und der akute Fachkräftemangel belasten die Wirtschaftlichkeit im Markt spürbar. Das Hauptproblem bei der Nachfrage liegt jedoch in der aktuellen Marktdynamik: Die etablierten Telekommunikationsanbieter operieren auf einer nahezu vollständig abgeschriebenen Kupfer- oder Kabel-Infrastruktur. Das erlaubt es ihnen, im Wettbewerb mit echten Kampfpreisen zu agieren, die für uns beim Neuaufbau eines Netzes kaum darstellbar sind. Gleichzeitig fehlt vielen Verbrauchern im Moment schlicht der akute Leidensdruck. Der Durchschnittshaushalt hat heute selten einen spürbaren Bedarf an Bandbreiten jenseits der 200 Mbit/s. Solange das bestehende Netz für das aktuelle Nutzungsverhalten subjektiv ausreicht, sind viele Bürgerinnen und Bürger nicht bereit, für einen Glasfaseranschluss mehr zu bezahlen. Diese Zurückhaltung wird erst dann bröckeln, wenn der Bandbreitenbedarf in den kommenden Jahren massiv ansteigt. Durch den rasanten Einzug von KI-Anwendungen im Alltag, hochauflösendem Streaming, datenintensiven Uploads im Homeoffice und der vollständigen Verlagerung von Anwendungen in die Cloud (Software as a Service) wird die alte Kupfer-Infrastruktur unweigerlich an ihre physikalischen Grenzen stoßen. Erst dann wird der Wechsel zu echter Glasfaser für die breite Masse alternativlos.

DEKOM: Wie finanzieren Sie den weiteren Glasfaserausbau – und was bedeutet die Zurückhaltung der Banken bei einer Eigenkapitalquote unter 30 Prozent für Kommunen, die kein Nachrangdarlehen der Stadt mobilisieren können?

Michael Roelofs: Wir profitieren in Troisdorf von der starken Aufstellung unseres Querverbundes und der engen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unserer Muttergesellschaft TroiKomm und der Stadt Troisdorf. Dennoch spüren auch wir, dass die Banken bei der Kreditvergabe für den Breitbandausbau deutlich restriktiver geworden sind und strengere Maßstäbe an Eigenkapital anlegen. Das Kernproblem für uns ist dabei die extreme Gleichzeitigkeit konkurrierender, kapitalintensiver Investitions-Themen im kommunalen Querverbund: Wir müssen zeitgleich den massiven Ausbau des Stromnetzes für die Energiewende finanzieren, investieren in die klassische Daseinsvorsorge wie die Sanierung des örtlichen Schwimmbades und treiben parallel das Glasfasernetz voran. Diese Projekte kämpfen alle um dieselben finanziellen Ressourcen. Für Unternehmen, die bei einer Eigenkapitalquote von unter 30 Prozent keine Nachrangdarlehen oder Patronatserklärungen ihrer Stadt mobilisieren können, führt die Zurückhaltung der Banken zu einer dramatischen Ausbaubremse. Ohne diese Absicherung rückt eine klassische Bankenfinanzierung in weite Ferne. Der oft ins Spiel gebrachte Deutschlandfonds greift hier aktuell ins Leere: Er wurde zwar politisch angekündigt, allerdings fehlen in der Praxis bislang die konkreten Instrumente zur wirksamen Stärkung des Eigenkapitals von Stadtwerken. Für die betroffenen Regionen bedeutet das entweder den kompletten Baustopp beim Internet der Zukunft oder das bange Warten auf oft komplexe staatliche Förderprogramme. Eine Alternative zur reinen Bankenfinanzierung bieten hier Public-Private-Partnerships (PPP), um privates Kapital mit kommunaler Steuerung zu verknüpfen. Fehlen solche partnerschaftlichen Modelle jedoch, droht das komplette digitale Abhängen der Region: Da sich der rein private Ausbau in vielen Gebieten für Investoren allein nicht rechnet, findet ohne kommunale Flankierung oft überhaupt kein Ausbau mehr statt – oder die Netze werden im Zuge einer erzwungenen Marktübergabe rein renditeorientiert betrieben.

DEKOM: Die Auslastung Ihrer Ladesäulen liegt bei rund 20 Prozent – warum expandieren Sie im AC-Bereich dennoch nicht weiter?

Michael Roelofs: Als Stadtwerke Troisdorf haben wir eine klare Haltung: Wir sind beim Aufbau des Ladenetzes massiv in Vorleistung gegangen. Wir wollten und wollen der „Enabler“, also der proaktive Ermöglicher der regionalen Elektromobilität sein. Eine Auslastung von etwa 20 Prozent im öffentlichen Raum ist ein hervorragender Wert, der zeigt, dass unser bestehendes Netz gut platziert ist. Die Wahrheit ist aber auch: Allein mit dieser Auslastung finanziert sich diese Infrastruktur heute noch nicht. Vor diesem Hintergrund passt der oft laute Ruf nach immer mehr Ladesäulen schlicht nicht zur realen Dynamik bei den E-Fahrzeugneuzulassungen. Zudem verschieben sich die technologischen Anforderungen fundamental: Die Zukunftstechnologie für den öffentlichen Raum ist ganz klar das schnelle DC-Laden. Die Autofahrer wollen unterwegs keine Stunden blockieren, sondern schnell Reichweite nachladen. Das langsame AC-Laden hingegen wandert perspektivisch fast vollständig dorthin, wo Fahrzeuge ohnehin lange stehen – nämlich in den privaten und halböffentlichen Raum, sprich in die heimische Garage oder auf den Mitarbeiterparkplatz. Ein weiterer breiter Zubau von klassischen AC-Säulen im öffentlichen Straßenraum wäre daher wirtschaftlich und strategisch der falsche Weg.

DEKOM: Auf dem BDEW-Kongress haben Sie Ladebordsteine als innovative Lösung kennengelernt – was hat Sie daran überzeugt?

Michael Roelofs: Der Ansatz ist zweifellos ein interessanter Impuls für das Platzproblem auf städtischen Gehwegen. Die Idee, die Technik flächenschonend in die Bordsteinkante zu integrieren, hat rein konzeptionell ihren Charme, um Barrieren im öffentlichen Raum zu reduzieren. In der Praxis sehe ich Ladebordsteine für uns jedoch als eine Nischenlösung, da es sich hierbei um eine AC-Lade-Technologie handelt. Wie bereits erwähnt, gehört das langsame AC-Laden aus unserer Sicht perspektivisch primär in den privaten und halböffentlichen Bereich – also in die heimische Garage oder auf den Mitarbeiterparkplatz. Im öffentlichen Raum fordern die Kunden schnelles Laden, weshalb wir dort konsequent auf DC setzen. Der Ladebordstein bleibt damit ein interessanter Baustein, aber er ist kein Massenprodukt für unsere breite Infrastrukturstrategie. (DEKOM,17.08.2026) Mehr Infos hier…

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