Open-Source-Plattform Consul:  Digitale Bürgerbeteiligung auch für kleine Verwaltungen

In vielen Rathäusern hält sich die Überzeugung, Bürgermeister und Ratsmitglieder seien für die Einwohnerschaft ohnehin direkt ansprechbar, was digitale Beteiligungswerkzeuge überflüssig mache. Tobias Weinmann, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Dienstleisters demokratie.today,  hält diese Einschätzung für einen Trugschluss. Der persönliche Kontakt erreiche regelmäßig nur einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung, so Weinmann auf DEKOM Anfrage. Jugendliche, Berufstätige und Menschen mit eingeschränkter Mobilität blieben außen vor, weil Formate wie die klassische Bürgerversammlung am Abend sie nicht erreichten.

demokratie.today betreibt in Deutschland rund 36 Instanzen der Open-Source-Plattform Consul, die ursprünglich für die Stadt Madrid entwickelt wurde und inzwischen weltweit in mehr als 180 Städten läuft. Für den deutschen Markt hat das Unternehmen einen eigenständigen Code Fork erstellt, der die Plattform an die strengere Auslegung der DSGVO anpasst. Standard-Einstellungen für Benachrichtigungen wurden auf Opt-in umgestellt, und sämtliche Funktionen seien so konfiguriert, dass Datenschutzbehörden keinen Angriffspunkt fänden, erläutert Weinmann.

Eine zentrale Hürde gerade für kleinere Verwaltungen ist der IT-Aufwand. Die meisten Häuser könnten einen eigenen Serverbetrieb nicht leisten, und auch die Einbindung kommunaler Rechenzentren bringe in der Praxis technische Reibungsverluste mit sich, etwa bei Proxy-Einstellungen, erläutert Weinmann. In den meisten Fällen sei das Hosting durch demokratie.today selbst die pragmatischere Lösung. Für Verwaltungen, die ihre IT-Last vollständig abgeben wollten, übernehme das Unternehmen auch Domain- und Mailserver-Verwaltung. Die Landeshauptstadt München etwa habe den Eigenbetrieb nach zwei Jahren aufgegeben und sei auf dieses Modell umgestiegen.

Dass digitale Bürgerbeteiligung auch in der Fläche funktioniert, zeigt das Landkreis-Modell. Der Landkreis Tirschenreuth etwa betreibt eine zentrale Instanz mit eigenen Landingpages für 26 kreisangehörige Gemeinden. Der Verwaltungsaufwand für die einzelne Gemeinde sinke so auf ein Minimum, beschreibt Weinmann. Ähnlich verfahre Bad Homburg, das die Nachbargemeinden Friedrichsdorf und Wehrheim in seine Plattform integriert habe. In Friedrichsdorf hätten die Einwohner in hoher Zahl über neue Bibliotheksöffnungszeiten abgestimmt. Bei der Identitätsprüfung setzt die Consul-Version auf den Melderegisterabgleich, den Bamberg als erste Stadt eingeführt hat, sowie auf die BundID.

Die Erfahrung widerspreche dem gängigen Vorbehalt, eine hohe Verifizierungshürde schrecke ab, sagt Weinmann. Die Beteiligung steige sogar, weil das Vertrauen in die Seriosität des Verfahrens wachse. Auch eine KI-Integration ist inzwischen Bestandteil der Plattform. Sie sei anbieterflexibel angelegt und unterstütze OpenAI, Claude und Mistral gleichermaßen, so Weinmann. Verwaltungen könnten eigene Sprachmodelle nutzen, die vertragliche Absicherung über Data Processing Agreements stelle sicher, dass keine Nutzerdaten für Trainingszwecke abflössen.

Als nächste Entwicklungsstufe nennt Weinmann zwei Kanäle, die Beteiligungshürden weiter senken sollen. Physische Beteiligungsboxen an öffentlichen Orten würden mit der digitalen Plattform verknüpft. Parallel arbeite das Unternehmen an einer WhatsApp-Anbindung, über die Einwohner per Sprach- oder Textnachricht teilnehmen könnten. Die KI übersetze die Eingaben dann in abstimmungsfähige Vorschläge. Bei einer WhatsApp-Nutzungsquote von 89 Prozent in Deutschland sei dies der direkteste Weg, Menschen dort abzuholen, wo sie ohnehin kommunizierten. Die Initiative zur Einführung einer Beteiligungsplattform geht nach Weinmanns Erfahrung in etwa einem Drittel der Fälle von der Politik aus, häufig nach gescheiterten Bürgerprojekten oder Bürgerbegehren, deren Kosten die Investition in eine digitale Lösung überstiegen hätten. (DEKOM, 22.09.2026) Mehr über demokratie.today hier…

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