Das Glasfaser-Wunder von Norderney: Eine Insel zeigt dem Festland die Rücklichter
Der Glasfaserausbau in Deutschland im Februar 2026: Verfügbarkeit auf dem Papier, Stillstand in der Praxis. Aktivierungslücken, strategischer Überbau, Genehmigungsstaus und ein BGH-Urteil, das die Vertragspraktiken der Branche korrigieren musste – das ist die bundesweite Realität. Norderney hat eine andere Geschichte geschrieben. Fast zwei Jahre ist es her, dass die Insel den Vollausbau vermelden konnte. Heute surfen 70 Prozent der Haushalte über das stadteigene Netz. Die Stadtwerke sind damit Marktführer auf der Insel. Stadtwerke-Chef Holger Schönemann ist Elektroingenieur, hat jahrelang Telekommunikationsprojekte bei verschiedenen Telekommunikationsunternehmen geleitet und weiß, was ein Glasfaserprojekt wirklich braucht. Als er 2017 antrat, dauerte es rund zwei Jahre, den Aufsichtsrat zu überzeugen. Dann ging es schnell. Schönemann wusste von Anfang an, welche Rollen, Systeme und Partner ein solches Projekt braucht – ein Wissen, das vielen kommunalen Trägern fehlt. Sein Vorteil war zudem struktureller Natur: Als Chef der Stadtwerke, der Wohnungsgesellschaft und des Flughafens konnte er Entscheidungen treffen, die anderswo über mehrere Tische wandern. Als das Nebenkostenprivileg beim Kabelfernsehen fiel, baute er innerhalb von drei Monaten ein eigenes lineares TV-Angebot über das Glasfasernetz auf – und öffnete damit auch die Türen zu Ferienimmobilien, deren Eigentümer bis dahin kein Interesse an einem Internetanschluss hatten. In der Anfangsphase, die ersten Bagger rollten bereits, stand eine systematische Bestandsaufnahme. Rainer Staar von fiberprojects.de beging mehr als 100 Gebäude auf der Insel, um hausgenau zu klären, wo Glasfaser technisch realisierbar war und wo zunächst Lösungen erarbeitet werden mussten. Was als Vier-Wochen-Auftrag begann, wurde eine Zusammenarbeit von rund zwei Jahren. Staar begleitete die Qualitätssicherung im laufenden Bau, half bei der technischen Einarbeitung externer Mitarbeiter, erwirkte Genehmigungen bei Stadt-/ Kreis- und Landesbehörden – und war das sachliche Korrektiv, als der erste Generalunternehmer ausgetauscht werden musste. Was rät Schönemann Bürgermeistern, die das nachmachen wollen? Mut brauche man, sagt er, aber vor allem den richtigen Partner im Tiefbau. Das sei der teuerste und fehleranfälligste Teil – und der, bei dem Steuergelder am schnellsten verbrennen. Referenzen prüfen. Auf deutschsprachige Bauleitung bestehen, gerade wenn osteuropäische Unternehmen eingesetzt werden. Und: Fachleute früh ins Boot holen, nicht erst wenn etwas schiefläuft. Wer kein stringentes Projektmanagement aufsetze – mit geeigneten Systemen, nicht nur Excel – werde es schwer haben. Die Netto-Bauzeit auf Norderney betrug 500 Tage. Trotz Corona-Abriegelung, Generalunternehmerwechsel und saisonalem Bauzeitfenster zwischen Oktober und Mai. Das Lehrgeld hat Norderney bezahlt. Andere Kommunen müssen das nicht noch einmal tun. Drei Dinge haben auf Norderney funktioniert: ein Stadtwerke-Chef, der das Projekt zur Chefsache gemacht hat und dabeigeblieben ist. Die Bereitschaft, Lehrgeld zu zahlen – und daraus zu lernen. Und das richtige Händchen bei der Wahl der richtigen Fachleute. Klingt einfach. Ist es nicht. (DEKOM, 23.02.2026) Mehr Infos hier…
