Nur rund 13 Prozent der in Deutschland eingesetzten Rohstoffe sind Sekundärrohstoffe – wiederaufbereitetes Material aus zweiter Hand. Die übrigen 87 Prozent stammen aus dem Primärabbau, weit überwiegend aus dem Ausland. Genau an dieser Lücke setzt die SYNQONY-Gruppe an: Das Unternehmen entwickelt Software für die gesamte Wertschöpfungskette der Kreislaufwirtschaft – von der Sperrmüllbestellung des Bürgers über Beförderer, Sammler und Entsorger bis zur digitalen Nachweisführung im Umweltamt. Rund 9.000 Kunden nutzen sie. Firmenchef Robert Schmitz beobachtet das Feld seit über 20 Jahren. Anfang Juni hat der Bund ein Aktionsprogramm für die Kreislaufwirtschaft aufgelegt und Fördermittel bis 2030 eingeplant. Im Gespräch mit dem DEKOM erklärt Schmitz, warum der entscheidende Schritt aus seiner Sicht trotzdem nicht in Berlin fällt, sondern in einer Vorlage, die jeder Rat selbst beschließen kann.
Herr Schmitz, die SYNQONY-Gruppe besteht heute aus mehreren Unternehmen. Womit hat das angefangen?
Schmitz: Der Nucleus war die Firma 2R Software, die ich über 20 Jahre aufgebaut habe. Wir haben ERP-Software für gewerbliche Entsorger gemacht, also Auftragsabwicklung, Wiegen, Abrechnen, Containerverwaltung, den gesamten Prozess. Vor vielen Jahren habe ich dann angefangen, auch für das Abfallmanagement der Abfallerzeuger eine Lösung zu entwickeln, weil da einfach großer Bedarf ist. Genau da habe ich mich entschieden. Ich hatte immer eine sehr große Vision von digitaler Kreislaufwirtschaft, und mir wurde noch einmal richtig bewusst, dass ich die gerne realisieren würde. Deshalb habe ich mir einen Investor gesucht. Nicht, um das Unternehmen abzugeben, sondern um einen Hintergrund zu haben, mit dem wir viel größer denken können.
Seither haben Sie mehrere Unternehmen zugekauft. Ist das Wachstum Selbstzweck?
Schmitz: Die Grundidee dieses Unternehmenskaufens ist nicht, einfach Unternehmen zu kaufen, sondern die Verwirklichung dieser Idee einer digitalen Kreislaufwirtschaft. Wir haben aktuell rund 9.000 Kunden und vier Bereiche, die Abfallerzeuger, die Entsorger, die Regulatorik und die Behördenseite mit Umweltämtern und Abfallwirtschaftsbetrieben. Wir decken vom Bürger mit Tonnenleerung und seiner Sperrmüllbestellung bis zum Umweltamt alles ab, was mit Kreislaufwirtschaft zu tun hat. Seit drei Jahren entwickeln wir gemeinsam eine neue Plattform, und das wird die eigentliche Verwirklichung der Vision der digitalen Kreislaufwirtschaft. Da hilft uns künstliche Intelligenz gerade massiv weiter. Jeder Zukauf hat genau das Stück ergänzt, das für dieses Gesamtbild noch gefehlt hat.
Kreislaufwirtschaft gilt vielerorts als Zuständigkeit des Abfallwirtschaftsbetriebs. Sie sagen, sie gehört ins Büro der Verwaltungsspitze.
Schmitz: Weil dort die Satzung beschlossen wird. Jede Stadt und jeder Kreis hat eine eigene, historisch gewachsene. Das führt dazu, dass Digitalisierungsprojekte ausgeschrieben werden, die die individuelle Gebührensatzung referenzieren. Der Software-Anbieter muss sich darauf einstellen. Jedes Projekt für die kommunale Abfallwirtschaft wird damit ein recht individuelles Projekt.
Mit welchen Folgen?
Schmitz: Erstens können die Software-Anbieter nur wenige solcher Projekte im Jahr erfolgreich umsetzen. Zweitens ist das eine wirkliche Verschwendung von Steuergeld, einmal bei der Investition und dann im laufenden Betrieb. Denn es gibt kaum Austausch in Sachen Best Practice. In dem einen Kreis wird der Restabfall verwogen. Im nächsten wird mit der Papierentsorgung Geld verdient und das an die Bürgerinnen und Bürger rückvergütet. Das gibt es dann nur dort. Dafür gibt es viele Begründungen, die Satzung, die Politik, das ist auch alles nachvollziehbar. Am Ende landen diese Themen trotzdem nirgendwo anders.
Warum korrigiert sich das nicht über die Ausschreibung selbst?
Schmitz: Weil in den Ausschreibungen steht, das hier ist unsere Satzung, das musst du entsprechend abbilden. Es macht keiner seine Gebührenabrechnung analog. Aber ausgeschrieben wird so, wie es die Satzung vorgibt. Also gibt es auch keine Verbesserung und Innovation im eigentlichen Kern. Das verhindert teils die Digitalisierung und treibt die Kosten. Das ist meiner Meinung nach sehr innovantionsfeindlich und verhindert das Potenzial, das die Kreislaufwirtschaft hätte.
Welches Potenzial meinen Sie konkret?
Schmitz: Deutschland wird immer als Trennweltmeister bezeichnet. Als Weltmeister vielleicht schon, aber beim Heben der Potenziale ist aus meiner Sicht noch sehr viel Luft nach oben. Dass die braune Tonne ein absolut wertvolles Gut ist, für Biogas oder für Kompost, wird überhaupt nicht aktiv von den Behörden vorangetrieben. Dass sich mit Papier Geld verdienen lässt, auch nicht, und umgesetzt wird es erst recht nicht. Viele Bürger trennen nicht, aus Unkenntnis oder weil es ihnen zu aufwendig erscheint, und werfen alles in die graue Tonne. Genau da entstehen die Potenziale, für die Stadt bei den Kosten und für den Bürger bei den Gebühren.
Der Bund treibt das Thema inzwischen mit Programm und Geld. Reicht das nicht?
Schmitz: Nein, und das ist meine Kritik daran. Auf Bundesebene wird die Kreislaufwirtschaft vorangetrieben, aber die einzelne Stadt treibt sie nicht voran. Das Abfallaufkommen aus den privaten Haushalten ist riesig. Und da gibt es keine ausreichende und innovative Kreislaufwirtschaft außer der, die zwangsweise verordnet wurde. Das darf doch eigentlich nicht sein.
Was raten Sie einem Bürgermeister, der das ändern will und Satzungen und eingefahrene Prozesse vorfindet?
Schmitz: Der erste Schritt ist die Frage, wie sich aus der Kreislaufwirtschaft wirklich Nutzen ziehen lässt. Es gibt sehr moderne und innovative Landkreise in Deutschland, unser Nachbarkreis Ahrweiler zum Beispiel, die haben da extrem viel umgesetzt. Und was die hatten, ist die Antwort auf Ihre Frage. Die hatten den Mut und die Möglichkeit, die Satzung zu ändern. Das ist der Schlüssel. Solange es heißt, ich kann das nur so machen, wie es schon immer ist, weil die Satzung das vorgibt, kann sich gar nichts ändern. Dann muss so ausgeschrieben werden, wie die Satzung es vorgibt, und so abgerechnet werden, wie die Satzung es vorgibt.
Woran erkennt man eine Satzung, die den Weg freimacht?
Schmitz: Dass die Menge der Restabfälle gewogen oder nach Volumen abgerechnet wird. Dass es wirklich gezielte Kampagnen gibt, die eigene braune Tonne zu nutzen. Und dass es gute Verträge gibt, um die Papiererlöse effizient zu nutzen. Das hängt unmittelbar mit der Trennung zusammen. Solange die Bürgerinnen und Bürger nicht besser trennen und nicht verstehen, warum, passiert nichts. Wenn auf dem Gebührenbescheid steht, hier hast du zehn Euro zurückbekommen, fangen die plötzlich an, das zu verstehen. Und dann kommen wir zur Kreislaufwirtschaft.
Sie verkaufen Software. Ist das nicht auch Eigeninteresse?
Schmitz: Man kann sich natürlich vorstellen, dass ich aus dieser Welt komme und ein Verfechter von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit bin. Aber ich sehe das nicht nur aus meiner eigenen Branchenperspektive, und ich sage das nicht aus kommerziellen Interessen. Ich finde, da läuft wirklich einiges falsch. Das ist eine Verschwendung von Steuergeldern und eine Verschwendung von Kreislaufwirtschaftspotenzial. Was ich mir wünschen würde, wäre ein einheitlicheres, relativ generisches und vereinfachtes Gebührenmodell, das in der Umsetzung als Softwarelösung einen Bruchteil dessen kostet, was heute für solche Projekte nötig ist. Wir machen bewusst keine Ausschreibungsprojekte und wollen auch keine Individualsoftware. Das setzt aber voraus, dass es überhaupt eine Standardisierung gibt.
Ihr Blick fünf Jahre nach vorn?
Schmitz: Dass sich immer mehr Städte und Kreise satzungsmäßig öffnen und den Mut haben, diese Tür für die Kreislaufwirtschaft aufzumachen, mit Bürgerkommunikation und mit den technischen Möglichkeiten. Das heißt: die Potenziale konsequent zu Ende denken, sie in der Satzung verankern und zu einer viel einfacheren Gebührenabrechnung kommen, die den Bürger dafür belohnt, dass er mitmacht. Dann sparen am Ende alle spürbar Geld. Wenn es darüber einen Konsens gäbe, mit deutlich weniger Varianten als heute, ließe sich das Ganze wirklich konsequent digitalisieren. Dann wäre auch das Softwareprojekt einfach, statt zwei Jahre zu dauern. Und dann haben wir an allen Enden richtig etwas gewonnen. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…