DIW-Ökonomen fordern radikale Wende in der Wohnungspolitik

Die anhaltende Krise auf dem deutschen Wohnungsmarkt erfordert nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) einen grundlegenden Kurswechsel, der über die reine Ausweitung des Neubaus hinausgeht. Wie DIW-Präsident Marcel Fratzscher in einer aktuellen Analyse darlegt, ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Ballungszentren auch das Resultat einer ineffizienten Verteilung des Bestands. Während die durchschnittliche Wohnfläche pro Person seit den 1950er-Jahren auf rund 49 Quadratmeter gestiegen ist, behindern starre Mietstrukturen die Mobilität. Vor allem ältere Mieter verbleiben aufgrund alter Verträge in zu großen Wohnungen, da ein Umzug in kleinere Einheiten aufgrund der hohen Neuvermietungspreise oft mit finanziellen Nachteilen verbunden wäre. Gegenwärtig diskutierte Vorschläge, den Mieterschutz bei Bestandsverträgen zu lockern, um eine Angleichung der Mieten zu erreichen, lehnt das DIW jedoch ab. Eine solche Maßnahme würde in Regionen mit Wohnungsknappheit lediglich die Bestandsmieten erhöhen, ohne die Preise bei Neuvermietungen zu senken. Stattdessen schlägt Fratzscher eine Absenkung des Mietspiegels auf das Niveau eines historischen Stichtages vor, etwa den 1. Januar 2014. Ausgehend von diesem Basiswert sollten Mieten künftig nur noch analog zum nominalen Wirtschaftswachstum steigen dürfen. Eine solche Deckelung würde die spekulative Attraktivität von Immobilien reduzieren und Eigentümer lediglich am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlstandsgewinn beteiligen, statt überproportionale Renditen zu ermöglichen. Ergänzend zu dieser Mietpreiskorrektur wird eine stärkere Besteuerung von Wertsteigerungen bei Immobilien sowie eine Erhöhung der Grundsteuer gefordert, die für einen Übergangszeitraum von zehn Jahren nicht auf die Mieter umgelegt werden darf. Diese Kombination aus regulatorischen Eingriffen und steuerlichen Instrumenten zielt darauf ab, den Marktwert von Mietimmobilien zu senken und Anreize für Verkäufe zu setzen. Dies soll insbesondere jungen Familien den Erwerb von Wohneigentum wieder ermöglichen, der derzeit ohne Erbschaften in Ballungsräumen kaum realisierbar ist. Das DIW bringt hierfür zudem ein Mietkaufmodell ins Gespräch, das den Eigentumserwerb auch ohne vorhandenes Eigenkapital unterstützen soll. Trotz der notwendigen Eingriffe in das Mietrecht bleibt die Ausweitung des Angebots eine zentrale Säule der Wohnungspolitik. Die geringe Angebotselastizität im Wohnungsbau wird auf übermäßige Regulierung, zu hohe Baustandards und langsame Genehmigungsverfahren zurückgeführt. Um eine wirksame Entlastung des Marktes zu erreichen, müssen diese administrativen Hürden abgebaut und der soziale Wohnungsbau massiv gestärkt werden. Nur durch ein Zusammenspiel aus fairem Mietrecht, beschleunigtem Neubau und innovativen Eigentumsmodellen lässt sich die soziale Schieflage auf dem Wohnungsmarkt langfristig korrigieren. (DEKOM/DIW, 23.03.2026) Ganze PM hier…

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