Die bayerische Staatsregierung forciert aktuell den Ausbau der Flussthermie. Das Wirtschaftsministerium motiviert Kommunen und Unternehmen mit einer groß angelegten Informationskampagne. Berechnungen zeigen landesweit ein enormes Potenzial. Entlang von 104 bayerischen Flüssen können 667 Kommunen diese Technik nutzen. Die ermittelte Leistung liegt zwischen 10 und 27 Terawattstunden. Rein rechnerisch deckt das bis zu 16 Prozent des Gebäude-Wärmebedarfs im Freistaat ab. Die Stadtwerke Rosenheim betreiben bereits seit 2021 drei Großwärmepumpen – mit einer thermischen Gesamtleistung von 4,5 Megawatt. Sie entziehen dem lokalen Flusswasser kontinuierlich Wärme für das städtische Fernwärmenetz. Für dieses Leuchtturmprojekt wurden die Stadtwerke im Dezember 2025 offiziell ausgezeichnet. Die Minister Hubert Aiwanger und Thorsten Glauber ernannten den Versorger zum Gestalter im Team Energiewende Bayern. Wir haben mit dem Geschäftsführer der Stadtwerke Rosenheim, Heiko Peckmann, gesprochen. Im Interview erklärt er den Weg von der ersten Idee bis zum laufenden Kraftwerksbetrieb. Er benennt klare wirtschaftliche Voraussetzungen und schildert die strategischen Anforderungen an kommunale Versorger bei der lokalen Wärmewende.
DEKOM: Die Stadtwerke Rosenheim gelten als Pionier der Gewässerthermie und haben im Dezember eine Auszeichnung als „Gestalter im Team Energiewende Bayern“ erhalten – wofür genau?
Heiko Peckmann: Im vergangenen Jahr wurden wir vom Bayerischen Wirtschaftsministerium für den Einsatz von Flussthermie für die Wärmeversorgung ausgezeichnet. Ausschlaggebend war, dass wir bereits 2021 bundesweit zu den ersten Versorgungsunternehmen gehörten, die Großwärmepumpen mit Flusswasser als Wärmequelle in Betrieb nahmen. Mit einer Gesamtleistung von 4,5 Megawatt, verteilt auf drei Anlagen mit jeweils 1,5 Megawatt, zählten sie damals zu den größten Anlagen dieser Art in Deutschland. Die weiterhin hohe Nachfrage nach Kraftwerksführungen und fachlichem Erfahrungsaustausch unterstreicht die Bedeutung des Projekts und war ein weiterer Grund für die Auszeichnung.
DEKOM: Was braucht eine Kommune mindestens, damit ein solches Projekt überhaupt wirtschaftlich darstellbar ist – ein Gewässer und ein Fernwärmenetz?
Heiko Peckmann: Grundsätzlich soll mit einer solchen Anlage die Fern- oder Nahwärmeversorgung bedient werden. Voraussetzung ist daher, dass die Kommune bereits im Bereich der Wärmeversorgung tätig ist oder den Aufbau eines entsprechenden Geschäftsfelds plant. Dies ist unerlässlich, da die erzeugte Wärme auch abgenommen werden muss. Darüber hinaus ist ein geeignetes Gewässer erforderlich. Ebenso wichtig sind Mut und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit innerhalb des kommunalen Verbunds – insbesondere zwischen den Stadtwerken, der Verwaltung und den Fachplanern. Zudem sollte innerhalb des Unternehmens eigenes Fachwissen aufgebaut werden, um die Arbeit externer Fachplaner fundiert begleiten und beurteilen zu können.
DEKOM: Zu den entscheidenden Planungsaspekten gehören Standortfragen und die Genehmigung. Wie aufwendig war der wasserrechtliche Genehmigungsprozess – und was würden Sie anderen Kommunen raten, die mit Wasserbehörden verhandeln müssen?
Heiko Peckmann: In unserem Fall war das Verfahren vergleichsweise unkompliziert, da bereits eine wasserrechtliche Genehmigung vorlag und der Bach schon zuvor in unser Kraftwerk eingebunden war. Daher war im Wesentlichen eine Änderung der bestehenden Genehmigung erforderlich. Zudem kannten die zuständigen Ansprechpartner das Vorhaben und die örtlichen Gegebenheiten bereits aus der Vergangenheit. Bei neuen Projekten hängt der Aufwand hingegen stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Deshalb sollten Gespräche mit den Fachbehörden frühzeitig geführt werden, um die grundsätzliche Genehmigungsfähigkeit und den voraussichtlichen Zeitrahmen einschätzen zu können. So lässt sich vermeiden, dass gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern ein Wärmeversorgungsnetz innerhalb von zwei oder drei Jahren angekündigt wird, obwohl dieser Zeitplan aufgrund des Genehmigungsverfahrens nicht eingehalten werden kann.
DEKOM: Die Großwärmepumpen übernehmen etwa 14 Prozent der Fernwärmelast. War dieser Anteil von Beginn an das Ziel, oder hat sich das im Betrieb anders entwickelt als geplant?
Heiko Peckmann: Der mögliche Anteil ist stets projektspezifisch zu betrachten. Bei der Planung einer Wärmepumpe lässt sich thermodynamisch berechnen, welche Leistung und jährliche Wärmemenge aus dem jeweiligen Fluss gewonnen werden können. Wenn die Investitionsentscheidung getroffen und das Genehmigungsverfahren eingeleitet wird, ist es in der Regel nicht sinnvoll, die Anlage kleiner zu dimensionieren, als es das Potenzial des Gewässers zulässt. Ein möglichst hoher Anteil ist grundsätzlich vorteilhaft, da die erzeugte Wärme erneuerbar und nachhaltig ist und zugleich vergleichsweise niedrige Betriebskosten aufweist. Bei uns liegt der Anteil derzeit bei knapp unter 20 Prozent. Die genaue Quote hängt jedoch von den Witterungsbedingungen des jeweiligen Jahres und dem daraus resultierenden Wärmeabsatz ab.
DEKOM: Bayernweit prüfen bereits mehrere Städte ähnliche Projekte. Welche Gewässercharakteristika sind Ihrer Erfahrung nach die eigentliche Mindestvoraussetzung?
Heiko Peckmann: Die Wassertemperatur eines Flusses unterliegt im Jahresverlauf natürlichen Schwankungen. Auf Grundlage der spezifischen Temperatur- und Abflussverhältnisse lässt sich thermodynamisch berechnen, welche Leistung und jährliche Wärmemenge aus dem jeweiligen Gewässer gewonnen werden können. Diese Rahmenbedingungen bestimmen zugleich das technisch nutzbare Potenzial und setzen der Wärmegewinnung eine natürliche Grenze.
DEKOM: Sie prüfen bereits die Nutzung von Abwasserwärme. Ist das der logische nächste Schritt für Kommunen, die kein geeignetes Fließgewässer haben – eine Art Plan B?
Heiko Peckmann: Während die Temperatur eines Flusses im Jahresverlauf schwankt, weist Abwasser in der Regel ganzjährig eine vergleichsweise konstante Temperatur auf. Da bei der Fernwärmeerzeugung Wärme auf einem niedrigen Temperaturniveau auf ein nutzbares höheres Temperaturniveau angehoben wird, ist Abwasser insbesondere unter Effizienzgesichtspunkten eine interessante Wärmequelle. Sofern ein geeigneter Zugang zu Abwasser besteht, sollte dessen Nutzungspotenzial daher in jedem Fall geprüft werden.
DEKOM: Was würden Sie einem Stadtwerke-Geschäftsführer mitgeben, der Ihren Vortrag auf einer Fachtagung gehört hat und jetzt fragt: „Wo fange ich an?“
Heiko Peckmann: Unternehmen, die ein solches Geschäftsfeld aufbauen möchten, sollten zunächst eine verantwortliche Person benennen oder einstellen, die internes Fachwissen entwickelt und die Zusammenarbeit mit Ingenieurbüros fachlich steuern kann. Die grundlegende Entscheidung besteht darin, die erforderlichen personellen Ressourcen bereitzustellen, eigenes Know-how aufzubauen und geeignete Fachplaner auszuwählen. Darüber hinaus empfehle ich, frühzeitig den Erfahrungsaustausch mit anderen Projektträgern zu suchen, um von deren Erkenntnissen zu profitieren und bereits bekannte Fehler zu vermeiden. Da Wärmepumpen industrielle Sonderanfertigungen sind, handelt es sich jeweils um ein projektspezifisches Vorhaben. Ebenso sollten frühzeitig Gespräche mit den zuständigen Fachbehörden geführt und insbesondere die technischen sowie wasserrechtlichen Genehmigungsanforderungen geklärt werden. (DEKOM, 22.09.2026)
Vielen Dank!
Über die Stadtwerke Rosenheim:
Die Stadtwerke Rosenheim sind das kommunale Versorgungsunternehmen der Stadt Rosenheim. Rund 550 Mitarbeiter versorgen Privat- und Geschäftskunden in Rosenheim mit Strom, Gas, Wärme und Wasser. Ebenso betreiben die Stadtwerke die Rosenheimer Bäder und kümmern sich um die Abfallentsorgung. Über die Telekommunikations-Tochter komro GmbH erhalten die Rosenheimer zudem moderne Lösungen für Gigabit- Internet, Festnetz-Telefonie und Kabelfernsehen. Für weitere Informationen: www.swro.de