Hochlauf der Ladeinfrastruktur zwischen regulatorischem Druck und strategischer Neuausrichtung
Der Ausbau der Ladeinfrastruktur hat hierzulande zum Jahresbeginn 2026 eine neue Dynamik erreicht, die den Fokus weg von der reinen Anzahl der Ladepunkte hin zur tatsächlich verfügbaren Ladeleistung verschiebt. Mit rund 194.000 öffentlich zugänglichen Ladepunkten verzeichnete die Bundesnetzagentur zum Stichtag 1. Januar einen Zuwachs von etwa 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Entscheidend ist jedoch der massive Rollout von HPC-Anlagen (High Power Charging), durch den die kumulierte Ladeleistung auf über 8 Gigawatt kletterte. Während die quantitative Abdeckung die europäischen Mindestvorgaben bereits übertrifft, rücken die Qualität der Standorte und die Zuverlässigkeit der Systeme zunehmend in das Zentrum der regulatorischen Strategie. Vor diesem Hintergrund steht insbesondere der kommunale Sektor vor einer Zäsur. Die gesetzlichen Anforderungen an die Entflechtung von Netz und Betrieb sowie der steigende Kostendruck bei historisch gewachsenen Kleinststrukturen zwingen Stadtwerke dazu, ihre Rolle als „Charge Point Operator“ (CPO) grundlegend zu hinterfragen. Über die veränderten Anforderungen an kommunale Partner und die notwendigen Weichenstellungen für ein flächendeckend stabiles Ladenetz sprach DEKOM mit Stefan Kutz, der bei Wirelane den Stadtwerkebereich verantwortet.
DEKOM: Herr Kutz, das Energiewirtschaftsgesetz fordert in § 7c eine klare Trennung zwischen Netzbetrieb und dem Betrieb von Ladeinfrastruktur. Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die größten Fallstricke für Stadtwerke, die diesen Prozess bisher aufgeschoben haben, und welche Fristen sind jetzt kritisch?
Stefan Kutz: „Der größte Fallstrick für Stadtwerke ist die unterschätzte Komplexität der gesellschaftsrechtlichen Entflechtung. Viele Unternehmen haben den Prozess aufgeschoben, da Ausnahmeregelungen für kleinere Stadtwerke Sicherheit suggerierten. Doch die regulatorische Daumenschraube zieht an: Wer die Trennung von Netzbetrieb und Ladesäulenbetrieb (CPO) nicht rechtzeitig vollzieht, riskiert nicht nur empfindliche Bußgelder der Bundesnetzagentur.
Ein kritischer Punkt wird dabei oft übersehen: Eine überhastete Ausgliederung kann den steuerlichen Querverbund gefährden, wenn sie nicht präzise mit dem kommunalen Haushalt abgestimmt ist. Die absolute Deadline ist das Ende der Übergangszeit zum 31. Dezember 2026 – bis zu diesem Datum müssen die Strukturen stehen, um rechtssicher agieren zu können.
Über die rein rechtliche Pflicht hinaus ist jetzt jedoch auch der ideale Zeitpunkt, um das gesamte CPO-Betriebsmodell strategisch zu hinterfragen. Effizienz steht der Kleinteiligkeit des Geschäfts gegenüber. Stadtwerke sollten kritisch prüfen, ob es tatsächlich wirtschaftlich sinnvoll ist, nur vereinzelte Ladepunkte in der Region zu betreiben, anstatt sich konsequent auf ihre Kerngebote und Kompetenzen zu konzentrieren.
Die Zusammenarbeit mit professionellen, bundesweit agierenden Anbietern stellt hier oft die perfekte Lösung dar. Durch die Auslagerung der Infrastruktur wird ein professioneller Betrieb für die Zukunft sichergestellt. Letztlich profitieren die Bürgerinnen und Bürger von einer zuverlässigen, hochverfügbaren Ladeinfrastruktur.“
DEKOM: Wirelane bietet sowohl die vollständige Übernahme als auch die reine Betriebsführung an. Nach welchen Kriterien sollten kommunale Entscheider wählen, insbesondere wenn noch Zweckbindungsfristen aus öffentlichen Förderprogrammen bestehen?
Stefan Kutz: „Zunächst muss man feststellen: Viele Stadtwerke haben den Aufbau der Ladeinfrastruktur ursprünglich aus einer besonderen Motivation heraus betrieben. Oft wurden dabei entweder die Ertragserwartungen zu optimistisch angesetzt oder die enorme operative Kleinteiligkeit des Geschäfts schlicht unterschätzt. Diese strategische Erkenntnis steht der eigentlichen Wahl des Modells meist schon vorgelagert. In der konkreten Umsetzung sollte die Entscheidung dann primär am Status der Zweckbindungsfrist festgemacht werden. Bestehen noch laufende Förderverpflichtungen, ist der reine Betriebsführungsübertrag oft der sicherste Weg, da das Stadtwerk Eigentümer (Asset-Halter) bleibt und keine Rückzahlungen riskieren muss. Ist die Zweckbindung abgelaufen, empfehlen wir die vollständige Übernahme. Damit befreit sich das Stadtwerk komplett vom technischen und wirtschaftlichen Risiko sowie vom operativen Aufwand. Wir übernehmen die Infrastruktur in unsere Bilanz und garantieren den langfristigen Weiterbetrieb auf höchstem Niveau.“
DEKOM: Ein häufiger Kritikpunkt bei der Abgabe des Betriebs an externe Dritte ist der Verlust des lokalen Einflusses. Wie stellen Sie sicher, dass der Ladestrom weiterhin vom örtlichen Versorger bezogen wird und das Stadtwerk für die Bürger sichtbar bleibt?
Stefan Kutz: „Wir verstehen das Stadtwerk als den vertrauenswürdigen Akteur vor Ort. Daher setzen wir auf zwei Säulen: Erstens bieten wir ein partnerschaftlich abgestimmtes White-Labeling an, wenn es gewünscht wird. Die Ladesäule bleibt im gewohnten Corporate Design des Stadtwerks für den Bürger sichtbar. Lediglich ein dezentes ‚powered by‘-Labeling stellt sicher, dass die e-mobilen Nutzer in Supportfragen sofort die richtige Telefonnummer finden. Zweitens stellen wir über entsprechende Energielieferverträge sicher, dass der Ladestrom physisch vom örtlichen Versorger bezogen wird. So bleibt die regionale Wertschöpfung erhalten, und das Stadtwerk profitiert weiterhin vom Stromabsatz, ohne sich um die kleinteilige Abrechnung kümmern zu müssen.“
DEKOM: Der Betrieb von Ladesäulen gilt als kleinteilig und wartungsintensiv. Welche technischen Standards, etwa bei der Uptime oder dem 24/7-Support, müssen heute garantiert werden, um die Akzeptanz der Elektromobilität in der Fläche nicht zu gefährden?
Stefan Kutz: „Ja, absolut richtig, ins Schwarze getroffen. Der Betrieb ist in der Tat extrem kleinteilig und wartungsintensiv – das ist ein Punkt, den viele Stadtwerke zu Beginn unterschätzt haben. Heute, im Jahr 2026, verzeiht der Markt keine Ausfälle mehr. Wir garantieren daher Standards, die für einen lokalen Versorger im Eigenbetrieb kaum wirtschaftlich darstellbar sind.
Eine Uptime von mindestens 98 bis 99 % ist heute die ‚License to operate‘. Ein automatisierter Support, der Störungen in Echtzeit erkennt und per Remote-Zugriff behebt, ist essenziell. Und wer heute noch Hardware ohne Kreditkartenterminal betreibt, riskiert die Akzeptanz der Bürger. Wir sorgen dafür, dass die Technik nicht zum Hindernis für die Elektromobilität wird, sondern zum unsichtbaren, funktionierenden Rückgrat.“
DEKOM: Viele kommunale Netze sind historisch gewachsen und bestehen aus unterschiedlicher Hardware. Wie bewerten Sie Altanlagen im Hinblick auf eine Übernahme und ab welcher Portfoliogröße wird ein Outsourcing für einen Regionalversorger betriebswirtschaftlich zwingend?
Stefan Kutz: „Hier kommen wir zum Kern des Problems: Viele Netze sind historisch gewachsen, was zu einem heterogenen Hardware-Mix führt. Das macht die Wartung teuer und kompliziert. Wir bewerten die Altanlagen ganz individuell nach ihrer Eichrechtskonformität und zukunftsfähigen Bezahlmöglichkeiten.
Oft ist es wirtschaftlich sinnvoller, den CPO-Betrieb grundlegend zu hinterfragen, statt an unwirtschaftlichen Kleinststrukturen festzuhalten. Wir sehen die betriebswirtschaftlich zwingende Schwelle für ein Outsourcing bei ca. 50-60 Ladepunkten, natürlich komplett abhängig von der Performance des Ladesäulen-Portfolios. Darunter fressen die Fixkosten für Fachpersonal und IT-Security die Margen komplett auf. Ein professioneller Partner löst dieses Problem, indem er die Infrastruktur auslagert und so den professionellen Betrieb zum Wohle der Bürger sicherstellt.“
DEKOM: Wirelane fokussiert sich stark auf das Laden am Zielort. Welche Rolle spielen Städte und Gemeinden in den nächsten drei Jahren bei der Standortentwicklung, und wie können sie ohne eigenes finanzielles Risiko den Ausbau beschleunigen?
Stefan Kutz: „Städte und Gemeinden spielen in den nächsten Jahren die Rolle des Enablers. Der Fokus verschiebt sich massiv zum Laden am Zielort – also genau dort, wo Menschen parken, arbeiten und einkaufen. Kommunen können den Ausbau dabei massiv beschleunigen, ohne selbst ins finanzielle Risiko zu gehen. Zum Beispiel durch Konzessionsmodelle. Dabei stellt die Gemeinde lediglich die Flächen bereit. Ein professioneller Anbieter wie Wirelane übernimmt das gesamte Investitions- und Betriebsrisiko.
Und um dem Bürokratieabbau auch ein wenig durch Expertise zu helfen, unterstützen wir Städte aktiv mit unserer ‚how to Sondernutzung‘-Guideline. Das ist eine Punkt-für-Punkt-Anleitung, die wir Kommunen zur Verfügung stellen, um administrative Hürden effizient zu meistern. Dazu bieten wir noch eine fundierte Beratung für die Standortsuche an, um sicherzustellen, dass die Infrastruktur dort entsteht, wo sie auch wirklich gebraucht wird. Somit können sich kommunale Entscheider ganz auf die strategische Stadtentwicklung konzentrieren und bieten die perfekte Lösung, um Klimaziele vor Ort perfekt umzusetzen.“ (DEKOM, 23.02.2026) Mehr Infos hier…
Vielen Dank!
Über Wirelane
Angetrieben von der Mission „We empower people to move towards a clean future” gestaltet Wirelane seit 2016 nachhaltige Mobilität und entwickelt innovative Komplettlösungen für die Errichtung, den Betrieb und die Vermarktung von Ladeinfrastruktur. Als zukunftsorientierter Full Service Provider im Bereich Ladeinfrastruktur steht das Unternehmen mit Sitz in München für eine neue Generation intelligenter Ladelösungen und treibt damit die Elektrisierung der Mobilität aktiv voran. Durch das perfekte Zusammenspiel von modernsten, eichrechtskonformen Ladesäulen, innovativer Betriebssoftware sowie vollumfänglichen Installations- und Betriebsdienstleistungen bietet die Wirelane GmbH ihren Kund:innen ein zukunftssicheres Gesamtpaket für öffentliches und halb-öffentliches, transaktionsbasiertes Laden. Auch Kommunen setzen beim Aufbau von öffentlicher Ladeinfrastruktur auf Wirelane. Mit Wirelane werden Ladesysteme für wachsende Elektromobilität in Kommunen entwickelt, installiert und betrieben. Gemeinsam mit tausenden Bürger: innen in Deutschland, beantragt, installiert und betreibt das Team Standorte für Ladesäulen dort, wo sie benötigt werden. Mehr Informationen: www.wirelane.com
