Kommunale Rückbauwelle bei Photovoltaikanlagen

Wie gut ein Stoffstrom erfasst wird, entscheidet sich an der Rampe. Was danach mit ihm geschieht, entscheidet sich in den Werkshallen der Verwerter, und dort trennt sich, ob aus Altmaterial wieder Rohstoff wird oder nur Schrott. Bei einem Stoffstrom stellt sich diese Frage ab sofort in wachsendem Umfang. Zum 31. Dezember dieses Jahres fällt erstmals ein größerer Bestand an Photovoltaikanlagen aus der EEG-Vergütung, und das Öko-Institut rechnet bis 2030 mit einem jährlichen Rücklauf von rund 400.000 Tonnen Altmodulen in Deutschland. Ein erheblicher Teil davon liegt auf Schuldächern und öffentlichen Freiflächen. Die SOLAR MATERIALS GmbH aus Magdeburg betreibt die erste industrielle Recyclinglinie Deutschlands, die ausgediente Module stofflich zerlegt statt sie zu schreddern. Das 2021 von Fridolin Franke, Jan Bargel und Dr. Jan-Philipp Mai gegründete Unternehmen ist seit 2023 als Abfallbehandlungsbetrieb für Solarmodule zertifiziert und beschäftigt rund 60 Menschen, ein zweiter Standort in Italien ist angekündigt. Mitgründer und Geschäftsführer Mai erläutert im Interview, welche Rohstoffe sich in welcher Qualität zurückholen lassen und warum die Verantwortung für gewerblich betriebene Anlagen auf öffentlichen Dächern anders geregelt sei als die Rückgabe am Wertstoffhof. Und er skizziert einen Weg, auf dem Städte und Gemeinden am Wert der Altmodule beteiligt werden könnten, ohne selbst in eine kapitalintensive Verwertungskette einzusteigen.

SOLAR MATERIALS betreibt in Magdeburg nach eigenen Angaben Deutschlands modernste industrielle Recyclinglinie für Solarmodule. Was genau passiert dort mit den ausgedienten Modulen — und welche Rohstoffe lassen sich in welchem Umfang zurückgewinnen?

Unsere Technologie basiert darauf, dass wir die Solarmodule schrittweise wieder auseinandernehmen und dabei Schicht für Schicht abtragen. Es entstehen sortenreine Rohstofffraktionen. Hierbei setzen wir auf Automatisierung, Robotik und mechanische Prozesse, die sich leicht skalieren lassen und kostengünstig sind. Das erlaubt es uns, die Rohstoffe eines Solarmoduls schrittweise zu extrahieren: Silber, Aluminium, Silizium, Kupfer und Glas. Mit unserem patentierten Verfahren können wir 99 % der Rohstoffe zurückgewinnen. Zum Vergleich: üblicherweise werden Solarmodule geschreddert und das dabei entstehende Granulat wird anschließend nach seinen Bestandteilen sortiert. Dieser Prozess erlaubt es zwar auch Glas, Aluminium und Kupfer zurückzugewinnen, jedoch in einer minderen Qualität, da die Rohstoffe durch Anhaftungen von Silizium und Silber verunreinigt sind. Zudem gehen insbesondere diese beiden wertvollen Rohstoffe – Silber und Silizium – dabei größtenteils verloren.

Kommunale Energie- und Liegenschaftsbetriebe verantworten wachsende PV-Flächenbestände auf öffentlichen Dächern und Freiflächen. Wenn diese Module in zehn bis fünfzehn Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen, stehen die Betriebe vor der Frage der fachgerechten Entsorgung und Verwertung. Welche konkreten Abnahme- und Rückführungswege bietet SOLAR MATERIALS diesen kommunalen Betreibern heute schon an?

Hier gilt: Recycelt wird kostenlos. Möglich wird das durch unsere Wertschöpfung. Wir holen schlicht mehr Rohstoffe in höherer Qualität aus den Modulen. Diese Mehrerlöse erlauben es uns dann Kosten für unsere Kunden zu senken, während andere Anbieter eine tonnenbasierte Recyclinggebühr abrufen müssen. Je nach Zustand und Anzahl der Solarmodule können wir sogar die Logistik kostenlos mit anbieten. Das ist für alle unsere Kundengruppen äußerst attraktiv. Fixiert man die Abnahme vertraglich, lassen sich damit sogar Rückstellungen für Rückbau reduzieren und ggf. damit verbundene Bankbürgschaften. So wird Kapital frei, dass für andere Zwecke genutzt werden kann. In Zeiten knapp gefüllter kommunaler Kassen ist das ein interessantes Angebot.

Die EU-Altgeräterichtlinie verpflichtet Hersteller und Vertreiber zur Rücknahme von PV-Modulen, doch die praktische Umsetzung auf kommunaler Ebene — etwa über Wertstoffhöfe — wirft organisatorische und logistische Fragen auf. Wie bewerten Sie die bestehende Sammelinfrastruktur, und wo sehen Sie für Kommunen den größten Handlungsbedarf?

Die Frage vermischt zwei unterschiedliche Regelungen. Wertstoffhöfe nehmen Solarmodule aus privaten Haushalten an. Dort gilt, unabhängig vom Baujahr, eine kostenfreie Rückgabe für Privatpersonen, finanziert über die kollektive Herstellerverantwortung. Für kommunale Liegenschaften und Freiflächen gilt dies nicht, da diese aufgrund ihrer Größenordnung meist gewerbliche Anlagen sind. Hier ist der 24. Oktober 2015 der entscheidende Stichtag. Das heißt: Bei Modulen, die vor diesem Tag in Verkehr gebracht worden, liegt die Verantwortung der Entsorgung beim Eigentümer, nicht beim Hersteller. Genau diese Verantwortung übernehmen wir, wie eben beschrieben. Handlungsbedarf bei den Kommunen sehen wir an anderen Stellen. Zunächst herrscht nach wie vor viel Unwissenheit beim Thema Solar, obwohl diese Technologie schon seit über 20 Jahren weit verbreitet ist. Das äußert sich in der Sortierung in den Wertstoffhöfen, hier werden Solarthermie-Module und Photovoltaik-Module vermischt. Oder auch verschiedene Photovoltaik-Technologien, für die unterschiedliche Recyclingprozesse genutzt werden. Diese Vermischung erschwert uns die Arbeit durch einen erhöhten Sortieraufwand. Hinzukommt, dass nicht jeder Wertstoffhof Module annimmt und daher die Informationslage für Bürger uneinheitlich ist. Aus unserer Sicht bedarf es Informationen und einer aktiven Wissensvermittlung. Nicht nur für Privatpersonen. Denn auch gewerbliche Betreiber sind für die ordnungsgemäße Entsorgung der Module verantwortlich und müssen dafür einen zertifizierten Nachweis führen. Der Verkauf von nicht funktionierenden Solarmodulen ohne zertifizierte Funktionsprüfung verstößt gegen die Pflichten aus § 20 ElektroG und kann als Ordnungswidrigkeit mit hohen Bußgeldern geahndet werden.

Magdeburg ist Ihr erster Produktionsstandort, ein weiterer in Italien ist angekündigt. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Standorte — und welche Rolle spielen dabei kommunale Rahmenbedingungen wie Flächenverfügbarkeit, Genehmigungspraxis oder die Nähe zu regionalen Stoffströmen?

Betrachtet man den Entsorgungsprozess von der Baustelle eines Solarparks bis zu uns ins Werk, sind die Logistikkosten ein wesentlicher Kostenfaktor. Folglich ist es logisch, Standorte zu prüfen, an denen es viele Solarparks gibt. Damit verbunden spielt auch die Infrastruktur eine große Rolle, ebenso wie kommunale Rahmenbedingungen. Wir haben keine Glaskugel, wo sich welche Märkte entwickeln, aber dank der Geschichte der Solarindustrie können wir sehen, wo in den letzten Jahrzehnte Märkte entstanden sind und somit unweigerlich die Frage der Entsorgung früher oder später auftauchen wird. Und wenn es soweit ist, wollen wir da sein.

In der kommunalen Abfallwirtschaft wird zunehmend diskutiert, ob sich aus dem Recycling kritischer Rohstoffe — etwa Silizium, Silber oder Kupfer aus Solarmodulen — eigenständige regionale Wertschöpfungsketten entwickeln lassen. Wie schätzen Sie das wirtschaftliche Potenzial realistisch ein, und ab welchen Mengen wird ein solcher Kreislauf für eine Kommune oder einen regionalen Zweckverband wirtschaftlich tragfähig?

Recycling ist immer ein lokales Geschäft. Zum einen, weil niemand Abfall verschicken möchte, zum anderen, weil man erkannt hat, dass hier enormer Wert liegt. Auf der Rohstoffseite geht es dann aber immer um die bestmögliche Nutzung. Das bedeutet auch die Betrachtung von Transportkosten. Glas, Aluminium, Kupfer sind dabei primär lokale Rohstoffe. Für Silizium und Silber arbeiten wir dann mit spezialisierten Abnehmern zusammen. Für uns gilt dabei aus Sachsen-Anhalt für Europa. Unser patentierter Prozess ist ein modulares Konzept. So wäre die Beteiligung an einzelnen dieser Schritte womöglich sinnvoller als der Aufbau einer eigenen Kette. Beispielsweise ist Entfernen des Aluminiumrahmens technisch einfach und lässt sich vor Ort leisten. Eine Kommune könnte diesen Schritt übernehmen und dafür vergütet werden, statt die komplette, kapitalintensive Weiterverarbeitung selbst aufzubauen. Denkbar wäre auch, dass die Kommune das gewonnene Aluminium selbst vermarktet, statt es an uns abzugeben. Module, die noch funktionsfähig sind, kaufen wir bereits heute für die Wiederverwendung an. Das wäre auch ein zusätzlicher Anreiz für eine gute Vorsortierung auf den Wertstoffhöfen. Schließlich ist Re-Use im Sinne der Kreislaufwirtschaft die bevorzugte Lösung. Damit wird die Kommune Teil des Kreislaufs, ohne das Investitions- und Marktrisiko einer eigenen Verwertungskette zu tragen. (DEKOM, 01.09.2026) Mehr Infos hier…

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