Landrat Dr. Christoph Schnaudigel und BLK-Geschäftsführer Ragnar Watteroth über den Projektstopp der Deutschen Glasfaser, die Antwort aus Berlin und die nächsten Schritte im Landkreis Karlsruhe
DEKOM: Herr Dr. Schnaudigel, wie ordnen Sie den Rückzug der Deutschen Glasfaser für den Landkreis Karlsruhe ein?
Schnaudigel: Das ist ein massiver Rückschlag. Wir haben gemeinsam mit den Kommunen vier Jahre auf Basis der Zusagen der Deutschen Glasfaser geplant, kommuniziert und Erwartungen geweckt. Wenn ein solcher Partner dann zentrale Projekte bis mindestens 2028 aussetzt, ist das nicht nur eine Verschiebung von Zeitplänen, sondern ein fundamentaler Vertrauensverlust. Der Fall macht deutlich, welche Risiken entstehen, wenn zentrale Infrastrukturvorhaben an freiwillige Investitionsentscheidungen einzelner Unternehmen geknüpft werden.
DEKOM: Sie sprechen von einem Scheitern der bisherigen Strategie. Was meinen Sie damit konkret?
Schnaudigel: Der Bund setzt beim Glasfaserausbau politisch darauf, dass der Markt den Löwenanteil übernimmt und die öffentliche Hand nur dort einspringt, wo gar nichts passiert. Die Situation im Landkreis Karlsruhe zeigt, dass dieser Ansatz an seine Grenzen kommt. Wir haben unsere Förderstrategie konsequent an dieser Logik ausgerichtet — viele Kommunen galten aufgrund hoher eigenwirtschaftlicher Potenzialannahmen als nicht förderfähig. Zieht sich dann ein privater Anbieter zurück, stehen diese Kommunen ohne verlässliche Förderzugänge da. Diese Logik muss korrigiert werden.
DEKOM: Herr Watteroth, Sie verantworten als Kreiskämmerer und BLK-Geschäftsführer die finanzielle und operative Seite. Wie stellt sich die Lage dar?
Ragnar Watteroth: Wir haben in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in den geförderten Ausbau investiert, die BLK-Infrastruktur aufgebaut und Open-Access-Strukturen geschaffen. Die eigenwirtschaftlichen Projekte der Deutschen Glasfaser sollten auf diesem Fundament aufbauen. Nun entsteht eine Lücke, die weder haushaltswirtschaftlich noch organisatorisch einfach zu schließen ist. Die Städte und Gemeinden können dies nicht aus eigener Tasche bezahlen, solange die Förderkulissen so gestaltet sind, dass viele unserer Kommunen formal als marktversorgt gelten und damit nicht förderfähig sind.
DEKOM: Welche Rolle kann die BLK in dieser Situation übernehmen?
Ragnar Watteroth: Unsere Aufgabe ist es, den Überblick zu behalten und gemeinsam mit den Kommunen realistische Szenarien zu entwickeln. Dazu gehören neue Markterkundungen, die Ansprache alternativer Partner und die Prüfung, wo bestehende Förderbescheide erweitert werden können. Ein ungeordneter Flickenteppich aus Einzelentscheidungen wäre das falsche Ergebnis. Gebraucht wird ein abgestimmter Plan, der die bestehenden BLK-Strukturen nutzt und neue Projekte so aufsetzt, dass sie langfristig wirtschaftlich und technisch tragfähig sind.
DEKOM: Was erwarten Sie von Bund und Land?
Schnaudigel: Die Förderlogik muss an die Realität angepasst werden. Wenn ein eigenwirtschaftlich geplanter Ausbau nachweislich nicht stattfindet, brauchen Kommunen zeitnah Zugang zu Förderprogrammen. An Potenzialannahmen festzuhalten, die längst widerlegt sind, ist keine belastbare Grundlage. Wir haben das dem Bundesdigitalministerium schriftlich dargelegt. Die Antwort ist gekommen — sie ist mehr als ernüchternd. Das Ministerium hält an der bisherigen Linie fest: eigenwirtschaftlicher Ausbau als Hauptinstrument, Glasfaserausbauziel 2031 unverändert. Das halte ich für ein faktisches Eingeständnis, dass dieses Ziel nicht erreicht werden will. Wir haben niemanden mehr, der den Ausbau in den betroffenen Gebieten übernimmt. Wenn sich die Privatwirtschaft dauerhaft aus dem eigenwirtschaftlichen Ausbau zurückzieht, ist das 2031er-Ziel unrealistisch — Punkt. Die Mittel aus dem Sondervermögen wären für genau solche Situationen gedacht. Der Briefwechsel ist öffentlich; wir haben ihn den Kreistagsmitgliedern zugeleitet.
Watteroth: Aus Sicht der kommunalen Finanzen geht es vor allem um Planungssicherheit. Wenn zusätzliche Ausbauvorhaben übernommen werden, braucht es Förderbescheide, die komplette Gemeindegebiete oder zumindest funktionale Einheiten abdecken. Jeder Projektzuschnitt, der wieder nur Teilflächen umfasst, schafft neue Brüche und neue Lücken. Hier sind Bund und Land gefordert, flexibler zu agieren.
DEKOM: Gibt es trotz der aktuellen Situation Ansatzpunkte für kurzfristige Fortschritte?
Watteroth: Ja, in einigen Kommunen bieten laufende Projekte und bestehende Strukturen einen Ansatzpunkt — etwa durch Partnerwechsel oder die Integration in BLK-Netze. Langfristig wird der Glasfaserausbau stärker als kommunale Aufgabe zu verstehen sein, die durch private Partner ergänzt wird — nicht umgekehrt. (DEKOM, 26.05.2026) Mehr Infos hier…