Superwahljahr startet mit Zäsur im Süden

Der Wahlsonntag hat im Süden der Republik die politischen Gewichte verschoben — wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. In Stuttgart schaffte Cem Özdemir, was bis vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich gehalten hatte. Die Grünen lagen am Ende rund 27.000 Stimmen vor der CDU — bei mehr als 5,4 Millionen abgegebenen Stimmen ein denkbar knapper Vorsprung. Die Grünen kamen auf 30,2 Prozent, die CDU mit Manuel Hagel auf 29,7 Prozent. Die AfD wurde mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft, die SPD hielt sich knapp mit 5,5 Prozent über der Fünfprozenthürde. FDP und Linke scheiterten mit je 4,4 Prozent. Der Schlüssel zu Özdemirs Sieg war seine konsequente Personenstrategie. Laut Forschungsgruppe Wahlen stimmten 55 Prozent der Befragten zu, die Grünen im Südwesten stünden für eine andere Politik als im Bund. Özdemir wurde zudem als sympathischer, glaubwürdiger und kompetenter eingeschätzt als Hagel. Hagels Wahlkampf wurde durch zwei Videos belastet — eines mit einem Kommentar über die „rehbraunen Augen“ einer Schülerin, ein zweites mit einem forschen Auftritt gegenüber einer Lehrerin. Beide Parteien verfügen im neuen Landtag über je 56 Sitze. Eine Mehrheit ohne den jeweils anderen ist nicht darstellbar. Özdemir sprach von einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“, eine Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition unter seiner Führung gilt als wahrscheinlichstes Szenario.  Für die FDP endete der Abend mit dem Rücktrittsankündigung des Landeschefs Rülke. Die Partei dürfte damit erstmals seit mehr als 70 Jahren nicht mehr im Stuttgarter Landtag vertreten sein. SPD-Spitzenkandidat Stoch kündigte ebenfalls seinen Rückzug an. In Bayern verliefen die Kommunalwahlen ohne große Überraschungen — mit einer Ausnahme. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter kam nach deutlichen Verlusten nur auf 35,6 Prozent. Vor sechs Jahren hatte er im ersten Wahlgang noch 47,9 Prozent geholt. Ihm auf den Fersen: Dominik Krause von den Grünen mit 29,5 Prozent. Reiter, zuletzt wegen nicht genehmigter FC-Bayern-Zahlungen und der Verwendung eines rassistischen Begriffs in einer Stadtratssitzung unter Druck, räumte „ein, zwei Fehler“ ein. Auch in Nürnberg und Augsburg fiel im ersten Wahlgang keine Entscheidung. Die Stichwahlen folgen am 22. März. Bundespolitisch setzt das Stuttgarter Ergebnis die Koalition in Berlin unter Druck. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer sieht im Ergebnis dennoch eine Ermutigung: Es zeige, dass es am Ende auf die Person an der Spitze ankomme — ein Mechanismus, der in zwei Wochen auch in Rheinland-Pfalz wirken werde. Dort steht Schweitzer selbst zur Wahl. Für die SPD bleibt der Abend trotzdem ein Signal: Nach dem Stuttgarter Debakel wird Rheinland-Pfalz zur nächsten Bewährungsprobe für eine Partei, die bundesweit nach ihrer Rolle sucht. (DEKOM, 09.03.2026) Ergebnisse Landtagswahl BW hier…     Ergebnisse Kommunalwahl Bayern hier…

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