{"id":8006,"date":"2024-10-21T12:56:39","date_gmt":"2024-10-21T10:56:39","guid":{"rendered":"http:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=8006"},"modified":"2024-10-21T13:35:42","modified_gmt":"2024-10-21T11:35:42","slug":"dekom-gespraech-mit-dr-christoph-bruessel-was-kann-die-politik-von-der-wirtschaft-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/dekom-gespraech-mit-dr-christoph-bruessel-was-kann-die-politik-von-der-wirtschaft-lernen\/","title":{"rendered":"DEKOM-Gespr\u00e4ch mit Dr. Christoph Br\u00fcssel:  Was kann die Politik von der Wirtschaft lernen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Politische Entscheidungsprozesse sind oft langwierig und hinken gesellschaftlichen, \u00f6konomischen und technologischen Entwicklungen mehr und mehr hinterher. Ein grundlegender Change-Prozess in einem Unternehmen dauert in der Regel zwischen vier und f\u00fcnf Jahren \u2013 in etwa so lange wie eine politische Legislaturperiode.&nbsp; Eine Zeit, in der in Unternehmen erst eine Idee erarbeitet, umgesetzt, manifestiert und evaluiert wird. In der Politik reicht eine Legislaturperiode h\u00e4ufig nur f\u00fcr die Umsetzung eines \u00fcberschaubaren Teils der angek\u00fcndigten Vorhaben. Und &#8211; werden Zielvereinbarungen gerissen, bleibt es in der Privatwirtschaft \u2013 anders als in der Politik &#8211; nur selten ohne personelle Konsequenzen. Dar\u00fcber ob und ggf. was die Politik von den Unternehmen lernen kann haben wir uns mit dem Vorstandsvorsitzenden des Senats der Wirtschaft, Dr. Christoph Br\u00fcssel, unterhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM: <\/strong>Herr Dr. Br\u00fcssel, sind W\u00e4hler mit ihren Volksvertretern nachsichtiger und geduldiger als Aufsichtsr\u00e4te mit ihren Vorst\u00e4nden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dr. Br\u00fcssel: <\/em><\/strong><em>Die Prozesse in Aufsichtsr\u00e4ten und bei den W\u00e4hlern, unterscheiden sich nat\u00fcrlich diametral. Aufsichtsr\u00e4te haben eine andere Aufgabenstellung und damit auch eine andere Blickrichtung. Aufsichtsr\u00e4te sind auch nicht Millionen eigener Meinungen, sondern zwischen drei und 21 Personen. Alleine deshalb ergibt sich ein v\u00f6llig anderer Ansatz. Aber es zeigt auch, wie unterschiedlich die Systeme zwischen Wirtschaft und Politik sind. Alleine das zu kritisieren, ist nicht geboten, die Unterschiedlichkeit annehmen und daraus die richtigen Schl\u00fcsse ziehen, um L\u00f6sungsans\u00e4tze zu finden, das ist unter anderem die Zielsetzung des Senats der Wirtschaft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Br\u00e4uchte es in der Politik \u00e4hnliche Verantwortungsstrukturen wie in Unternehmen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dr. Br\u00fcssel: <\/em><\/strong><em>Die Kompetenz und die Expertise aus Wirtschaft und Wissenschaft in das politische System einzubringen, ohne den Zwang, zu Mandaten oder Mitgliedschaft in politischen Parteien zu haben, das ist unser Ansatz. Dabei nehmen wir die systematischen Unterschiede an und versuchen Sie durch Akzeptanz, durch gute Impulse im Sinne des Gemeinwohls ohne Einzelinteressen zu promoten, aufzugreifen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Lie\u00dfen sich &#8211; und ggf. wie &#8211; entsprechende Strukturen von der Unternehmens- auf die politische Ebene \u00fcbertragen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Br\u00fcssel:<\/strong><em> Es ist sicher interessant und hilfreich, \u00fcber zielgerichtete Managementstrukturen auch in der Politik nachzudenken. Teilweise wird das von politischen Akteuren auch so angestrebt. \u00dcberwiegend jedoch bleiben die Unterschiede, die durch demokratische Prozesse bestimmend sind. Wir als Gesellschaft wollen, dass in der Politik jeder das Recht hat mitzusprechen. Wir wollen auch die sehr unterschiedlichen Denkans\u00e4tze oder Perspektiven mit in Entscheidungen einbeziehen. Nur so kann eine Gesellschaft von 82 Millionen Menschen auf Dauer mehrheitlich in Zufriedenheit leben. Wir wollen keine autorit\u00e4ren Entscheidungsstruktur, sondern die Vielfalt der Demokratie auch m\u00f6glich werden lassen. Das aber f\u00fchrt immer wieder zu langen Entscheidungsprozessen und oft leider auch zu Abweichungen von einer streng zielorientierten Linie. Daher entstehen viel Unzufriedenheit und auch Unverst\u00e4ndnis. Gef\u00e4hrlich ist es, wenn Parteipolitik oder Ideologie die Entscheidungen \u00fcberm\u00e4\u00dfig beeinflussen und Expertise nachrangig hinter Ideologie zur\u00fcckstehen muss. Das hat gerade in den letzten zwei Jahren zu einem enormen Akzeptanzproblem gef\u00fchrt und zeigt deutlich, dass ideologische Zielsetzungen nicht immer im Sinne gesellschaftlicher Realit\u00e4ten sind.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Unternehmen \u00fcberpr\u00fcfen und hinterfragen ihre Strategien permanent und nehmen bei Kursabweichungen direkt Korrekturen vor. Der Politikbetrieb scheint dagegen viel beh\u00e4biger und dogmatischer.&nbsp; Wie k\u00f6nnte die Politik diese unternehmerischen Prinzipien \u00fcbernehmen, um Projekte schneller und erfolgreicher umzusetzen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dr. Br\u00fcssel<\/em><\/strong><em>: Die klaren Unternehmensstrukturen im Management k\u00f6nnten teilweise tats\u00e4chlich in der Politik zu einer besseren Zielorientierung, m\u00f6glicherweise auch zu einer gr\u00f6\u00dferen Akzeptanz durch die Gesellschaft f\u00fchren. Garantiert ist das nicht. Nicht immer werden in Unternehmen die Entscheidungen auch von einer Mehrheit der Betroffenen akzeptiert, das ist unabh\u00e4ngig davon, ob sie richtig oder falsch sind. Unternehmen sind jedoch keine demokratischen Organisationen, in der Politik allerdings ist die Akzeptanz ein ganz wesentlicher Punkt. Nur durch Mitwirken und Anerkennung in der Gesellschaft, wird eine Entscheidung dann wirklich auch umgesetzt. Nicht alle Entscheidungen k\u00f6nnen durch Strafrecht oder Finanzamt vollzogen werden, sondern brauchen die Mitwirkung der Gesellschaft. Dennoch sollte eine st\u00e4ndige \u00dcberpr\u00fcfung der getroffenen Entscheidungen und eine flexible Reaktion auf die Folgen von Entscheidungen m\u00f6glich werden. Das w\u00fcrde ohne Zweifel zumindest die Wahrnehmung von zielorientierter Politik verbessern.&nbsp; Dazu bedarf es aber nicht nur eines Ver\u00e4nderungsprozess innerhalb der politischen Instanzen, es bedarf auch einer Akzeptanz in der Gesellschaft. Wir als Gesellschaft m\u00fcssen gelegentlich politischen Instanzen eine Fehlerkultur gestatten. Nur so kann der Mut zu fachgerechten Entscheidungen auch wachsen und im \u00dcbrigen auch die Flexibilit\u00e4t bei Entscheidungen oder der Umsetzung von politischen Zielen verbessert werden. Politik ist keine Einbahnstra\u00dfe, Politik ist die Regelung der eigenen Angelegenheiten aus Sicht jedes einzelnen und aus Sicht der Gesellschaft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Unternehmen besch\u00e4ftigen Experten. IT-Spezialisten arbeiten in den IT-Abteilungen \u2013 Vertriebsspezialisten im Verkauf.&nbsp; In der Politik verantworten Lehrer schon mal den Stra\u00dfenbaubereich oder Germanisten das Wirtschaftsressort.&nbsp; Braucht es mehr (Fach-) Expertise in der Politik?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dr. Br\u00fcssel: <\/em><\/strong><em>Mangelnde Expertise in Fachbereichen. Bei politischen Instanzen wird m\u00f6glicherweise schon so lange beklagt, wie es politische Instanzen \u00fcberhaupt gibt. Das demokratische Prinzip, das Prinzip der Volksvertreterinnen und Volksvertreter f\u00fchrt logischerweise dazu, dass nicht nur die Experten in Parlamente kommen. Das wiederum bedingt auch das Regierungen nicht von Fach &#8211; Pers\u00f6nlichkeiten, sondern politischen Pers\u00f6nlichkeiten besetzt sind. Es schlie\u00dft allerdings nicht aus, dass Expertinnen und Experten auch in der Politik sind und auch in Aussch\u00fcssen und in Regierungen in ihrer Disziplin Verantwortung tragen. Die Expertise eines Ministers muss nicht unbedingt zur Zufriedenheit der Betroffenen f\u00fchren. Das bedeutet mehr Expertinnen und Experten in der Politik ja, aber wir bleiben bei dem Prinzip der Volksvertretung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Braucht es f\u00fcr mehr Unternehmergeist- und Unternehmenskultur mehr Unternehmer in der Politik?<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dr. Br\u00fcssel:<\/em><\/strong><em> Die Empfehlung ist Expertin und Experten zu motivieren, sich politisch zu engagieren. Gleichzeitig muss die Gesellschaft dar\u00fcber nachdenken, ob die Bedingungen denn die richtigen sind. K\u00f6nnen Experten &nbsp;&nbsp;werden Experten in der Politik bezahlt und akzeptiert die Gesellschaft auch eine Bezahlung hoch qualifizierter Leute. Es ist f\u00fcr den Senat der Wirtschaft Deutschland eine Kernkompetenz, die Br\u00fccke darzustellen. Expertinnen und Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft wirken beim Senat der Wirtschaft im Sinne des Gemeinwohls an L\u00f6sungsans\u00e4tzen f\u00fcr die gro\u00dfen Herausforderungen unserer Zeit mit. Die daraus entstehenden Impulse bringen wir im Dialog und ohne Forderungen zu stellen, an politische Entscheidungstr\u00e4ger. Das funktioniert besonders gut, wenn keine Schlagzeile gesucht wird, sondern ein uneigenn\u00fctziger Dialog zwischen dem Senat der Wirtschaft und Entscheidungstr\u00e4gern der Politik erfolgt. Seit 15 Jahren ein Erfolgsmodell.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielen Dank!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>\u00dcber den Senat der Wirtschaft<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Senat der Wirtschaft l\u00e4sst den alten und zugleich modernen Gedanken des Senats in der Antike wieder aufleben. Als \u00c4ltestenrat geh\u00f6rten ihm stets bedeutende und anerkannte Personen an. Diesem Vorbild folgend, vereinigt der Senat der Wirtschaft Pers\u00f6nlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur. Gemeinsam wollen diese die Entscheider in Politik und Wirtschaft beraten und unterst\u00fctzen. Zielsetzung des Wirkens des Senats der Wirtschaft ist die F\u00f6rderung einer \u00f6kologischen und sozialen Marktwirtschaft. Im Fokus liegen dabei im Besonderen unternehmerische Verantwortung, werteorientierte Unternehmensf\u00fchrung und die Unterst\u00fctzung von gemeinwohlorientierter Politik. Daraus folgt unser Leitsatz \u201eWirtschaft f\u00fcr Menschen\u201c. Unsere Mitglieder sind die Botschafter des Senats der Wirtschaft. Sie tragen durch ihre pers\u00f6nliche Mitgliedschaft dazu bei, die Ziele des Senats im Dialog mit Entscheidungstr\u00e4gern umzusetzen. (DEKOM, 21.10.2024) <a href=\"https:\/\/www.senat-deutschland.de\/\">Ganzer Artikel hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Entscheidungsprozesse sind oft langwierig und hinken gesellschaftlichen, \u00f6konomischen und technologischen Entwicklungen mehr und mehr hinterher. Ein grundlegender Change-Prozess in einem Unternehmen dauert in der Regel zwischen vier und f\u00fcnf Jahren \u2013 in etwa so lange wie eine politische Legislaturperiode.&nbsp; Eine Zeit, in der in Unternehmen erst eine Idee erarbeitet, umgesetzt, manifestiert und evaluiert wird. 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