{"id":8460,"date":"2025-06-23T12:35:34","date_gmt":"2025-06-23T10:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=8460"},"modified":"2025-06-23T12:38:04","modified_gmt":"2025-06-23T10:38:04","slug":"kommunalabwasserrichtlinie-die-80-prozent-quote-steht-auf-wackligem-fundament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/kommunalabwasserrichtlinie-die-80-prozent-quote-steht-auf-wackligem-fundament\/","title":{"rendered":"KARL: &#8222;Die 80-Prozent-Quote steht auf wackligem Fundament&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach der neuen EU-Kommunalabwasserrichtlinie m\u00fcssen Kl\u00e4ranlagen k\u00fcnftig um eine vierte Reinigungsstufe erweitert werden, die gezielt Mikroschadstoffe wie pharmazeutische R\u00fcckst\u00e4nde und Kosmetikr\u00fcckst\u00e4nde aus dem Abwasser entfernt. Die Kosten daf\u00fcr sollen zu 80\u202f% von der Pharma- und Kosmetikindustrie getragen werden. Kommunale Spitzenverb\u00e4nde begr\u00fc\u00dfen dies ausdr\u00fccklich. Pharma- und Kosmetikverb\u00e4nde hingegen kritisieren die Regelung als einseitig, nicht verursachergerecht und warnen vor Versorgungsrisiken. Nach zunehmender Kritik \u2013 auch aus der \u00c4rzteschaft &#8211; hat die EU-Kommission angek\u00fcndigt, die Kosten- und Folgenabsch\u00e4tzung zur erweiterten Herstellerverantwortung nochmals zu pr\u00fcfen. Vor diesem Hintergrund haben wir mit J\u00f6rg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender des gr\u00f6\u00dften Branchenverbandes der Pharmaindustrie, Pharma Deutschland gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Herr Wieczorek, die EU hat die Kommunalabwasserrichtlinie Ende 2024 verabschiedet. Was bedeutet diese neue Vorgabe aus Sicht der Pharmaindustrie?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Grunds\u00e4tzlich verfolgt die Kommunalabwasserrichtlinie ein wichtiges und richtiges umweltpolitisches Ziel \u2013 wir begr\u00fc\u00dfen ausdr\u00fccklich, dass Spurenstoffe aus dem Abwasser entfernt werden sollen. Die vierte Reinigungsstufe ist auch eine notwendige Investition in die Infrastruktur. Entscheidend ist aber die Frage, wer f\u00fcr die Spurenstoffe im Abwasser in welchem Ma\u00dfe verantwortlich ist und wer die Kosten verursacht. Genau da m\u00fcssen wir hinschauen, bevor wir \u00fcber die Finanzierung reden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Die EU-Kommission behauptet, rund 92 % der sch\u00e4dlichen Mikroschadstoffe im Abwasser gingen auf das Konto von pharmazeutischen (66%) und kosmetischen (26%) Produkten, weshalb diese Branchen den L\u00f6wenanteil der neuen Reinigungsstufe finanzieren sollen. Stimmt diese Zuschreibung aus Ihrer Sicht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Aus unserer Sicht sind diese Zahlen so nicht haltbar. Woher auch immer die Prozentangeben kommen \u2013 sie wurden nicht auf solider Datengrundlage erarbeitet. Die EU-Kommission hat hier offenbar nur einen Teil der verf\u00fcgbaren Studien herangezogen und diese selektiv interpretiert. Die Kommission hat letzte Woche selbst erkannt, dass ihre Grundlagen &nbsp;&nbsp;nicht belastbar genug sind, und will die Daten \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Wir begr\u00fc\u00dfen diese Einsicht ausdr\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Fakt ist: Verursacher der Mikroschadstoffe im Abwasser sind bei Weitem nicht nur pharmazeutische oder kosmetische Produkte. Es gibt eine Vielzahl anderer Quellen \u2013 etwa Pflanzenschutzmittel, Reinigungs- und Waschmittel, Industriechemikalien, Abrieb von Autoreifen oder Mikroplastik in unseren Gew\u00e4ssern. Trotzdem hat man sich in der Richtlinie auf zwei Branchen \u2013 Pharma und Kosmetik \u2013 eingeschossen. Diese einseitige Fixierung blendet die anderen Verursacher komplett aus und wird den komplexen Ursachen des Problems nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Bef\u00fcrworter des 80 zu 20 Prinzips sagen, die Pharmaindustrie sei reich und k\u00f6nne diese Kosten durchaus tragen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Das ist viel zu pauschal. Vor allem die Generika-Hersteller, die rund 80 % der verschreibungspflichtigen Arzneimittel in Deutschland bereitstellen, arbeiten seit Jahren am Rande der Wirtschaftlichkeit. Daf\u00fcr gibt es zwei Hauptgr\u00fcnde: Erstens unterliegen patentfreie, erstattungsf\u00e4hige Medikamente seit 2009 einem staatlichen Preisstopp \u2013 die Preise sind also seit \u00fcber 15 Jahren gedeckelt, w\u00e4hrend L\u00f6hne, Energie- und Rohstoffkosten gestiegen sind. Zweitens sorgen die Rabattvertr\u00e4ge der Krankenkassen daf\u00fcr, dass pro Wirkstoff oft nur ein oder zwei Anbieter den Zuschlag erhalten, was einen enormen Preisdruck erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge: In der Generika-Sparte gibt es keinerlei \u201efette Margen&#8220;. Viele dieser Unternehmen k\u00e4mpfen eher ums \u00dcberleben, als dass sie \u00fcbersch\u00fcssiges Kapital h\u00e4tten. Wenn man nun dieser ohnehin angespannten Branche noch Milliardenkosten f\u00fcr Kl\u00e4ranlagenausbauten aufb\u00fcrdet, w\u00e4re die Versorgung mit g\u00fcnstigen Medikamenten akut gef\u00e4hrdet. Ich sage das ganz deutlich: Dann bricht die Generikaversorgung weg. Die Hersteller k\u00f6nnten bestimmte Arzneimittel schlicht nicht mehr kostendeckend anbieten, und sie w\u00fcrden sich vom Markt zur\u00fcckziehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>In so einem Szenario droht ein regelrechter Kaskadeneffekt: Je mehr Hersteller aus dem Markt austreten, desto h\u00f6here zus\u00e4tzliche Kosten m\u00fcssten die Verbleibenden schultern \u2013 was wiederum weitere Firmen in die Knie zwingen k\u00f6nnte. Am Ende h\u00e4tten wir statt Wettbewerb nur noch teure Alternativen. Das w\u00fcrde nicht nur die Patienten treffen, sondern auch unser Gesundheitssystem und die Krankenkassen massiv belasten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Wie hoch w\u00e4ren denn die Kosten f\u00fcr diese vierte Reinigungsstufe insgesamt? Dar\u00fcber kursieren sehr unterschiedliche Sch\u00e4tzungen. &nbsp;Wovon gehen Sie aus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Die Gesamtkosten sind schwer exakt zu beziffern, aber wir reden hier sicherlich \u00fcber einen zweistelligen Milliardenbetrag \u00fcber einen Zeitraum von zehn Jahren. Unser Realit\u00e4tscheck anhand bereits gebauter vierter Reinigungsstufen zeigt, dass allein die Baukosten in der Praxis deutlich \u00fcber den bisherigen Annahmen liegen. Und da sind die laufenden Betriebskosten noch gar nicht drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Industrie denken wir in Zeithorizonten von zehn, f\u00fcnfzehn Jahren \u2013 und wir sehen: Selbst deutlich geringere Summen w\u00e4ren f\u00fcr unsere Branche nur schwer zu stemmen. Nochmal: Wir verweigern uns nicht einer finanziellen Beteiligung. Aber sie muss fair und \u00fcber alle Mikroschadstoffe im Abwasser hinweg verursachergerecht ausgestaltet sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Arzneimittelsektor <a>haben wir dar\u00fcber <\/a>hinaus das besondere Problem, dass wir Preiserh\u00f6hungen gesetzlich gar nicht einfach weitergeben k\u00f6nnen. F\u00fcr verschreibungspflichtige Medikamente gilt seit 2009 ein Preisdeckel, wir k\u00f6nnten also nicht ohne Weiteres einen \u201eKl\u00e4ranlagen-Aufschlag&#8220; auf unsere Produkte schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft: Selbst, wenn die Industrie Milliardenkosten tragen m\u00fcsste, k\u00e4me das nicht in Form h\u00f6herer Arzneimittelpreise bei den Patienten an, sondern in Form von Versorgungsengp\u00e4ssen. Im schlimmsten Fall k\u00f6nnten wir bestimmte Medikamente gar nicht mehr liefern. Dann m\u00fcsste der Arzt auf andere (oft deutlich teurere) Pr\u00e4parate ausweichen \u2013 zulasten der Krankenkassen. Man w\u00fcrde also das Gegenteil dessen erreichen, was man wollte: Statt Kosten zu sparen, w\u00fcrde die Behandlung am Ende teurer, weil preisg\u00fcnstige Generika wegfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich zahlen wir als B\u00fcrger so oder so die Rechnung \u2013 entweder als Versicherte \u00fcber h\u00f6here Krankenkassenbeitr\u00e4ge oder als Verbraucher \u00fcber steigende Wassergeb\u00fchren in der Kommune.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM: Vielen Dank!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Fazit<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kritik der Pharmaindustrie an der 80-Prozent-Quote erscheint berechtigt. Wenn die Datengrundlage tats\u00e4chlich so d\u00fcnn ist, wie Wieczorek schildert, und andere Verursacher systematisch ausgeblendet werden, ist eine Neubetrachtung dringend geboten. Besonders alarmierend sind die m\u00f6glichen Folgen f\u00fcr die Generikaversorgung: Sollten tats\u00e4chlich g\u00fcnstige Standardmedikamente vom Markt verschwinden, w\u00e4re das ein hoher Preis f\u00fcr eine m\u00f6glicherweise \u00fcberst\u00fcrzte Regelung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil unseres Interviews geht es in der n\u00e4chsten DEKOM-Ausgabe am 7. Juli 2025 um konkrete L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge der Pharmaindustrie und die Frage, wie eine faire und datenbasierte Verteilung der Kosten aussehen k\u00f6nnte. (DEKOM, 23.06.2025)<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Zur Person<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Wieczorek ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der <a href=\"https:\/\/hermes-holding.group\/\">HERMES Arzneimittel Holding GmbH<\/a> und steht seit 1. Juli 2014 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von Pharma Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>\u00dcber Pharma Deutschland<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pharma Deutschland ist der gr\u00f6\u00dfte Branchenverband der Pharmaindustrie in Deutschland und vertritt rund 400 Mitgliedsunternehmen. Neben globalen Pharmaunternehmen sowie kleinen und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen geh\u00f6ren auch Apotheker, Rechtsanw\u00e4lte, Verlage, Agenturen und Marktforschungsinstitute dazu. Die Mitglieder sichern die Arzneimittelversorgung in Deutschland, indem sie fast 80 Prozent der rezeptfreien und zwei Drittel der rezeptpflichtigen Medikamente sowie einen Gro\u00dfteil der stofflichen Medizinprodukte bereitstellen. <a href=\"https:\/\/www.pharmadeutschland.de\/\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der neuen EU-Kommunalabwasserrichtlinie m\u00fcssen Kl\u00e4ranlagen k\u00fcnftig um eine vierte Reinigungsstufe erweitert werden, die gezielt Mikroschadstoffe wie pharmazeutische R\u00fcckst\u00e4nde und Kosmetikr\u00fcckst\u00e4nde aus dem Abwasser entfernt. Die Kosten daf\u00fcr sollen zu 80\u202f% von der Pharma- und Kosmetikindustrie getragen werden. Kommunale Spitzenverb\u00e4nde begr\u00fc\u00dfen dies ausdr\u00fccklich. Pharma- und Kosmetikverb\u00e4nde hingegen kritisieren die Regelung als einseitig, nicht verursachergerecht und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8460"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8463,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8460\/revisions\/8463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}