{"id":8487,"date":"2025-07-07T09:13:06","date_gmt":"2025-07-07T07:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=8487"},"modified":"2025-07-07T11:33:15","modified_gmt":"2025-07-07T09:33:15","slug":"kommunalabwasserrichtlinie-erst-die-fakten-klaeren-dann-fair-verteilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/kommunalabwasserrichtlinie-erst-die-fakten-klaeren-dann-fair-verteilen\/","title":{"rendered":"KARL: &#8222;Erst die Fakten kl\u00e4ren, dann fair verteilen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Im ersten Teil unseres Interviews kritisierte J\u00f6rg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland, die geplante 80-prozentige Kostenbeteiligung der Pharma- und Kosmetikindustrie an der vierten Reinigungsstufe. Die Datengrundlage sei nicht belastbar, andere Verursacher w\u00fcrden ausgeblendet, und f\u00fcr die ohnehin unter Preisdruck stehende Generikabranche k\u00f6nnte dies das Aus f\u00fcr viele Medikamente bedeuten. Im zweiten Teil sprechen wir \u00fcber konkrete L\u00f6sungsans\u00e4tze, die Rolle der Kommunen und die k\u00fcrzlich angek\u00fcndigte \u00dcberpr\u00fcfung der Richtlinie durch die EU-Kommission.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> &nbsp;Herr Wieczorek, Sie schlie\u00dfen eine sachgerechte Beteiligung der Branche an den Kosten der vierten Reinigungsstufe nicht aus \u2013 sofern sie auf realistischen Daten und fairer Verteilung beruht. Wie lie\u00dfe sich Ihrer Ansicht nach ein tragf\u00e4higes Modell gestalten?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Wir fordern ganz konkret, alle verf\u00fcgbaren Daten und Studien erst einmal auf den Tisch zu legen und sorgf\u00e4ltig auszuwerten. Es muss klar analysiert werden: Welche Stoffe in welchem Umfang belasten das Abwasser? Wer tr\u00e4gt wie viel dazu bei? Auf dieser Grundlage kann man dann \u00fcber eine faire Verteilung der Lasten auf alle Verursacher sprechen. Man darf nicht nur ein paar Fakten herauspicken. Es geht uns darum, das gesamte Bild zu betrachten. Man sollte nicht nur eine Handvoll der 37 verf\u00fcgbaren Studien heranziehen. Wenn alle relevanten Branchen entsprechend ihrem Verursacheranteil einbezogen werden \u2013 von Mikrokunststoffen \u00fcber Reifenabrieb bis hin zu Industriechemikalien \u2013 dann ist die Pharmaindustrie sofort bereit, ihren fairen Anteil zu leisten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Viele Kl\u00e4ranlagen wissen momentan gar nicht genau, welche Spurenstoffe in welcher Konzentration in ihrem Abwasser ankommen. Ohne diese Daten ist es schwer, \u00fcberhaupt die richtigen Verfahren f\u00fcr eine vierte Reinigungsstufe auszuw\u00e4hlen. Ist es da nicht verfehlt, schon jetzt pauschal der Pharmaindustrie den gr\u00f6\u00dften Teil der Verantwortung zuzuschieben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Tats\u00e4chlich gibt es bislang keine umfassende Datengrundlage dazu, welche Mikroschadstoffe in welchem Ausma\u00df in den kommunalen Abw\u00e4ssern vorhanden sind. Viele Kl\u00e4ranlagenbetreiber k\u00f6nnen das gar nicht detailliert beziffern. Oft arbeitet man mit Indikatorstoffen \u2013 bestimmten Arzneimittel-R\u00fcckst\u00e4nden, die \u00fcberall im Abwasser nachweisbar sind, weil sie von vielen Menschen nach Einnahme eines Medikaments wieder ausgeschieden werden. Dass man solche Substanzen findet, ist also wenig \u00fcberraschend. Daraus zu folgern, diese Arzneistoffe w\u00fcrden 80\u201390% der Gew\u00e4sserbelastung ausmachen, greift jedoch zu kurz. Genau das hat ja auch unser Ramboll-Gutachten aufgezeigt. Nat\u00fcrlich ist es richtig, dass Arzneimittelreste \u00fcber die menschlichen Ausscheidungen im Abwasser landen \u2013 niemand bestreitet das. Aber es ist Aufgabe von Wissenschaft und Abwassertechnik, zu erforschen, welche Stoffe dar\u00fcber hinaus in welchem Umfang vorhanden sind und wie man sie am besten entfernt. Es kann nicht allein der Pharmaindustrie \u00fcberlassen werden, hier Patentrezepte zu liefern. \u00dcbrigens flie\u00dft in vielen St\u00e4dten auch Regenwasser in die Kanalisation \u2013 je nach Wetterlage und Region macht Niederschlagswasser bis zu 50 % des Abwassers aus. Wenn es stark regnet, sp\u00fclt es unweigerlich allerlei Schadstoffe von Stra\u00dfen, D\u00e4chern und Freifl\u00e4chen in den Kanalisation. Auch das tr\u00e4gt erheblich zur Belastung des Abwassers bei, hat aber mit Arzneimitteln nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Unsere Leser sind ja vor allem B\u00fcrgermeister und Kommunalpolitiker. Was k\u00f6nnen die Kommunen tun, um einerseits sauberes Wasser sicherzustellen, andererseits aber auch eine f\u00fcr alle tragbare Umsetzung der Richtlinie zu erreichen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Aus unserer Sicht sollten die Kommunen \u2013 gemeinsam mit Bund und L\u00e4ndern \u2013 darauf dringen, zuerst eine solide Faktenbasis zu schaffen. Bevor man \u00fcber Finanzierungsanteile streitet, muss klar sein, welche Stoffe verursachen welche Kosten. Eine umfassende Analyse aller Spurenstoffe im Abwasser w\u00e4re der erste Schritt. Darauf basierend kann man dann mit allen beteiligten Branchen L\u00f6sungen entwickeln, wie man die Eintr\u00e4ge verringert und die n\u00f6tigen Kosten fair verteilt. Nur wenn man das gesamte Bild kennt, lassen sich priorisierte Ma\u00dfnahmen ableiten: Wo bringt eine vierte Reinigungsstufe am meisten? Wo gibt es vielleicht auch andere Ans\u00e4tze, etwa bei Industrieeinleitern oder durch Aufkl\u00e4rung der Verbraucher? Wichtig ist vor allem, alle relevanten Akteure an einen Tisch zu holen. Wenn Kommunen n\u00e4mlich nur einen oder zwei S\u00fcndenb\u00f6cke herausgreifen, besteht die Gefahr, dass das eigentliche Problem nicht gel\u00f6st wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Die EU-Kommission hat im Rahmen ihrer neuen Wasserresilienz-Strategie zuletzt angek\u00fcndigt, die Kommunalabwasserrichtlinie nochmal auf den Pr\u00fcfstand zu stellen. Ihr Verband hat diese Entscheidung begr\u00fc\u00dft. Halten Sie es f\u00fcr realistisch, dass die Richtlinie grundlegend ge\u00e4ndert wird? Was erwarten Sie von dieser \u00dcberpr\u00fcfung?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Dass eine bereits verabschiedete EU-Richtlinie nochmal aufgeschn\u00fcrt und hinterfragt wird, kommt \u00e4u\u00dferst selten vor. Insofern ist das schon bemerkenswert und zeigt, wie stark &nbsp;die Bedenken selbst auf EU-Ebene geworden sind. Wir sehen diese Ank\u00fcndigung als positives Signal, dass die Entscheidungstr\u00e4ger in Br\u00fcssel gemerkt haben: Hier stimmt etwas nicht, wir m\u00fcssen nochmal nacharbeiten. Auch in Deutschland tut sich etwas. In den letzten Tagen haben sich sowohl die Gesundheitsministerkonferenz als auch die Wirtschaftsministerkonferenz der Bundesl\u00e4nder mit m\u00f6glichen Folgen der Kommunalabwasserrichtlinie befasst und vor den Auswirkungen auf die Arzneimittelversorgung gewarnt. Nat\u00fcrlich wissen wir noch nicht, was am Ende herauskommt. Aber allein die Einsicht, dass man die Datengrundlage und Annahmen \u00fcberpr\u00fcfen muss, ist ein wichtiger Schritt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> K\u00f6nnte das Ergebnis dieser Neubewertung nicht auch einfach sein, dass die Quote etwas abgesenkt wird? Also anstelle von 80 % zum Beispiel 60 % Herstellerbeteiligung \u2013 w\u00fcrden Sie ein Entgegenkommen in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung begr\u00fc\u00dfen, oder lehnt die Pharmaindustrie die EPR-Grundidee insgesamt ab?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Wir nehmen die Herstellerverantwortung sehr ernst und sind durchaus bereit, unseren Beitrag zu leisten \u2013 aber gleichberechtigt mit allen anderen Verursachern. Es kann nicht sein, dass allein zwei Branchen die Hauptlast tragen, w\u00e4hrend alle anderen Verursacher au\u00dfen vor bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob am Ende 60% oder 30% oder ein ganz anderes Modell stehen \u2013 dar\u00fcber spekulieren wir nicht. Das hier ist kein Basar, auf dem wir um Prozents\u00e4tze feilschen. Wichtig ist f\u00fcr uns das Prinzip: Die Lasten m\u00fcssen fair und evidenzbasiert verteilt werden. Solange keine belastbaren Gesamtdaten vorliegen, macht es keinen Sinn, irgendeine Zahl in den Raum zu stellen. Die Kosmetikindustrie k\u00f6nnte z.B. Preissteigerungen relativ leicht an die Kunden weitergeben, wir im Arzneimittelsektor k\u00f6nnen das nicht ohne weiteres. Solche spezifischen Unterschiede m\u00fcssen ber\u00fccksichtigt werden, sonst schadet man am Ende der Gesundheitsversorgung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Abschlie\u00dfend nochmal zugespitzt: Was genau fordern Sie von der Politik?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00f6rg Wieczorek:<\/strong> Eine vern\u00fcnftige, seri\u00f6se Datengrundlage mit einer umfassenden Folgenabsch\u00e4tzung \u2013 und erst darauf aufbauend Entscheidungen \u00fcber die Verteilung der Kosten. Wenn diese Basis geschaffen ist, setzen wir uns gerne zusammen und finden eine L\u00f6sung, wie wir alle gemeinsam f\u00fcr sauberes Wasser sorgen k\u00f6nnen, ohne die Medikamentenversorgung zu gef\u00e4hrden. Bis dahin sollte eine nationale Umsetzung der Richtlinie gestoppt werden. In einem Satz: Erst die Fakten kl\u00e4ren, dann die Lasten fair verteilen. Damit w\u00e4re allen gedient.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM: Vielen Dank!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Fazit<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Position der Pharmaindustrie ist klar: Ja zur Verantwortung, nein zur einseitigen Belastung ohne valide Datengrundlage. Die angek\u00fcndigte \u00dcberpr\u00fcfung der EU-Kommission bietet die Chance, eine sachgerechtere L\u00f6sung zu finden. F\u00fcr die Kommunen bedeutet das: Sie sollten auf eine transparente Datenbasis dr\u00e4ngen und alle Verursacher in die Pflicht nehmen \u2013 nicht nur die vermeintlich zahlungskr\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Warnung vor m\u00f6glichen Versorgungsengp\u00e4ssen bei Medikamenten sollte ernst genommen werden. Eine vierte Reinigungsstufe ist wichtig f\u00fcr den Gew\u00e4sserschutz, aber sie darf nicht zu Lasten der Gesundheitsversorgung gehen. Die Devise muss lauten: Erst umfassend analysieren, dann gerecht verteilen \u2013 alles andere w\u00e4re fahrl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Zur Person<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Wieczorek ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der <a href=\"https:\/\/hermes-holding.group\/\">HERMES Arzneimittel Holding GmbH<\/a> und steht seit 1. Juli 2014 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von Pharma Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>\u00dcber Pharma Deutschland<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pharma Deutschland ist der gr\u00f6\u00dfte Branchenverband der Pharmaindustrie in Deutschland und vertritt rund 400 Mitgliedsunternehmen. Neben globalen Pharmaunternehmen sowie kleinen und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen geh\u00f6ren auch Apotheker, Rechtsanw\u00e4lte, Verlage, Agenturen und Marktforschungsinstitute dazu. Die Mitglieder sichern die Arzneimittelversorgung in Deutschland, indem sie fast 80 Prozent der rezeptfreien und zwei Drittel der rezeptpflichtigen Medikamente sowie einen Gro\u00dfteil der stofflichen Medizinprodukte bereitstellen. <a href=\"https:\/\/www.pharmadeutschland.de\/\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/kommunalabwasserrichtlinie-die-80-prozent-quote-steht-auf-wackligem-fundament\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/kommunalabwasserrichtlinie-die-80-prozent-quote-steht-auf-wackligem-fundament\/\">Zum ersten Teil des Interviews hier&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Teil unseres Interviews kritisierte J\u00f6rg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland, die geplante 80-prozentige Kostenbeteiligung der Pharma- und Kosmetikindustrie an der vierten Reinigungsstufe. 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