{"id":8528,"date":"2025-08-18T11:57:22","date_gmt":"2025-08-18T09:57:22","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=8528"},"modified":"2025-08-18T11:57:23","modified_gmt":"2025-08-18T09:57:23","slug":"kommunale-klaeranlagen-im-wandel-neue-wege-gegen-mikroschadstoffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/kommunale-klaeranlagen-im-wandel-neue-wege-gegen-mikroschadstoffe\/","title":{"rendered":"Kommunale Kl\u00e4ranlagen im Wandel: Neue Wege gegen Mikroschadstoffe"},"content":{"rendered":"\n<p>Spurenstoffe wie Arzneimittelr\u00fcckst\u00e4nde, R\u00f6ntgenkontrastmittel oder Pestizide gelten als zunehmende Herausforderung f\u00fcr Gew\u00e4sser- und Trinkwasserschutz. Die herk\u00f6mmliche Abwasserreinigung st\u00f6\u00dft hier an ihre Grenzen. Der Deutsche Kommunalinformationsdienst (DEKOM) sprach mit <strong>Prof. Dr.-Ing. Henning Knerr,<\/strong> Experte f\u00fcr Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universit\u00e4t Kaiserslautern, \u00fcber die Risiken dieser Mikroschadstoffe, die technischen M\u00f6glichkeiten ihrer Entfernung und das Potenzial von Simulationsmodellen wie \u201eStoffFLUSS\u201c f\u00fcr eine strategische Ma\u00dfnahmenplanung in Kommunen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Kommunale Kl\u00e4ranlagen schaffen es bisher nur unzureichend, Spurenstoffe wie Arzneimittelr\u00fcckst\u00e4nde, R\u00f6ntgenkontrastmittel oder Pestizide aus dem Abwasser zu entfernen. Messungen in Mainz zeigen zum Beispiel, dass t\u00e4glich noch eine Diclofenac-Fracht in den Rhein gelangt, die umgerechnet etwa 100 Tuben Diclofenac-haltiger Sportsalbe entspricht. Warum sind solche Mikroschadstoffe selbst in kleinsten Konzentrationen so gef\u00e4hrlich f\u00fcr Gew\u00e4sser und Trinkwasser? Und wann wurde deutlich, dass die herk\u00f6mmliche Abwasserreinigung hier an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Knerr<\/strong>: Unter dem Begriff Spurenstoffe versteht man synthetische und nat\u00fcrliche Substanzen, die in Konzentrationen von wenigen Nano- bis Mikrogramm pro Liter (10\u207b\u2076 bis 10\u207b\u2079 g\/l) in Gew\u00e4ssern vorkommen \u2013 also in extrem geringen Mengen. Dennoch k\u00f6nnen sie bereits grundlegende biochemische Prozesse in der Natur beeinflussen. Viele Spurenstoffe sind persistent, also langlebig, und hochmobil \u2013 das hei\u00dft, sie werden kaum abgebaut, verbleiben im Wasserkreislauf und werden mit dem Wasserstrom weitertransportiert. Das birgt zwei Gefahren: Zum einen k\u00f6nnen sie sich in der Umwelt anreichern und zu chronischen Sch\u00e4den f\u00fchren. Zum anderen k\u00f6nnen sie lokal und tempor\u00e4r in hohen Konzentrationen akut toxisch wirken. Beispiele sind die Hemmung der Photosynthese durch Herbizide, Beeintr\u00e4chtigungen der Fortpflanzung bei Fischen durch Hormone oder Organsch\u00e4den durch Schmerzmittel. Auch S\u00fc\u00dfstoffe stehen im Verdacht, das Nervensystem von Fischen zu beeinflussen. Eintritt ins Trinkwasser ist m\u00f6glich \u2013 mit potenziellen Gesundheitsrisiken f\u00fcr den Menschen. Konventionelle Kl\u00e4ranlagen sind auf die Entfernung von Feststoffen, N\u00e4hrstoffen und organischer Substanz ausgelegt \u2013 nicht auf Spurenstoffe. Erst seit etwa 20 Jahren k\u00f6nnen wir Substanzen in so niedrigen Konzentrationen \u00fcberhaupt messen. Ab da wurde klar, dass die klassische Reinigung nicht ausreicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Sie untersuchen auch, woher diese Spurenstoffe stammen und wie sie sich in Fl\u00fcssen verteilen. Wie l\u00e4sst sich wissenschaftlich nachweisen, woher solche Mikroschadstoffe stammen, und welche Hauptquellen lassen sich heute identifizieren? Welche Rolle spielt Ihr StoffFLUSS-Simulationsmodell dabei?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Knerr: <\/strong>&nbsp;Der Haupteintragspfad f\u00fcr viele Spurenstoffe in Gew\u00e4sser sind kommunale Kl\u00e4ranlagen. Zwar erfolgt dort ein teilweiser Abbau \u2013 etwa biologisch, \u00fcber Sorption oder Verfl\u00fcchtigung \u2013, aber der ist nicht gezielt auf Spurenstoffe ausgerichtet. Je nach Stoffeigenschaft (z.\u202fB. Polarit\u00e4t, L\u00f6slichkeit, Sorptionsverhalten) werden die Stoffe sehr unterschiedlich gut entfernt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ibuprofen zum Beispiel wird sehr gut (&gt;90\u202f%) entfernt<\/li><li>Diclofenac dagegen nur schlecht (&lt;25\u202f%)<\/li><li>Das R\u00f6ntgenkontrastmittel Amidotrizoes\u00e4ure wird praktisch gar nicht eliminiert<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Deshalb sind Gew\u00e4sser einer dauerhaften Belastung ausgesetzt, und ein Gro\u00dfteil deutscher und europ\u00e4ischer Oberfl\u00e4chengew\u00e4sser weist eine hohe Spurenstoffkonzentration auf. Zur Quantifizierung setzen wir Monitoringprogramme ein. Diese sind aber punktuell und zeitlich begrenzt. Deshalb nutzen wir erg\u00e4nzend Modelle wie StoffFLUSS, ein Bilanzmodell, das ich entwickelt habe. Es berechnet f\u00fcr ganze Flusssysteme Herkunft, Verbreitung und Verbleib der Spurenstoffe.<br>Damit lassen sich verschiedene Ma\u00dfnahmen \u2013 etwa technische Ausbaustrategien oder auch demografische Ver\u00e4nderungen \u2013 simulieren und bewerten. Das Modell erm\u00f6glicht eine mittel- bis langfristige Absch\u00e4tzung von Gew\u00e4sserbelastungen und die Wirksamkeit von Ma\u00dfnahmenkombinationen \u00fcber einzelne Messstellen hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM:<\/strong> Zur Entfernung von Spurenstoffen in der vierten Reinigungsstufe setzen Kl\u00e4ranlagen heute vor allem auf Ozonung (chemische Oxidation) und Aktivkohle-Adsorption. Membranverfahren kommen hingegen selten zum Einsatz, da sie sehr kostenintensiv sind. Wie sch\u00e4tzen Sie die technologische Machbarkeit der vierten Reinigungsstufe ein? Welche Verfahren halten Sie f\u00fcr besonders vielversprechend, wo liegen ihre Grenzen \u2013 und wie geht man mit besonders hartn\u00e4ckigen Spurenstoffen um?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Knerr:<\/strong> Ozonung und Aktivkohle-Adsorption sind etablierte Verfahren zur gezielten Spurenstoffelimination. In Baden-W\u00fcrttemberg, NRW und der Schweiz sind bereits viele Kl\u00e4ranlagen mit diesen Verfahren ausgestattet. Beide Verfahren wirken breitbandig, also auf viele verschiedene Stoffe. Manche werden durch Oxidation besser entfernt (z.\u202fB. Diclofenac: 95\u202f%), andere besser adsorptiv (Diclofenac: ca. 80\u202f%). Insgesamt k\u00f6nnen beide Verfahren die in der EU-KARL geforderte mittlere Elimination von 80\u202f% sicherstellen. Beide Verfahren stammen urspr\u00fcnglich aus der Trinkwasseraufbereitung und sind langj\u00e4hrig erprobt. (DEKOM, 20.08.2025) <a href=\"https:\/\/bauing.rptu.de\/ags\/wir\/team\/leitung\/dr-ing-henning-knerr\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>\u00dcber das Institut WIR an der Rheinlandpf\u00e4lzischen technischen Universit\u00e4t Kaiserslautern:<\/u><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Institut Wasser Infrastruktur Ressourcen &#8211; WIR ist ein themenbezogener Zusammenschluss der Fachgebiete Siedlungswasserwirtschaft (SiWaWi), Ressourceneffiziente Abwasserbehandlung (rewa) und des Zentrums f\u00fcr Innovative Abwassertechnologien (tectraa) an der RPTU Kaiserslautern Landau e.V. \u00a0<a href=\"https:\/\/bauing.rptu.de\/ags\/wir\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spurenstoffe wie Arzneimittelr\u00fcckst\u00e4nde, R\u00f6ntgenkontrastmittel oder Pestizide gelten als zunehmende Herausforderung f\u00fcr Gew\u00e4sser- und Trinkwasserschutz. Die herk\u00f6mmliche Abwasserreinigung st\u00f6\u00dft hier an ihre Grenzen. 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