{"id":8796,"date":"2026-01-26T12:43:13","date_gmt":"2026-01-26T10:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=8796"},"modified":"2026-01-26T12:46:53","modified_gmt":"2026-01-26T10:46:53","slug":"infrastrukturumbau-strategie-schlaegt-budget","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/infrastrukturumbau-strategie-schlaegt-budget\/","title":{"rendered":"IRO 2026: Strategien f\u00fcr die Netze von morgen &#8211; Mike B\u00f6ge im Interview"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Bundesregierung hat den Umbau der Infrastruktur zur nationalen Priorit\u00e4t erkl\u00e4rt. Von H2-Ready-Leitungen bis zur Klimaresilienz sollen Milliarden in die Versorgungsnetze flie\u00dfen. Doch in der Branche l\u00f6sen diese Pl\u00e4ne gemischte Gef\u00fchle aus: W\u00e4hrend der Modernisierungsbedarf au\u00dfer Frage steht, erweisen sich fehlende Kapazit\u00e4ten in Planung und Tiefbau als das eigentliche Nadel\u00f6hr. Geld allein baut keine Leitungen. Im Vorfeld des 38. Oldenburger Rohrleitungsforums am 5. und 6. Februar \u2013 dem wichtigsten Treffpunkt der Branche direkt zum Jahresauftakt \u2013 sprechen wir mit Mike B\u00f6ge, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Instituts f\u00fcr Rohrleitungsbau (IRO), \u00fcber die Frage, wie der Netzausbau unter diesem massiven Ressourcendruck gelingt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DEKOM: Herr B\u00f6ge, das diesj\u00e4hrige Forum steht unter dem Motto \u201eAlt und Neu \u2013 Strategien f\u00fcr Netze von morgen\u201c. Wenn wir auf die aktuelle Lage blicken: Wie viel \u201eNeu\u201c vertragen unsere Netze momentan \u00fcberhaupt, w\u00e4hrend wir gleichzeitig mit Hochdruck daran arbeiten m\u00fcssen, dass \u201eAlt\u201c instand zu halten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mike B\u00f6ge:<\/strong> Die beschriebene Situation kann ich vollumf\u00e4nglich best\u00e4tigen. Unsere Netze stehen aktuell unter einem enormen Druck: Einerseits m\u00fcssen gro\u00dfe Teile der bestehenden Infrastruktur dringend instandgehalten werden, andererseits sollen sie gleichzeitig an neue Anforderungen angepasst oder sogar grundlegend erneuert werden. Dieses Spannungsfeld zwischen \u201aAlt\u2018 und \u201aNeu\u2018 pr\u00e4gt die aktuelle Lage der Branche sehr deutlich. Gleichzeitig sehe ich darin aber auch eine gro\u00dfe Chance. Die notwendigen Eingriffe in den Bestand bieten die M\u00f6glichkeit, unsere Netze gezielt auf die Auswirkungen des Klimawandels auszurichten \u2013 sei es im Hinblick auf Starkregen, Trockenperioden, ver\u00e4nderte Lasten oder neue Energietr\u00e4ger. Jeder Sanierungs- oder Erneuerungsschritt sollte deshalb strategisch bewertet werden: Was muss zwingend erhalten werden, was kann angepasst werden und wo ergibt sich sinnvollerweise die Gelegenheit zur Weiterentwicklung? Auf diese Weise k\u00f6nnen sich Priorit\u00e4ten durchaus verschieben, und Instandhaltung und Erneuerung wachsen st\u00e4rker zusammen. \u201aNeu\u2018 bedeutet dann nicht zwangsl\u00e4ufig mehr oder schneller zu bauen, sondern kl\u00fcger zu investieren \u2013 mit Blick auf langfristige Resilienz, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit. Genau diesen strategischen Ansatz wollen wir mit dem Leitthema des Forums bewusst in den Mittelpunkt stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Politik hat mit den massiven Ank\u00fcndigungen zum Infrastruktur-Umbau eine enorme Erwartungshaltung gesch\u00fcrt. Wie viel von diesem Aufbruch kommt operativ wirklich auf der Baustelle an, wenn die Ressourcen an allen Ecken fehlen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mike B\u00f6ge:<\/strong> Die Erwartungshaltung ist zweifellos enorm \u2013 operativ kommt davon auf der Baustelle derzeit aber nur begrenzt etwas an. Die Ressourcen fehlen an vielen Stellen: in den Kommunen, in der Planung, bei den Genehmigungsbeh\u00f6rden und im Tiefbau selbst. Gleichzeitig stehen L\u00e4nder und Kommunen vor einer Vielzahl weiterer Aufgaben, sodass die verf\u00fcgbaren Kapazit\u00e4ten stark fragmentiert sind. Insofern sind meine Erwartungen, was eine kurzfristige Wirkung angeht, eher verhalten. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist allerdings ein anderer Effekt: Die politischen Ank\u00fcndigungen haben das Thema Infrastruktur st\u00e4rker ins \u00f6ffentliche Bewusstsein ger\u00fcckt. Das f\u00fchrt zumindest zu mehr Verst\u00e4ndnis und Akzeptanz in der Gesellschaft f\u00fcr Bauaktivit\u00e4ten, Baustellen und notwendige Eingriffe in den \u00f6ffentlichen Raum. Auch das ist ein wichtiger Schritt, denn ohne gesellschaftliche Akzeptanz lassen sich Infrastrukturprojekte kaum umsetzen. Am Ende gilt aber: Ank\u00fcndigungen und Mittel allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, dass sie mit realistischen, kapazit\u00e4tsgerechten Strategien hinterlegt werden \u2013 sonst bleibt der Aufbruch vor allem ein politisches Signal und kommt nur verz\u00f6gert auf der Baustelle an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn das Kapital bereitsteht, aber Planer und Tiefbaubetriebe fehlen \u2013 wie verhindern wir, dass der Ausbau von Energie-, Wasser- und Datennetzen schlicht stecken bleibt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mike B\u00f6ge:<\/strong> Wenn Kapital verf\u00fcgbar ist, aber Planungs- und Ausf\u00fchrungskapazit\u00e4ten fehlen, m\u00fcssen wir unsere Strategien anpassen. Ein \u201aWeiter so\u2018 f\u00fchrt dann zwangsl\u00e4ufig dazu, dass Projekte ins Stocken geraten. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass Netzbetreiber st\u00e4rker integrativ denken und handeln. Konkret hei\u00dft das: Die einzelnen Sparten d\u00fcrfen nicht l\u00e4nger isoliert geplant werden. Energie-Wasser, Abwasser- und Datennetze m\u00fcssen deutlich besser aufeinander abgestimmt werden. Wenn Ma\u00dfnahmen koordiniert geplant und umgesetzt werden, lassen sich Synergien nutzen \u2013 etwa durch gemeinsames Bauen, abgestimmte Zeitpl\u00e4ne und eine effizientere Nutzung der vorhandenen Tiefbaukapazit\u00e4ten. So k\u00f6nnen Tiefbaukosten auf mehrere Netze verteilt, Bauzeiten verk\u00fcrzt und Belastungen f\u00fcr St\u00e4dte und Bev\u00f6lkerung reduziert werden. Integratives Vorgehen ist damit kein netter Nebeneffekt mehr, sondern eine wichtige Voraussetzung, um den Netzausbau unter begrenzten Ressourcen \u00fcberhaupt realisieren zu k\u00f6nnen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Braucht es jetzt den konsequenten Einsatz neuer Wege \u2013 etwa minimalinvasive Verlegungsverfahren oder Logistik-Innovationen wie die n\u00e4chtliche Baustellenbelieferung \u2013, um mit den vorhandenen Kapazit\u00e4ten mehr zu schaffen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mike B\u00f6ge:<\/strong> Neue Wege sind sicher ein wichtiger Baustein, um mit begrenzten Kapazit\u00e4ten mehr zu erreichen \u2013 aber sie sind kein Allheilmittel. Grabenlose und minimalinvasive Verlegeverfahren leisten bereits seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag und werden dort eingesetzt, wo sie technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Sie k\u00f6nnen Prozesse beschleunigen, Eingriffe reduzieren und den Verkehrsraum entlasten. Gleichzeitig gibt es auch hier klare technische und wirtschaftliche Grenzen, die man realistisch betrachten muss. Entscheidend ist aus meiner Sicht der integrative Einsatz solcher Verfahren. Gerade vor dem Hintergrund, dass vielerorts ohnehin Stra\u00dfen und Verkehrsfl\u00e4chen erneuert werden m\u00fcssen, sollten Infrastrukturma\u00dfnahmen besser geb\u00fcndelt und aufeinander abgestimmt werden. Das erh\u00f6ht die Effizienz deutlich mehr, als einzelne Verfahren isoliert zu optimieren. Dar\u00fcber hinaus lohnt auch der Blick auf \u00e4ltere, heute wieder aktuelle Ans\u00e4tze \u2013 etwa Infrastrukturkan\u00e4le, in denen unterschiedliche Leitungstr\u00e4ger gemeinsam gef\u00fchrt werden. Solche Konzepte wurden bereits fr\u00fcher, beispielsweise zu DDR-Zeiten, umgesetzt. Sie setzen allerdings voraus, dass die beteiligten Netzbetreiber bereit sind, gemeinsam zu planen, Nutzung und Zug\u00e4nglichkeit zu regeln und Verantwortung zu teilen. Wo das gelingt, k\u00f6nnen solche L\u00f6sungen langfristig Wartung, Ausbau und Betrieb deutlich erleichtern. Am Ende geht es also weniger um das einzelne Verfahren, sondern um das Zusammenspiel von Technik, Planung und Kooperation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was muss sich in der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Versorgern \u00e4ndern, damit wir Infrastruktur nicht mehr in kleinen Einzelgewerken, sondern als zusammenh\u00e4ngendes System \u201evon der Zukunft her\u201c denken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mike B\u00f6ge:<\/strong> Daf\u00fcr braucht es vor allem ein Umdenken in der Zusammenarbeit. Kommunen und Versorger m\u00fcssenInfrastruktur st\u00e4rker als zusammenh\u00e4ngendes Gesamtsystem begreifen und weniger in einzelnen Gewerken oder Spartenzust\u00e4ndigkeiten denken. Die heutigen Herausforderungen lassen sich nicht mehr isoliert l\u00f6sen. Konkret bedeutet das: Strategien sollten fr\u00fchzeitig gemeinsam entwickelt werden \u2013 \u00fcber Sparten, Zust\u00e4ndigkeiten und Planungshorizonte hinweg. Wenn Energie-, Wasser-, Abwasser- und Datennetze von Beginn an koordiniert geplant werden, lassen sich Synergien heben, Bauzeiten b\u00fcndeln und knappe Planungs- und Tiefbaukapazit\u00e4ten effizienter einsetzen. Dazu geh\u00f6rt auch eine st\u00e4rkere Transparenz \u00fcber Netzzust\u00e4nde, Ma\u00dfnahmenpl\u00e4ne und Investitionszyklen. Nur wenn alle Beteiligten wissen, was wann und wo geplant ist, kann koordiniertes Bauen gelingen. Digitale Werkzeuge und gemeinsame Datenmodelle k\u00f6nnen hier eine wichtige Grundlage schaffen. Von der Zukunft herdenken\u2018 hei\u00dft letztlich, nicht nur einzelne Ma\u00dfnahmen zu optimieren, sondern langfristige Zielbilder zu definieren: Wie sollen unsere Netze in 20 oder 30 Jahren funktionieren \u2013 und welche Schritte m\u00fcssen wir heute gemeinsam gehen, um dorthin zu kommen? Genau diese integrative Sichtweise wird entscheidend sein, um Infrastruktur unter den aktuellen Rahmenbedingungen \u00fcberhaupt noch leistungsf\u00e4hig weiterzuentwickeln. (DEKOM, 26.01.2026) <a href=\"https:\/\/www.iro-online.de\/38_oldenburger_rohrleitungsforum_2026_53.html\">Mehr Infos zum IRO 2026 hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung hat den Umbau der Infrastruktur zur nationalen Priorit\u00e4t erkl\u00e4rt. Von H2-Ready-Leitungen bis zur Klimaresilienz sollen Milliarden in die Versorgungsnetze flie\u00dfen. 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