{"id":9461,"date":"2026-08-17T10:49:10","date_gmt":"2026-08-17T08:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=9461"},"modified":"2026-08-17T10:49:10","modified_gmt":"2026-08-17T08:49:10","slug":"philippsburg-erst-das-netz-jetzt-der-netzanschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/philippsburg-erst-das-netz-jetzt-der-netzanschluss\/","title":{"rendered":"Philippsburg: Erst das Netz, jetzt der Netzanschluss"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Demission der Deutschen Glasfaser h\u00e4lt den Landkreis Karlsruhe seit Ende M\u00e4rz in Atem: Ausbauprojekte gestoppt, Zeitpl\u00e4ne offen, viele Kommunen ohne Perspektive f\u00fcr die kommenden Jahre. Anders zeigt sich die Situation in Philippsburg &#8211; dort wurde das Netz rechtzeitig fertiggestellt. B\u00fcrgermeister Stefan Martus hat die Vorvermarktung damals selbst betrieben und den Anbieter mit der Landkreisgesellschaft zusammengebracht. Im Gespr\u00e4ch mit dem DEKOM erkl\u00e4rt er, warum Open Access f\u00fcr ihn die Bedingung war, was das BGH-Urteil zur Vertragslaufzeit vor Ort ausgel\u00f6st hat und welche Rolle der Netzanschluss des fr\u00fcheren Kernkraftwerks heute bei der Ansiedlung eines Rechenzentrums spielt. Den Startpunkt des Projekts setzt Martus im eigenen Haus an. Die Akquise des eigenwirtschaftlichen Ausbaus mit der Deutschen Glasfaser habe bei ihm begonnen, sagt er. Der damals zust\u00e4ndige Mitarbeiter der Deutschen Glasfaser sei ihm aus dessen Zeit bei Kabel BW bekannt gewesen, weil dieser am ehemaligen Kernenergiestandort bereits Koaxialkabel verlegt hatte. Entscheidend war die n\u00e4chste Weichenstellung. \u201eIch habe gesagt, ich mache nichts Singul\u00e4res nur f\u00fcr Philippsburg, sondern wir machen das gemeinschaftlich, am besten landkreisweit\u201c, so der B\u00fcrgermeister. Er habe den Anbieter mit dem Landkreis zusammengebracht, wo die Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe GmbH bereits gegr\u00fcndet war. Deren kaufm\u00e4nnischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Ragnar Watteroth sei ihm von Beginn an wichtig gewesen, damit das Netz im Open Access entstehe. Das Kabel geh\u00f6re zwar der Deutschen Glasfaser, jeder andere Carrier d\u00fcrfe aber darauf zugreifen. In der Vorvermarktung zahlte sich das aus. Philippsburg war nach Darstellung des B\u00fcrgermeisters eine der ersten Gemeinden, die die 30-Prozent-Quote erreichte. Er selbst sei w\u00f6chentlich im Stadtanzeiger pr\u00e4sent gewesen und habe Vertr\u00e4ge eingeworben, bis der Vollausbau tragf\u00e4hig war. Ganz fertig ist die Stadt trotzdem noch nicht. Vor einzelnen Hausw\u00e4nden schauen weiterhin R\u00f6hrchen aus dem Gehweg, in die keine Faser eingeblasen ist. Betroffen sind nach Angaben von Martus jene Grundst\u00fccke, deren Eigent\u00fcmer nicht rechtzeitig festgelegt hatten, wo im Haus der \u00dcbergabepunkt sitzen soll bzw. die Tiefbaumitarbeiter nur wenig Deutsch verstanden haben. Er gehe davon aus, dass der Anbieter diese Anschl\u00fcsse noch fertigstelle, schlie\u00dflich seien die Investitionen im Boden bereits get\u00e4tigt und m\u00fcssen nun Geld verdienen. F\u00fcr Verwaltungen ist das ein Punkt, den es schriftlich zu fixieren lohnt, denn Restarbeiten dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung geraten erfahrungsgem\u00e4\u00df als Erstes in Vergessenheit. F\u00fcr Unruhe sorgte zuletzt weniger der Tiefbau als die Rechtsprechung. Der Bundesgerichtshof hat am 8. Januar 2026 entschieden, dass die Mindestvertragslaufzeit bei Glasfaservertr\u00e4gen mit dem Vertragsschluss beginnt und nicht erst mit der Freischaltung des Anschlusses. Klauseln, die den Fristbeginn auf die technische Aktivierung legen, sind damit unwirksam. Im Mai best\u00e4tigte das Landgericht Bochum diese Linie in einem Anerkenntnisurteil gegen die Deutsche Glasfaser Wholesale GmbH. In Philippsburg schlug das unmittelbar durch. Als das Signal auf der Leitung war, seien die zwei Jahre l\u00e4ngst abgelaufen gewesen, schildert Martus. Entsprechend viele h\u00e4tten gek\u00fcndigt. Aufgefangen hat das ausgerechnet die Konstruktion, auf die er vor Jahren bestanden hatte. Weil 1&amp;1 als Anbieter auf dem Netz nun auch verf\u00fcgbar war, wechselten viele nicht aus dem Glasfasernetz heraus, sondern innerhalb des Netzes zur\u00fcck zu ihrem fr\u00fcheren Anbieter. Die Telekom pr\u00fcfe einen Einstieg ebenfalls, dort seien allerdings noch technische Fragen offen, weil das Netz Internet erst ab dem IPv6-Protokoll anbiete und viele Bestandskunden mit \u00e4lteren Firewalls auf IPv4 angewiesen seien. Die Gewerbe- und Industriegebiete wurden ohnehin \u00fcber einen anderen Weg erschlossen, n\u00e4mlich \u00fcber die Landkreisgesellschaft und deren Auftragnehmer. Martus war dort bereits seit 2009 in die Anbindung involviert, damals noch mit Fiber-to-the-Curb der Telekom und sp\u00e4ter \u00fcber die Landkreisgesellschaft mit Glasfaser bis ins Haus (FTTH). Zwei parallele Ausbaupfade, die sich in Philippsburg erg\u00e4nzt haben statt sich zu \u00fcberbauen. Dar\u00fcber hinaus sind 2009 beide Stadtteile mit FTTC angebunden worden.\u00a0 F\u00fcr die wirtschaftliche Zukunft der Stadt ist inzwischen eine andere Infrastruktur ma\u00dfgeblich. Auf dem ehemaligen Goodyear-Gel\u00e4nde im Industriepark plant die Wirth Gruppe aus Wagh\u00e4usel unter dem Namen Engrida einen Rechenzentrumscampus, dem der Gemeinderat im Juni einstimmig zugestimmt hat. F\u00fcr das Areal liegt eine Netzzusage der TransnetBW \u00fcber 707 Megawatt Bezugsleistung und 247 Megawatt Einspeiseleistung vor, angeschlossen \u00fcber die bestehende 380-kV-Schaltanlage am Standort. Martus rechnet vor, was das bedeutet. Installierbar w\u00e4re nach seiner Darstellung ein Datacenter mit 600 Megawatt IT-Load. Legt man branchen\u00fcbliche 13 Millionen Euro je Megawatt f\u00fcr die Baulichkeiten ohne Server zugrunde, komme man auf ein Bauvolumen zwischen 7,8 und 9 Milliarden Euro. Rund 16 Hektar umfasst die Fl\u00e4che, zehn weitere stehen als Erweiterung bereit. Gepuffert werden soll die Energie \u00fcber eine Batterie in der Gr\u00f6\u00dfenordnung der Einspeiseleistung. Dass der Standort diese Kapazit\u00e4ten \u00fcberhaupt bieten kann, ist ein Erbe des Kernkraftwerks. Nach dem R\u00fcckbau entstand auf der Rheinschanzinsel der Konverter der Gleichstromtrasse Ultranet, die Windstrom aus dem Norden nach Baden-W\u00fcrttemberg transportiert. Die EnBW errichtet dort zudem einen Batteriespeicher mit 400 Megawatt Leistung und 800 Megawattstunden Kapazit\u00e4t. F\u00fcr die Datenanbindung gro\u00dfer Rechenzentren spielt das Ortsnetz nach Einsch\u00e4tzung des B\u00fcrgermeisters praktisch keine Rolle, weil die EnBW \u00fcber die NetCom Lichtwellenleiter direkt auf den H\u00f6chstspannungsleitungen f\u00fchrt, die von Philippsburg aus in einen gro\u00dfen Internetknoten in Frankfurt laufen. Entlang der Bahnlinie verl\u00e4uft eine weitere leistungsf\u00e4hige Trasse. Bemerkenswert ist weniger das Projekt selbst als die Art, wie die Stadt hineingeht. Ein Batteriespeicher braucht nach Darstellung von Martus keine breite Datenleitung, sondern nur eine schnelle f\u00fcr den Viertelstundentakt, und die lasse sich \u00fcber das vorhandene Glasfasernetz abbilden. Im Mittel- und Hochspannungsnetz hat er s\u00e4mtliche Speicheranfragen abgelehnt, weil diese Ebene an der Kapazit\u00e4tsgrenze arbeitet. An erster Stelle st\u00fcnden f\u00fcr ihn Arbeitspl\u00e4tze, danach die Einspeisung erneuerbarer Energien. Speicher k\u00e4men zuletzt. Die Leitungsf\u00fchrung vom Campus zum Anschlusspunkt auf der Rheinschanzinsel verl\u00e4uft ausschlie\u00dflich \u00fcber st\u00e4dtisches Gel\u00e4nde. Daf\u00fcr wird eine Nutzungsentsch\u00e4digung f\u00e4llig, deren H\u00f6he sich an der installierten IT-Load bemisst. Die Abw\u00e4rme m\u00fcssen die Betreiber vollst\u00e4ndig zur Verf\u00fcgung stellen, und Martus will sich die Abnahme zus\u00e4tzlich verg\u00fcten lassen, weil den Betreibern damit eine teure R\u00fcckk\u00fchlung erspart bleibt. Darauf soll ein W\u00e4rmenetz aufbauen. Die Gewerbesteuer will er sich, wenn es nicht anders geht, \u00fcber eine Mindestaussch\u00fcttung aus einem Fonds absichern. \u201eWer den Niedergang von Goodyear in Philippsburg miterlebt hat, wei\u00df, wie amerikanische Konzerne ticken\u201c, sagt er mit Blick auf die Verhandlungen. Im Gespr\u00e4ch ist die Stadt derzeit mit Amerikanern sowie mit deutschen und Schweizer Anbietern. Gesucht wird nach seinen Worten das bestm\u00f6gliche Konzept f\u00fcr den Industriestandort Deutschland, was BSI-Konformit\u00e4t, europ\u00e4ische Datenstandards sowie Datensouver\u00e4nit\u00e4t und Datenintegrit\u00e4t einschlie\u00dfe. Dass sich das durchsetzen l\u00e4sst, hat einen n\u00fcchternen Grund. Philippsburg bringt zwei Dinge mit, die eine Kommune in eine Verhandlungsposition bringen: ein Netz, dessen Vorvermarktung die Stadt selbst betrieben hat, und eine Anschlusskapazit\u00e4t, die das stillgelegte Kraftwerk hinterlassen hat. Aus dem Standort selbst folgt daraus noch nichts. Was daraus wird, entscheidet sich an den Bedingungen, die die Stadt an ihre Fl\u00e4che, ihre Trassen und ihre Abw\u00e4rme kn\u00fcpft. (DEKOM, 17.08.2026) <a href=\"https:\/\/www.philippsburg.de\/index.php\/wirtschaftsstandort.html\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Demission der Deutschen Glasfaser h\u00e4lt den Landkreis Karlsruhe seit Ende M\u00e4rz in Atem: Ausbauprojekte gestoppt, Zeitpl\u00e4ne offen, viele Kommunen ohne Perspektive f\u00fcr die kommenden Jahre. Anders zeigt sich die Situation in Philippsburg &#8211; dort wurde das Netz rechtzeitig fertiggestellt. 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