{"id":9486,"date":"2026-09-01T10:24:45","date_gmt":"2026-09-01T08:24:45","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=9486"},"modified":"2026-09-01T10:24:45","modified_gmt":"2026-09-01T08:24:45","slug":"wertstoffhoefe-zwischen-duenner-personaldecke-und-fehlenden-stoffstromdaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/wertstoffhoefe-zwischen-duenner-personaldecke-und-fehlenden-stoffstromdaten\/","title":{"rendered":"Wertstoffh\u00f6fe zwischen d\u00fcnner Personaldecke und fehlenden Stoffstromdaten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rohstoffsicherheit ist binnen weniger Jahre von einer \u00f6kologischen zu einer wirtschaftspolitischen Frage geworden. Wer Sekund\u00e4rrohstoffe im Land halten will, muss sie zuerst sauber erfassen, und ein erheblicher Teil dieser Erfassung findet nicht in der Industrie statt, sondern an der Rampe des \u00f6rtlichen Wertstoffhofs. Anfang Juni hat das Bundeskabinett das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie beschlossen, zw\u00f6lf Ma\u00dfnahmen bis Ende 2027 und 260 Millionen Euro bis 2029, aus Sicht mehrerer Fachverb\u00e4nde zu wenig Verbindliches f\u00fcr einen Umbau dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung. J\u00f6rg Boland, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Gesellschafter der <a href=\"https:\/\/www.sensis.de\/\">sensis GmbH<\/a> aus Viersen, deren Branchensoftware TRAS seit zwei Jahrzehnten in kommunalen und gewerblichen Entsorgungsbetrieben l\u00e4uft, sieht den entscheidenden Hebel deshalb weniger in Berlin als an der Waage vor Ort. Wer wisse, was in welcher Menge und Qualit\u00e4t angeliefert werde, k\u00f6nne Stoffstr\u00f6me \u00fcberhaupt erst steuern. Und wer den Hof zugleich technisch autonom betreibe, gewinne \u00d6ffnungszeiten, ohne die Personalkosten im gleichen Takt mitwachsen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wertstoffhof geh\u00f6rt zu den meistgenutzten Einrichtungen der \u00f6rtlichen Daseinsvorsorge und gleichzeitig zu den am schlechtesten verf\u00fcgbaren. In l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Gebieten stehen den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern vielerorts nur wenige Stunden an drei Tagen in der Woche zur Verf\u00fcgung, meist innerhalb der eigenen Arbeitszeit. Wer berufst\u00e4tig ist, dr\u00e4ngt sich am Samstagvormittag, und genau dort entstehen die Warteschlangen, \u00fcber die anschlie\u00dfend im Rat gesprochen wird. Der Betrieb steckt dabei in aller Regel in der Grundgeb\u00fchr, und die ist zum Jahresbeginn 2026 in zahlreichen Kreisen und St\u00e4dten sp\u00fcrbar gestiegen. Als Gr\u00fcnde nennen die Tr\u00e4ger \u00fcbereinstimmend h\u00f6here Personal-, Energie-, Transport- und Entsorgungskosten, r\u00fcckl\u00e4ufige Erl\u00f6se aus der Altpapierverwertung sowie die weiter steigende CO\u2082-Bepreisung. Hinzu kommt seit dem 1. Januar eine versch\u00e4rfte Sortierpflicht bei Elektroaltger\u00e4ten, die wegen der Brandgefahr durch Lithium-Akkus ausdr\u00fccklich Personal am Beh\u00e4lter bindet. Der Fachkr\u00e4ftemangel wirkt damit an einer Stelle, an der er unmittelbar sichtbar wird, n\u00e4mlich an der geschlossenen Schranke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Boland beschreibt einen Ausweg, der aus Tirol kommt. Die <a href=\"https:\/\/www.wiegon.at\/de\/\">wiegon GmbH<\/a> aus Landeck hat f\u00fcr die Gemeinde Ischgl im Herbst 2022 einen vollst\u00e4ndig digitalisierten Recyclinghof errichtet, rund 2.600 Quadratmeter, etwa 40.000 Zutritte im Jahr, betrieben in einer Mischform aus bedienten Zeiten und autonomer Abgabe. Die Identifikation erfolgt \u00fcber Kennzeichenerkennung oder App, Schranken und Ampeln lenken die Zufahrt, Wiegeterminals erfassen die Anlieferung, Kameras dokumentieren das Gel\u00e4nde, und die Abrechnung l\u00e4uft bargeldlos \u00fcber ein digitales Kundenkonto oder den Geb\u00fchrenbescheid. Im M\u00e4rz vergangenen Jahres hat sensis mit den Tirolern die gemeinsame Gesellschaft sensis+wiegon gegr\u00fcndet, um dieses Konzept in Deutschland anzubieten. Die Rollenteilung ist dabei klar. Aus \u00d6sterreich kommt die erprobte Automatisierungstechnik, aus Viersen kommen die abfallwirtschaftlichen Prozesse und der Zugang zu den deutschen Betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wirkung, die Boland aus dem laufenden \u00f6sterreichischen Betrieb berichtet, ist f\u00fcr die hiesige Geb\u00fchrendiskussion die eigentlich interessante Botschaft. Es komme mehr Material an, es komme besser sortiert an, und der Hof verschmutze weniger. Der Grund daf\u00fcr liegt weniger in der Technik als im Verhalten. \u201eWeil er wei\u00df, man hat Kameras dort, wir k\u00f6nnen Fehlw\u00fcrfe detektieren, auch mit KI unterst\u00fctzt&#8220;, sagt Boland und erz\u00e4hlt von einem Anlieferer, dem auf dem Weg zur Rampe Bauschutt aus dem Anh\u00e4nger fiel und der sich daraufhin unaufgefordert einen Besen holte. Die l\u00e4ngeren Zeiten wiederum verteilen den Andrang, weil die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber die App sehen, wie voll der Hof gerade ist. Dass diese Beobachtungen bislang aus Tirol und Vorarlberg stammen und nicht aus deutschen Anlagen, benennt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von sich aus. In Deutschland stehe man mit den ersten beiden Kunden am Anfang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bemerkenswert ist, wo das Konzept auf Resonanz st\u00f6\u00dft. Nicht in den gro\u00dfen St\u00e4dten, sondern in den Landkreisen. Dort seien die \u00d6ffnungszeiten am knappsten und der Personaldruck am gr\u00f6\u00dften, w\u00e4hrend gr\u00f6\u00dfere H\u00e4user ihre Leute ohnehin f\u00fcr den eigenen Gewerbebetrieb vorhalten und die Kosten deshalb als gegeben behandeln. Rund ein Viertel der deutschen Landkreise habe man mittlerweile angesprochen, sagt Boland, aus Gespr\u00e4chen seien bislang zwei Gro\u00dfprojekte f\u00fcr Landkreise mit jeweils \u00fcber 300.000 Einwohnern und in Summe gut zwei Dutzend Wertstoffh\u00f6fen geworden. F\u00fcr kommunale Entscheidungstr\u00e4ger ist das eine ehrliche und zugleich brauchbare Information. Wer jetzt einsteigt, gestaltet die Anforderungen mit, statt sie sp\u00e4ter von einem eingeschwungenen Markt \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde sei ohnehin nicht die Technik, sondern die Datenlage. Viele Betriebe w\u00fcssten erstaunlich wenig dar\u00fcber, was tats\u00e4chlich \u00fcber ihre H\u00f6fe l\u00e4uft, in welchen Mengen und in welcher Qualit\u00e4t. Solange das so bleibe, sei ein wirtschaftlich tragf\u00e4higer Kreislauf vor Ort kaum planbar. Als zweites Hemmnis nennt Boland historisch gewachsene Insell\u00f6sungen f\u00fcr Fahrzeuge, Waage, Abrechnung und B\u00fcrgerservice, die nicht miteinander sprechen, und als drittes den fehlenden politischen R\u00fcckenwind f\u00fcr Investitionen, deren Nutzen erst in der \u00fcbern\u00e4chsten Geb\u00fchrenkalkulation sichtbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die eigene Planung lassen sich daraus zwei Wege ablesen. Der eine beginnt klein, mit Zutrittskontrolle und Erfassung an einer bestehenden Anlage, weil die Systeme modular aufgebaut sind und ein Neubau nicht die Voraussetzung ist. Der andere denkt vom Ziel her, also von der Frage, welche \u00d6ffnungszeiten die B\u00fcrgerschaft k\u00fcnftig erwartet und mit welcher Personalausstattung sich das darstellen l\u00e4sst. Als n\u00e4chste Ausbaustufen k\u00fcndigt Boland die Vernetzung mehrerer Standorte zu einem digitalen Anlieferungsnetzwerk an, dazu die digitale Brandfr\u00fcherkennung, die Einbindung der Schadstoffannahme und eine digitale Re-Use-Abgabe. Bis aus einer ersten Idee eine Inbetriebnahme wird, vergeht nach seiner Erfahrung ein gutes St\u00fcck Zeit. Wer die Debatte im Kreistag erst f\u00fchrt, wenn die n\u00e4chste Geb\u00fchrenerh\u00f6hung ansteht, beginnt sie zu sp\u00e4t. (DEKOM, 01.09.2026) <a href=\"https:\/\/www.sensis.de\/geschaeftsbereiche\/kommunale-abfallwirtschaftssoftware\">Mehr Infos hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rohstoffsicherheit ist binnen weniger Jahre von einer \u00f6kologischen zu einer wirtschaftspolitischen Frage geworden. 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