{"id":9565,"date":"2026-09-28T12:00:02","date_gmt":"2026-09-28T10:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=9565"},"modified":"2026-09-28T15:57:56","modified_gmt":"2026-09-28T13:57:56","slug":"industriestandorte-ohne-industrie-wie-kommunen-mit-dem-verlust-grosser-arbeitgeber-umgehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/industriestandorte-ohne-industrie-wie-kommunen-mit-dem-verlust-grosser-arbeitgeber-umgehen\/","title":{"rendered":"Industriestandorte ohne Industrie \u2014 wie Kommunen mit dem Verlust gro\u00dfer Arbeitgeber umgehen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quer durch Deutschland verlieren St\u00e4dte und Gemeinden industrielle Kernbetriebe \u2014 durch Insolvenz, Produktionsverlagerung oder Stilllegung. Zur\u00fcck bleiben ein Gewerbesteuerausfall, der die Haushaltsplanung \u00fcber Jahre belastet, ein Areal mit ungekl\u00e4rter Nachnutzung und eine Netzanschlusskapazit\u00e4t, f\u00fcr die kein Abnehmer mehr da ist. Das Muster wiederholt sich von der Papierindustrie in Schleswig-Holstein \u00fcber die Zementproduktion in Nordrhein-Westfalen bis zur Fluorchemie am Neckar und gescheiterten Gro\u00dfprojekten im Saarland. Die Kommunen stehen dabei vor einem strukturellen Dilemma, denn sie tragen die wirtschaftlichen Folgen, verf\u00fcgen aber in der Regel weder \u00fcber die Fl\u00e4chen noch \u00fcber die Entscheidungsgewalt \u00fcber deren Nachnutzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zeigt sich in V\u00f6lklingen besonders deutlich. Am Standort Fenne war mit dem \u201eHydroHub&#8220; ein Wasserstoff-Elektrolyseprojekt bewilligt, das im Zusammenspiel mit der Gr\u00fcnstahlproduktion bundesweite Strahlkraft h\u00e4tte entfalten k\u00f6nnen. Es kam nicht. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien nach Angaben der Projektbeteiligten ausschlaggebend gewesen, teilte die Stadt auf Anfrage mit. Die Kommune sei weder Projekttr\u00e4gerin gewesen noch habe sie Einfluss auf die Umsetzung gehabt. Auf die Frage, ob die vorhandene Anschlussinfrastruktur etwa f\u00fcr Batteriespeicher genutzt werden k\u00f6nnte, deren Gewerbesteuer seit 2025 zu 90 Prozent in der Standortgemeinde verbleibt, verwies die Stadt auf die Verantwortung der Eigent\u00fcmer und Investoren. Grunds\u00e4tzlich bleibe Fenne aufgrund seiner Infrastruktur ein attraktiver Standort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im baden-w\u00fcrttembergischen Bad Wimpfen stellt Solvay bis Ende 2026 die Produktion von TFA, Fluorwasserstoff und weiteren Anorganika ein, rund 100 Arbeitspl\u00e4tze fallen weg. Der Standort war der einzige Produktionsstandort f\u00fcr diese Stoffe in Europa. K\u00e4mmerer Alexander Kempf best\u00e4tigte auf Anfrage, dass Solvay ein wichtiger Arbeitgeber und einer der gro\u00dfen Gewerbesteuerzahler der Stadt sei. Das Produktionsende sei f\u00fcr Bad Wimpfen ein Verlust. Auf die Frage nach der Nachnutzung frei werdender Fl\u00e4chen f\u00fcr Batteriespeicher antwortete Kempf, dies sei grunds\u00e4tzlich vorstellbar. Allerdings habe die Stadt keinen Zugriff auf die Fl\u00e4chen. Weite Teile der Produktionsanlagen seien nur stillgelegt und nicht zur\u00fcckgebaut worden, gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4chen st\u00fcnden daher nicht zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr die Zukunft industrieller Standorte im l\u00e4ndlichen Baden-W\u00fcrttemberg nannte Kempf bessere Stra\u00dfen- und \u00d6PNV-Infrastruktur, geringere Energiekosten, qualifizierte Arbeitnehmer und verbindliche gesetzliche Vorgaben als entscheidende Faktoren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Tornesch im Kreis Pinneberg schloss die Papierfabrik Meldorf Ende 2024, 133 Arbeitspl\u00e4tze fielen weg. In der Nachbarstadt Uetersen stellte die Feldmuehle ein Jahr sp\u00e4ter die Produktion ein, weitere knapp 200 Besch\u00e4ftigte verloren ihren Arbeitsplatz. Auf dem 3,8 Hektar gro\u00dfen Tornescher Areal, das \u00fcber einen Starkstromanschluss verf\u00fcgt, entsteht inzwischen ein Wohnquartier mit 176 Wohnungen. Die Stadt unter B\u00fcrgermeister Christopher Radon hat damit eine Nachnutzungsentscheidung getroffen, die den industriellen Charakter des Standorts beendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Paderborn hat Heidelberg Materials im M\u00e4rz 2026 den kleinsten Drehofen im Konzern stillgelegt, 53 Besch\u00e4ftigte waren betroffen. Steinbruch und Transportbetonwerk laufen am Standort weiter. B\u00fcrgermeister Michael Dreier sieht die Entscheidung weder als reinen Einzelfall noch als Vorboten einer Deindustrialisierung. Das Produkt habe keinen Absatzmarkt mehr gefunden und werde daher nicht mehr hergestellt. Das Werk habe \u00fcber 100 Jahre lang das industrielle Gesicht der Stadt gepr\u00e4gt, dieser Verlust wiege emotional schwerer als rein statistische Zahlen. Positiv sei, dass der Konzern in Abstimmung mit dem Betriebsrat Perspektiven und Arbeitspl\u00e4tze in anderen Werken wie Geseke oder Ennigerloh anbiete. Die Nachnutzung der Fl\u00e4che liegt zun\u00e4chst beim Eigent\u00fcmer. Dreier betonte, dass Industriefl\u00e4chen im Stadtgebiet rar seien und die Stadt gro\u00dfes Interesse habe, sie einer neuen Nutzung zuzuf\u00fchren. Da das Areal bereits als Industriegebiet \u00fcberplant sei, w\u00e4ren gewerbliche Folgenutzungen planungsrechtlich sofort zul\u00e4ssig. Die Nutzung der bestehenden Netzinfrastruktur am stillgelegten Ofen f\u00fcr Gro\u00dfbatteriespeicher nannte Dreier eine \u00e4u\u00dferst interessante und zukunftsweisende Option, die auf das kommunale Ziel der Klimaneutralit\u00e4t einzahle und der Standortgemeinde durch die Neuregelung nach \u00a7 29 GewStG dauerhaft erhebliche Gewerbesteuereinnahmen sichere. Zun\u00e4chst m\u00fcsse aber Heidelberg Materials entscheiden, wie es mit seinen Fl\u00e4chen umgehen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sich an diesen F\u00e4llen ablesen l\u00e4sst, ist ein wiederkehrendes Muster kommunaler Machtlosigkeit gegen\u00fcber privatwirtschaftlichen Standortentscheidungen. In keinem der F\u00e4lle war die Stadt Eigent\u00fcmerin des Areals oder Betreiberin des Betriebs. In allen F\u00e4llen verf\u00fcgt der Standort \u00fcber eine gewachsene Netzinfrastruktur, die mit dem Ende des Betriebs frei wird oder umgewidmet werden muss. Die Frage der Nachnutzung entscheidet sich jeweils in einem engen Zeitfenster, in dem die Kommune zwischen Planungshoheit und fehlendem Fl\u00e4chenzugriff abw\u00e4gen muss. Wer die frei werdende Kapazit\u00e4t nicht aktiv bewirtschaftet, gibt sie faktisch an den Netzbetreiber zur\u00fcck \u2014 und verliert damit ein Standortargument, das angesichts der bundesweiten Knappheit an Netzanschlusskapazit\u00e4t so wertvoll ist wie seit Jahrzehnten nicht. (DEKOM, 28.09.2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quer durch Deutschland verlieren St\u00e4dte und Gemeinden industrielle Kernbetriebe \u2014 durch Insolvenz, Produktionsverlagerung oder Stilllegung. Zur\u00fcck bleiben ein Gewerbesteuerausfall, der die Haushaltsplanung \u00fcber Jahre belastet, ein Areal mit ungekl\u00e4rter Nachnutzung und eine Netzanschlusskapazit\u00e4t, f\u00fcr die kein Abnehmer mehr da ist. 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