{"id":9638,"date":"2026-10-19T12:30:22","date_gmt":"2026-10-19T10:30:22","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=9638"},"modified":"2026-10-19T12:30:22","modified_gmt":"2026-10-19T10:30:22","slug":"boehlen-vor-dem-ende-des-dow-crackers-buergermeister-berndt-zu-flaechen-netzanschluessen-und-batteriespeichern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/boehlen-vor-dem-ende-des-dow-crackers-buergermeister-berndt-zu-flaechen-netzanschluessen-und-batteriespeichern\/","title":{"rendered":"B\u00f6hlen vor dem Ende des Dow-Crackers \u2013 B\u00fcrgermeister Berndt zu Fl\u00e4chen, Netzanschl\u00fcssen und Batteriespeichern"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo ein Industriestandort schlie\u00dft, bleiben Fl\u00e4chen mit Netzanschl\u00fcssen zur\u00fcck und ein Haushalt, der die wegfallenden Einnahmen verkraften muss. Zugleich stehen in vielen Rath\u00e4usern Projektentwickler f\u00fcr Batteriespeicher und Rechenzentren vor der T\u00fcr, h\u00e4ufig mit gro\u00dfen Verdienstversprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In B\u00f6hlen s\u00fcdlich von Leipzig trifft beides zusammen. Der US-Konzern Dow will seinen Ethylen-Cracker im vierten Quartal 2027 stilllegen. B\u00fcrgermeister Dietmar Berndt verweist auf rund 500 direkte Industriearbeitspl\u00e4tze, die daran h\u00e4ngen, und auf inoffiziell mehrere tausend Stellen bei Dienstleistern von der Werkfeuerwehr bis zur Instandhaltung. Eine Anilin-Anlage und einige kleinere Anlagen blieben am Standort. Nach dem letzten Stand, den Berndt kennt, solle das Gel\u00e4nde \u00e4hnlich wie in Leuna \u00fcber eine Betreibergesellschaft an Nachfolgeindustrien vermarktet werden. Auch mit dem s\u00e4chsischen Wirtschaftsminister gebe es Gespr\u00e4che \u00fcber Folgenutzungen, die Beteiligten hielten sich aber noch bedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Berndt ist der Einschnitt ein weiteres Kapitel einer langen Geschichte. \u201eWir leben seit 100 Jahren im Strukturwandel\u201d, sagt der B\u00fcrgermeister. Das Industriegebiet B\u00f6hlen-Lippendorf liegt zum gro\u00dfen Teil auf den Gemarkungen der Nachbarorte Neukieritzsch und Zwenkau, tr\u00e4gt aber den Namen B\u00f6hlen. Es wuchs mit der Braunkohle und der darauf aufbauenden Chemie, die in den 1970er Jahren auf Petrochemie umgestellt wurde. Zu DDR-Zeiten arbeiteten nach Berndts Schilderung rund 8.000 Menschen im Werk, heute seien es im gesamten Industriegebiet etwa 2.000. Das Kraftwerk Lippendorf k\u00f6nnte nach heutiger Gesetzeslage mit 1,8 Gigawatt installierter Leistung noch bis 2035 Strom aus Braunkohle erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer einen solchen Standort verantwortet, bekommt Besuch. Er habe jeden Tag Leute im Haus, die Energieanlagen oder Rechenzentren bauen wollen, berichtet Berndt. Beim Thema Batteriespeicher ordnet der B\u00fcrgermeister, der selbst Elektroingenieur ist, n\u00fcchtern ein. \u201eEs ist so eine Netzsache, wo die Netzbetreiber die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammenschlagen, weil jeder Batteriespeicher bauen will und das eigentlich nur ein Stromhandel ist.\u201d Was die Netzbetreiber br\u00e4uchten, sei Netzst\u00fctzung und Netzausbalancierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freie Netzanschlusskapazit\u00e4t f\u00fcr ein Rechenzentrum bejaht Berndt. B\u00f6hlen sei wegen des Kraftwerks ein Netzknotenpunkt, auf dem gewaltige Leistungen hin und her fl\u00f6ssen, und der Netzausbau werde vorangetrieben. Dass Netzkontingente inzwischen zentral \u00fcber die Netzbetreiber in einem qualifizierten Verfahren statt nach dem Windhundprinzip vergeben werden, komme der Stadt zugute. Das Verfahren koste viel Geld und halte Gl\u00fccksritter fern, und wer viel investiert habe, treibe sein Projekt auch voran. Aktuell liege eine Anfrage f\u00fcr ein Rechenzentrum der Hyperscaler-Klasse auf der Gemarkung vor. Ob der Projektentwickler nur Fl\u00e4chen sichern wolle, wisse die Stadt nicht. Er stecke noch im Vergabeverfahren f\u00fcr den Netzanschluss, bei einem Zuschlag werde sich die Stadt n\u00e4her auf ihn einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Begehrt sind aus Berndts Sicht die ehemaligen Industriefl\u00e4chen und die Bergbaufolgefl\u00e4chen ringsum, die heute landwirtschaftlich genutzt werden. Dort ging vor zwei bis drei Jahren ein Solarpark mit 540 Hektar ans Netz, den der B\u00fcrgermeister f\u00fcr die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Photovoltaikanlage Deutschlands h\u00e4lt. Eine weitere Belegung mit Solarmodulen und Windr\u00e4dern m\u00f6chte er nach den Jahren des Tagebaus weitestgehend vermeiden bzw. nur an Stellen ohne negative Auswirkungen auf die Siedlungsbereiche, die Umwelt und zuk\u00fcnftige Entwicklungen, wie z.B. den Tourismus, sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Gro\u00dfindustrie direkt hat B\u00f6hlen finanziell bislang wenig gehabt, weil der Betriebsteil des Werks in der Nachbarstadt Neukieritzsch angemeldet ist und die Gewerbesteuer dorthin floss. \u201eWir hatten noch nie was von diesen gro\u00dfen Gewerbeeinnahmen. Wir leben von den kleinen\u201d, sagt Berndt. Zu den Zahlern geh\u00f6ren kleinere Betriebe im Umfeld des Kraftwerks, etwa ein Werk, das aus den Abgasen Gips gewinnt und daraus Gipsplatten fertigt. Dennoch ist die Industrie das wertsch\u00f6pfende Element f\u00fcr die Region. Der Projektentwickler des Rechenzentrums biete eine Stiftung an, in die er einmalig Kapital einzahle und aus deren Ertr\u00e4gen freiwillige Aufgaben der Stadt bezahlt werden k\u00f6nnten. Bei der Solaranlage laufe ein \u00e4hnliches Modell mit j\u00e4hrlichen Einzahlungen. Das schmecke ihm noch nicht ganz, sagt Berndt. Lieber w\u00e4re ihm ein Betreiber, der seinen Firmensitz in B\u00f6hlen anmeldet und die Gewerbesteuer direkt vor Ort zahlt. Ein Rechenzentrum sieht er zudem als Startpunkt f\u00fcr weitere Ansiedlungen, und dessen Abw\u00e4rme w\u00fcrde die Stadt gern in ihr Fernw\u00e4rmenetz einbinden, sofern das technisch m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles managt die Stadt im Moment relativ allein, berichtet Berndt. Unterst\u00fctzung bietet eine kommunale Strukturentwicklungsgesellschaft, die urspr\u00fcnglich Mittel aus dem Kohleausstieg in den Strukturwandel lenken sollte und nun auch solche Aufgaben \u00fcbernimmt. \u00dcber sie bestehen Kontakte zu B\u00fcrgermeistern im Lausitzer und im Rheinischen Revier. Von der Landesregierung f\u00fchle er sich teilweise allein gelassen. Bei Rechenzentren dieser Gr\u00f6\u00dfe vermisse er eine zentrale Linie dazu, wo im mitteldeutschen Raum solche Standorte erw\u00fcnscht sind und wo nicht. (DEKOM, 19.10.2026) <a href=\"https:\/\/www.stadt-boehlen.de\/\">Mehr Infos hier&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo ein Industriestandort schlie\u00dft, bleiben Fl\u00e4chen mit Netzanschl\u00fcssen zur\u00fcck und ein Haushalt, der die wegfallenden Einnahmen verkraften muss. 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