{"id":9685,"date":"2026-11-02T12:06:44","date_gmt":"2026-11-02T10:06:44","guid":{"rendered":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/?p=9685"},"modified":"2026-11-02T12:06:44","modified_gmt":"2026-11-02T10:06:44","slug":"oeffentliche-beschaffung-als-leitmarkt-fuer-klimafreundlichen-zement-und-stahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infosilo.info\/dekom\/oeffentliche-beschaffung-als-leitmarkt-fuer-klimafreundlichen-zement-und-stahl\/","title":{"rendered":"\u00d6ffentliche Beschaffung als Leitmarkt f\u00fcr klimafreundlichen Zement und Stahl"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob Br\u00fcckensanierung oder Schulneubau, kaum ein \u00f6ffentliches Bauvorhaben kommt ohne Zement und Stahl aus. Die Industrie, die diese Grundstoffe herstellt, soll bis 2045 klimaneutral produzieren und steht damit vor einem Umbau, der hohe Investitionen verlangt. Offen ist bislang, wer die zun\u00e4chst teureren klimafreundlichen Produkte in ausreichender Menge abnimmt. Seit Juli hat die Bundesregierung ein Instrument in der Hand, mit dem sie die \u00f6ffentliche Nachfrage gezielt in diese Richtung lenken kann. Wie viel Wirkung davon ausgeht, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem neuen Kurzbericht durchgerechnet. Beim Zement kann die \u00f6ffentliche Hand demnach bis 2030 rund die H\u00e4lfte der Produktion aus besonders emissionsarmen Verfahren abnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autoren Malte K\u00fcper und Thilo Schaefer beschreiben die Lage der Grundstoffhersteller als doppeltes Risiko. Neue Anlagen verlangen hohe Anfangsinvestitionen, die sich erst nach vielen Jahren amortisieren, w\u00e4hrend die notwendige Infrastruktur vielerorts noch fehlt. Hinzu kommt nach Darstellung des IW die Unsicherheit beim Absatz. Bei standardisierten und international gehandelten Grundstoffen reichen schon geringe Preisunterschiede, damit Abnehmer zur konventionellen Ware greifen. Die Unternehmen tragen Finanzierungs- und Absatzrisiko damit gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle setzen sogenannte Leitm\u00e4rkte an. Gemeint ist eine politisch abgesicherte Nachfrage nach klimafreundlichen Grundstoffen, die Investitionen planbar macht und den F\u00f6rderbedarf auf der Angebotsseite senkt. Grundlage sind einheitliche Standards. Stahl- und Zementindustrie haben mit dem Low Emission Steel Standard (LESS) und der Cement Carbon Class (CCC) eigene Labels vorgelegt. EU-weit sollen die Kriterien k\u00fcnftig \u00fcber die \u00d6kodesign- und die Bauprodukteverordnung festgelegt werden. Je Tonne sind wasserstoffbasierter Prim\u00e4rstahl oder emissionsarmer Zement deutlich teurer als herk\u00f6mmliche Ware. Auf das fertige Geb\u00e4ude oder Fahrzeug gerechnet, f\u00e4llt der Aufschlag laut IW allerdings gering aus. Im Durchschnitt verteuern sich solche Endprodukte nur um ein bis drei Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bislang bleibt das Potenzial der \u00f6ffentlichen Hand weitgehend ungenutzt. Klimakriterien in Ausschreibungen sind freiwillig, und 2024 enthielten nach der Vergabestatistik des Bundeswirtschaftsministeriums nur 16 Prozent der \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4ge \u00fcberhaupt Nachhaltigkeitskriterien. Mit dem Gesetz zur Beschleunigung der Vergabe \u00f6ffentlicher Auftr\u00e4ge hat sich die Rechtslage ge\u00e4ndert. Der zum 1. Juli neu gefasste \u00a7 113 GWB erm\u00e4chtigt die Bundesregierung, per Verordnung verbindliche Anforderungen an die Klimafreundlichkeit \u00f6ffentlich beschaffter Leistungen festzulegen, ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr emissionsarmen Stahl und Zement. Eine solche Verordnung braucht die Zustimmung des Bundesrates und geht vorher dem Bundestag zu. Der Bundestag fordert sie bis Mitte 2027. Auf europ\u00e4ischer Ebene sieht der Industrial Accelerator Act ab 2029 Mindestanteile von 25 Prozent CO\u2082-armem Stahl und f\u00fcnf Prozent CO\u2082-armem Zement in Beschaffung und F\u00f6rderung vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie stark die \u00f6ffentliche Nachfrage wirkt, h\u00e4ngt nach Einsch\u00e4tzung der \u00d6konomen vom jeweiligen Grundstoff ab. Beim Zement ist der Effekt am gr\u00f6\u00dften. Die Nachfrage ist konzentriert und standardisiert, der Anteil der \u00f6ffentlichen Hand liegt bei rund 23 Prozent. Rechnet man die Investitionen aus dem Sonderverm\u00f6gen Infrastruktur und Klimaneutralit\u00e4t hinzu, steigt er auf rund 34 Prozent. Gemessen an den bis 2030 erwarteten Kapazit\u00e4ten f\u00fcr Zement mit CO\u2082-Abscheidung (CCS) entspricht das etwa der H\u00e4lfte der Produktion. Die \u00f6ffentliche Hand k\u00f6nne damit einen substanziellen Teil des Hochlaufs selbst absichern, schreiben K\u00fcper und Schaefer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Stahl sieht das Bild anders aus. Mehr als die H\u00e4lfte des Prim\u00e4rstahls geht an die Automobilindustrie, der \u00f6ffentliche Anteil an der Gesamtnachfrage liegt bei rund acht Prozent, beim Prim\u00e4rstahl sogar nur bei rund drei Prozent. Langfristig liege die entscheidende Stellschraube deshalb in der privaten Nachfrage, etwa \u00fcber die geplante Anrechnung von Gr\u00fcnstahl auf die CO\u2082-Flottengrenzwerte, hei\u00dft es in dem Bericht. F\u00fcr die Anlaufphase bleibt die \u00f6ffentliche Hand dennoch wichtig. Weil die neuen Direktreduktionsanlagen bis 2030 nur einen kleinen Teil der Produktion stellen, entspricht die \u00f6ffentliche Nachfrage fast einem Viertel ihrer erwarteten Kapazit\u00e4t. In der Chemie halten die Autoren Leitm\u00e4rkte wegen der komplexen Wertsch\u00f6pfungsketten h\u00f6chstens bei Endprodukten wie Verpackungen f\u00fcr handhabbar. Der \u00f6ffentliche Einfluss beschr\u00e4nke sich dort im Wesentlichen auf Kunststoffe im Bausektor und reiche nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr St\u00e4dte und Gemeinden stellt sich vor allem die Frage, wer die Mehrkosten tr\u00e4gt. Leitm\u00e4rkte setzen voraus, dass h\u00f6here Preise entlang der Lieferkette bis zum Endkunden weitergegeben werden. Welche Folgen das f\u00fcr kommunale Auftraggeber hat, sei bislang kaum untersucht, r\u00e4umt das IW ein. Das gelte besonders dort, wo die Haushaltslage ohnehin angespannt ist. Zu strenge Kriterien k\u00f6nnen zudem den Kreis der Anbieter einschr\u00e4nken und die Preise f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand zus\u00e4tzlich erh\u00f6hen. Hinzu kommen Kosten f\u00fcr Umsetzung und Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Schwierigkeit betrifft die Frage, welche Produkte \u00fcberhaupt zum Zug kommen. Eine Beschaffung, die allein auf Kosteneffizienz zielt, beg\u00fcnstigt nach Analyse des IW zun\u00e4chst marktreife Optionen wie Zement mit reduziertem Klinkeranteil oder Sekund\u00e4rstahl. Diese verursachen geringe Mehrkosten, sparen aber auch vergleichsweise wenig CO\u2082 ein. Die f\u00fcr den Strukturwandel entscheidenden Near-Zero-Verfahren wie Direktreduktionsstahl oder Zement mit CCS kommen sp\u00e4ter auf den Markt und sind teurer. Sie brauchen deshalb nach Ansicht der Autoren eigene Vorgaben, in der nationalen Verordnung ebenso wie bei den europ\u00e4ischen Schwellenwerten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit die neue Erm\u00e4chtigung tats\u00e4chlich Investitionen ausl\u00f6st, pl\u00e4dieren K\u00fcper und Schaefer f\u00fcr ein Vorrangprinzip. Der Bund solle die Verordnung z\u00fcgig erlassen und Vergabestellen verpflichten, das klimafreundlichste verf\u00fcgbare Produkt zu beschaffen. F\u00fcr die zahlreichen, oft kleinen kommunalen Vergabestellen schlagen die Autoren eine \u00dcbergangszeit vor. Die verbindliche Anwendung k\u00f6nne dort zun\u00e4chst zur\u00fcckgestellt werden, um Erfahrungen aus der Bundespraxis einzubeziehen. Zus\u00e4tzliche B\u00fcrokratie d\u00fcrfe die neue Pflicht nicht erzeugen. Nachweise sollen an bestehende Klassifizierungen ankn\u00fcpfen, eigene Berichtsstrukturen lehnt das IW ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da die Verordnung der Zustimmung des Bundesrates bedarf, reden die L\u00e4nder bei der Ausgestaltung mit. Das betrifft auch die Frage, ob und ab wann kommunale Vergabestellen einbezogen werden. Den \u00e4u\u00dferen Rahmen setzt der Industrial Accelerator Act. Das IW r\u00e4t, dessen Vorgaben schon in der nationalen Verordnung zu ber\u00fccksichtigen, um Sonderwege im Binnenmarkt zu vermeiden, ohne auf die europ\u00e4ische Einigung warten zu m\u00fcssen. (DEKOM, 02.11.2026\/IW, 29.10.2026) <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/malte-kueper-thilo-schaefer-leitmaerkte-wie-die-oeffentliche-hand-zur-industrietransformation-beitraegt.html\">PM IW hier\u2026<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Br\u00fcckensanierung oder Schulneubau, kaum ein \u00f6ffentliches Bauvorhaben kommt ohne Zement und Stahl aus. Die Industrie, die diese Grundstoffe herstellt, soll bis 2045 klimaneutral produzieren und steht damit vor einem Umbau, der hohe Investitionen verlangt. Offen ist bislang, wer die zun\u00e4chst teureren klimafreundlichen Produkte in ausreichender Menge abnimmt. 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