Die Demission der Deutschen Glasfaser hält den Landkreis Karlsruhe seit Ende März in Atem: Ausbauprojekte gestoppt, Zeitpläne offen, viele Kommunen ohne Perspektive für die kommenden Jahre. Anders zeigt sich die Situation in Philippsburg – dort wurde das Netz rechtzeitig fertiggestellt. Bürgermeister Stefan Martus hat die Vorvermarktung damals selbst betrieben und den Anbieter mit der Landkreisgesellschaft zusammengebracht. Im Gespräch mit dem DEKOM erklärt er, warum Open Access für ihn die Bedingung war, was das BGH-Urteil zur Vertragslaufzeit vor Ort ausgelöst hat und welche Rolle der Netzanschluss des früheren Kernkraftwerks heute bei der Ansiedlung eines Rechenzentrums spielt. Den Startpunkt des Projekts setzt Martus im eigenen Haus an. Die Akquise des eigenwirtschaftlichen Ausbaus mit der Deutschen Glasfaser habe bei ihm begonnen, sagt er. Der damals zuständige Mitarbeiter der Deutschen Glasfaser sei ihm aus dessen Zeit bei Kabel BW bekannt gewesen, weil dieser am ehemaligen Kernenergiestandort bereits Koaxialkabel verlegt hatte. Entscheidend war die nächste Weichenstellung. „Ich habe gesagt, ich mache nichts Singuläres nur für Philippsburg, sondern wir machen das gemeinschaftlich, am besten landkreisweit“, so der Bürgermeister. Er habe den Anbieter mit dem Landkreis zusammengebracht, wo die Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe GmbH bereits gegründet war. Deren kaufmännischer Geschäftsführer Ragnar Watteroth sei ihm von Beginn an wichtig gewesen, damit das Netz im Open Access entstehe. Das Kabel gehöre zwar der Deutschen Glasfaser, jeder andere Carrier dürfe aber darauf zugreifen. In der Vorvermarktung zahlte sich das aus. Philippsburg war nach Darstellung des Bürgermeisters eine der ersten Gemeinden, die die 30-Prozent-Quote erreichte. Er selbst sei wöchentlich im Stadtanzeiger präsent gewesen und habe Verträge eingeworben, bis der Vollausbau tragfähig war. Ganz fertig ist die Stadt trotzdem noch nicht. Vor einzelnen Hauswänden schauen weiterhin Röhrchen aus dem Gehweg, in die keine Faser eingeblasen ist. Betroffen sind nach Angaben von Martus jene Grundstücke, deren Eigentümer nicht rechtzeitig festgelegt hatten, wo im Haus der Übergabepunkt sitzen soll bzw. die Tiefbaumitarbeiter nur wenig Deutsch verstanden haben. Er gehe davon aus, dass der Anbieter diese Anschlüsse noch fertigstelle, schließlich seien die Investitionen im Boden bereits getätigt und müssen nun Geld verdienen. Für Verwaltungen ist das ein Punkt, den es schriftlich zu fixieren lohnt, denn Restarbeiten dieser Größenordnung geraten erfahrungsgemäß als Erstes in Vergessenheit. Für Unruhe sorgte zuletzt weniger der Tiefbau als die Rechtsprechung. Der Bundesgerichtshof hat am 8. Januar 2026 entschieden, dass die Mindestvertragslaufzeit bei Glasfaserverträgen mit dem Vertragsschluss beginnt und nicht erst mit der Freischaltung des Anschlusses. Klauseln, die den Fristbeginn auf die technische Aktivierung legen, sind damit unwirksam. Im Mai bestätigte das Landgericht Bochum diese Linie in einem Anerkenntnisurteil gegen die Deutsche Glasfaser Wholesale GmbH. In Philippsburg schlug das unmittelbar durch. Als das Signal auf der Leitung war, seien die zwei Jahre längst abgelaufen gewesen, schildert Martus. Entsprechend viele hätten gekündigt. Aufgefangen hat das ausgerechnet die Konstruktion, auf die er vor Jahren bestanden hatte. Weil 1&1 als Anbieter auf dem Netz nun auch verfügbar war, wechselten viele nicht aus dem Glasfasernetz heraus, sondern innerhalb des Netzes zurück zu ihrem früheren Anbieter. Die Telekom prüfe einen Einstieg ebenfalls, dort seien allerdings noch technische Fragen offen, weil das Netz Internet erst ab dem IPv6-Protokoll anbiete und viele Bestandskunden mit älteren Firewalls auf IPv4 angewiesen seien. Die Gewerbe- und Industriegebiete wurden ohnehin über einen anderen Weg erschlossen, nämlich über die Landkreisgesellschaft und deren Auftragnehmer. Martus war dort bereits seit 2009 in die Anbindung involviert, damals noch mit Fiber-to-the-Curb der Telekom und später über die Landkreisgesellschaft mit Glasfaser bis ins Haus (FTTH). Zwei parallele Ausbaupfade, die sich in Philippsburg ergänzt haben statt sich zu überbauen. Darüber hinaus sind 2009 beide Stadtteile mit FTTC angebunden worden. Für die wirtschaftliche Zukunft der Stadt ist inzwischen eine andere Infrastruktur maßgeblich. Auf dem ehemaligen Goodyear-Gelände im Industriepark plant die Wirth Gruppe aus Waghäusel unter dem Namen Engrida einen Rechenzentrumscampus, dem der Gemeinderat im Juni einstimmig zugestimmt hat. Für das Areal liegt eine Netzzusage der TransnetBW über 707 Megawatt Bezugsleistung und 247 Megawatt Einspeiseleistung vor, angeschlossen über die bestehende 380-kV-Schaltanlage am Standort. Martus rechnet vor, was das bedeutet. Installierbar wäre nach seiner Darstellung ein Datacenter mit 600 Megawatt IT-Load. Legt man branchenübliche 13 Millionen Euro je Megawatt für die Baulichkeiten ohne Server zugrunde, komme man auf ein Bauvolumen zwischen 7,8 und 9 Milliarden Euro. Rund 16 Hektar umfasst die Fläche, zehn weitere stehen als Erweiterung bereit. Gepuffert werden soll die Energie über eine Batterie in der Größenordnung der Einspeiseleistung. Dass der Standort diese Kapazitäten überhaupt bieten kann, ist ein Erbe des Kernkraftwerks. Nach dem Rückbau entstand auf der Rheinschanzinsel der Konverter der Gleichstromtrasse Ultranet, die Windstrom aus dem Norden nach Baden-Württemberg transportiert. Die EnBW errichtet dort zudem einen Batteriespeicher mit 400 Megawatt Leistung und 800 Megawattstunden Kapazität. Für die Datenanbindung großer Rechenzentren spielt das Ortsnetz nach Einschätzung des Bürgermeisters praktisch keine Rolle, weil die EnBW über die NetCom Lichtwellenleiter direkt auf den Höchstspannungsleitungen führt, die von Philippsburg aus in einen großen Internetknoten in Frankfurt laufen. Entlang der Bahnlinie verläuft eine weitere leistungsfähige Trasse. Bemerkenswert ist weniger das Projekt selbst als die Art, wie die Stadt hineingeht. Ein Batteriespeicher braucht nach Darstellung von Martus keine breite Datenleitung, sondern nur eine schnelle für den Viertelstundentakt, und die lasse sich über das vorhandene Glasfasernetz abbilden. Im Mittel- und Hochspannungsnetz hat er sämtliche Speicheranfragen abgelehnt, weil diese Ebene an der Kapazitätsgrenze arbeitet. An erster Stelle stünden für ihn Arbeitsplätze, danach die Einspeisung erneuerbarer Energien. Speicher kämen zuletzt. Die Leitungsführung vom Campus zum Anschlusspunkt auf der Rheinschanzinsel verläuft ausschließlich über städtisches Gelände. Dafür wird eine Nutzungsentschädigung fällig, deren Höhe sich an der installierten IT-Load bemisst. Die Abwärme müssen die Betreiber vollständig zur Verfügung stellen, und Martus will sich die Abnahme zusätzlich vergüten lassen, weil den Betreibern damit eine teure Rückkühlung erspart bleibt. Darauf soll ein Wärmenetz aufbauen. Die Gewerbesteuer will er sich, wenn es nicht anders geht, über eine Mindestausschüttung aus einem Fonds absichern. „Wer den Niedergang von Goodyear in Philippsburg miterlebt hat, weiß, wie amerikanische Konzerne ticken“, sagt er mit Blick auf die Verhandlungen. Im Gespräch ist die Stadt derzeit mit Amerikanern sowie mit deutschen und Schweizer Anbietern. Gesucht wird nach seinen Worten das bestmögliche Konzept für den Industriestandort Deutschland, was BSI-Konformität, europäische Datenstandards sowie Datensouveränität und Datenintegrität einschließe. Dass sich das durchsetzen lässt, hat einen nüchternen Grund. Philippsburg bringt zwei Dinge mit, die eine Kommune in eine Verhandlungsposition bringen: ein Netz, dessen Vorvermarktung die Stadt selbst betrieben hat, und eine Anschlusskapazität, die das stillgelegte Kraftwerk hinterlassen hat. Aus dem Standort selbst folgt daraus noch nichts. Was daraus wird, entscheidet sich an den Bedingungen, die die Stadt an ihre Fläche, ihre Trassen und ihre Abwärme knüpft. (DEKOM, 17.08.2026) Mehr Infos hier…