Kritische Rohstoffe – Bergbau braucht Zeit

Der Ausbau erneuerbarer Erzeugung und die Digitalisierung öffentlicher Infrastruktur haben eine materielle Seite, die in Haushaltsberatungen selten auftaucht. Jede Windkraftanlage, jeder Ortsnetztrafo und jeder Elektrobus enthalten Metalle, die überwiegend aus einem einzigen Land kommen. Wie belastbar diese Versorgung ist, zeigt sich gerade in den Handelszahlen. Die europäischen Importe bestimmter Seltener Erden aus China sind in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 45 Prozent eingebrochen. Die Deutsche Rohstoffagentur verweist auf Exportkontrollen, die China zuletzt mehrfach verschärft hat.

Kritische Rohstoffe sind Materialien von hoher wirtschaftlicher Bedeutung, die sich schlecht ersetzen lassen und zugleich einem hohen Versorgungsrisiko unterliegen, weil sie nur in wenigen Ländern oder in geopolitisch heiklen Regionen vorkommen. Seltene Erden gehören dazu, ebenso Wolfram, Gallium oder Antimon. So beschreibt es Adriana Neligan, Senior Economist für Umwelt, Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit im Institut der deutschen Wirtschaft, in einem Interview mit dem Informationsdienst iwd. Deutschland verfüge über keine nennenswerten eigenen Vorkommen und sei damit in einer Lage, die sich kurzfristig nicht auflösen lasse.

Betroffen ist ein erheblicher Teil der Wirtschaft. Fast jedes neunte Unternehmen in Deutschland bezieht direkt oder indirekt kritische Rohstoffe aus dem Ausland, im Verarbeitenden Gewerbe sind es 18 Prozent und in der Metall- und Elektro-Industrie sogar 28 Prozent. Neben der direkten Einfuhr wiegt die indirekte Abhängigkeit über Vorprodukte schwer. Bei Permanentmagneten, wie sie in Windkraftanlagen und Fahrzeugantrieben stecken, liefere China mehr als 90 Prozent, führt Neligan aus. Rund 70 Prozent der weltweiten Gewinnung seltener Erden kontrolliere das Land, bei den nachgelagerten Verarbeitungsstufen sei die Dominanz noch ausgeprägter.

Spürbar geworden ist das bereits ohne einen förmlichen Lieferstopp. 2025 gab China Lieferungen bestimmter Rohstoffe nur noch an zuvor lizenzierte Abnehmer frei, die dafür detaillierte Angaben zu ihren Geschäftsaktivitäten und Lieferbeziehungen machen mussten. In der IW-Befragung bewerten 37 Prozent der betroffenen Unternehmen genau diese erzwungene Offenlegung als sehr problematisch. Hinzu kommt eine extraterritoriale Wirkung, weil Erzeugnisse aus chinesischem Material unter Umständen nicht mehr in die USA ausgeführt werden dürfen. Würden die Lieferungen weiter eingeschränkt, rechnen 88 Prozent der betroffenen Betriebe mit höheren Beschaffungskosten, 61 Prozent müssten ihre Produktion drosseln oder anhalten. Vier von zehn Unternehmen gehen davon aus, in der Folge Kunden zu verlieren.

Für Stadtwerke, Verkehrsbetriebe und kommunale Netzgesellschaften ist das keine ferne Industriedebatte. Sie beschaffen dieselben Komponenten wie die Privatwirtschaft und stehen in denselben Lieferketten. Transformatoren, Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen für öffentliche Liegenschaften und die Antriebe kommunaler Busflotten hängen an Kupfer, Aluminium und Magnetwerkstoffen. Wo Vergabeverfahren mit Lieferfristen kalkuliert werden, die aus der Zeit vor den Exportkontrollen stammen, entstehen Verzögerungen und Nachträge, die am Ende im Haushalt landen. Preisgleitklauseln und realistisch bemessene Ausführungsfristen sind deshalb weniger eine kaufmännische Feinheit als eine Absicherung gegen absehbare Störungen.

Auf europäischer Ebene gibt der Critical Raw Materials Act den Rahmen vor, bis 2030 mehr kritische Rohstoffe selbst zu fördern und mehr davon im Kreislauf zu halten. Die Umsetzung gestalte sich schwierig, weil Europa kaum eigene Kapazitäten besitze und Planungs- sowie Genehmigungsverfahren lange dauerten. „Bergbau braucht Zeit“, fasst Neligan zusammen. Die Deutsche Rohstoffagentur führt aktuell 150 Explorationsaktivitäten, sämtlich in frühen Phasen und mit erheblichem Kapitalbedarf. Selbst ein führender EU-Produzent wie Finnland steuert nur gut ein Prozent zur globalen Nickelproduktion bei. Der deutsche Rohstofffonds hält Mittel für Gewinnung, Weiterverarbeitung und Recyclinganlagen bereit und fördert damit erste Vorhaben wie die Lithiumgewinnung am Oberrheingraben. Als Vorbild gilt Japan, das bereits 2010 in eine australische Mine für seltene Erden investierte und parallel Forschung zu Ersatzstoffen und Recycling ausbaute.

Die Wirtschaft selbst zeigt sich zahlungsbereit. Für Rohstoffe aus sicheren Quellen außerhalb Chinas würden 41 Prozent der Unternehmen deutlich höhere Kosten akzeptieren, weitere 42 Prozent geringfügig höhere. Eine größere Lagerhaltung ziehen 63 Prozent in Betracht, und 72 Prozent würden Kostensteigerungen hinnehmen, um ihre Produktion so umzustellen, dass weniger kritische Rohstoffe gebraucht werden. Gut die Hälfte der Betriebe hält Sekundärrohstoffe auch bei höheren Preisen für eine sinnvolle Option.

Damit rückt der dritte Baustein neben heimischer Förderung und Import in den Vordergrund. Der Critical Raw Materials Act setzt bis 2030 ein Recyclingziel von 25 Prozent, wobei sich Kupfer und Aluminium bereits gut zurückgewinnen lassen, während die Wiederverwertung bei Gallium oder Lithium bislang kaum eine Rolle spiele, so die Einschätzung aus dem IW. Offen bleibt, aus welchen Beständen die Mengen kommen sollen, mit denen sich ein solches Ziel überhaupt erreichen lässt. (IWD, 26.08.2026) Ganze PM hier…

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