Wo ein Industriestandort schließt, bleiben Flächen mit Netzanschlüssen zurück und ein Haushalt, der die wegfallenden Einnahmen verkraften muss. Zugleich stehen in vielen Rathäusern Projektentwickler für Batteriespeicher und Rechenzentren vor der Tür, häufig mit großen Verdienstversprechen.
In Böhlen südlich von Leipzig trifft beides zusammen. Der US-Konzern Dow will seinen Ethylen-Cracker im vierten Quartal 2027 stilllegen. Bürgermeister Dietmar Berndt verweist auf rund 500 direkte Industriearbeitsplätze, die daran hängen, und auf inoffiziell mehrere tausend Stellen bei Dienstleistern von der Werkfeuerwehr bis zur Instandhaltung. Eine Anilin-Anlage und einige kleinere Anlagen blieben am Standort. Nach dem letzten Stand, den Berndt kennt, solle das Gelände ähnlich wie in Leuna über eine Betreibergesellschaft an Nachfolgeindustrien vermarktet werden. Auch mit dem sächsischen Wirtschaftsminister gebe es Gespräche über Folgenutzungen, die Beteiligten hielten sich aber noch bedeckt.
Für Berndt ist der Einschnitt ein weiteres Kapitel einer langen Geschichte. „Wir leben seit 100 Jahren im Strukturwandel”, sagt der Bürgermeister. Das Industriegebiet Böhlen-Lippendorf liegt zum großen Teil auf den Gemarkungen der Nachbarorte Neukieritzsch und Zwenkau, trägt aber den Namen Böhlen. Es wuchs mit der Braunkohle und der darauf aufbauenden Chemie, die in den 1970er Jahren auf Petrochemie umgestellt wurde. Zu DDR-Zeiten arbeiteten nach Berndts Schilderung rund 8.000 Menschen im Werk, heute seien es im gesamten Industriegebiet etwa 2.000. Das Kraftwerk Lippendorf könnte nach heutiger Gesetzeslage mit 1,8 Gigawatt installierter Leistung noch bis 2035 Strom aus Braunkohle erzeugen.
Wer einen solchen Standort verantwortet, bekommt Besuch. Er habe jeden Tag Leute im Haus, die Energieanlagen oder Rechenzentren bauen wollen, berichtet Berndt. Beim Thema Batteriespeicher ordnet der Bürgermeister, der selbst Elektroingenieur ist, nüchtern ein. „Es ist so eine Netzsache, wo die Netzbetreiber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil jeder Batteriespeicher bauen will und das eigentlich nur ein Stromhandel ist.” Was die Netzbetreiber bräuchten, sei Netzstützung und Netzausbalancierung.
Freie Netzanschlusskapazität für ein Rechenzentrum bejaht Berndt. Böhlen sei wegen des Kraftwerks ein Netzknotenpunkt, auf dem gewaltige Leistungen hin und her flössen, und der Netzausbau werde vorangetrieben. Dass Netzkontingente inzwischen zentral über die Netzbetreiber in einem qualifizierten Verfahren statt nach dem Windhundprinzip vergeben werden, komme der Stadt zugute. Das Verfahren koste viel Geld und halte Glücksritter fern, und wer viel investiert habe, treibe sein Projekt auch voran. Aktuell liege eine Anfrage für ein Rechenzentrum der Hyperscaler-Klasse auf der Gemarkung vor. Ob der Projektentwickler nur Flächen sichern wolle, wisse die Stadt nicht. Er stecke noch im Vergabeverfahren für den Netzanschluss, bei einem Zuschlag werde sich die Stadt näher auf ihn einlassen.
Begehrt sind aus Berndts Sicht die ehemaligen Industrieflächen und die Bergbaufolgeflächen ringsum, die heute landwirtschaftlich genutzt werden. Dort ging vor zwei bis drei Jahren ein Solarpark mit 540 Hektar ans Netz, den der Bürgermeister für die wahrscheinlich größte Photovoltaikanlage Deutschlands hält. Eine weitere Belegung mit Solarmodulen und Windrädern möchte er nach den Jahren des Tagebaus weitestgehend vermeiden bzw. nur an Stellen ohne negative Auswirkungen auf die Siedlungsbereiche, die Umwelt und zukünftige Entwicklungen, wie z.B. den Tourismus, sehen.
Von der Großindustrie direkt hat Böhlen finanziell bislang wenig gehabt, weil der Betriebsteil des Werks in der Nachbarstadt Neukieritzsch angemeldet ist und die Gewerbesteuer dorthin floss. „Wir hatten noch nie was von diesen großen Gewerbeeinnahmen. Wir leben von den kleinen”, sagt Berndt. Zu den Zahlern gehören kleinere Betriebe im Umfeld des Kraftwerks, etwa ein Werk, das aus den Abgasen Gips gewinnt und daraus Gipsplatten fertigt. Dennoch ist die Industrie das wertschöpfende Element für die Region. Der Projektentwickler des Rechenzentrums biete eine Stiftung an, in die er einmalig Kapital einzahle und aus deren Erträgen freiwillige Aufgaben der Stadt bezahlt werden könnten. Bei der Solaranlage laufe ein ähnliches Modell mit jährlichen Einzahlungen. Das schmecke ihm noch nicht ganz, sagt Berndt. Lieber wäre ihm ein Betreiber, der seinen Firmensitz in Böhlen anmeldet und die Gewerbesteuer direkt vor Ort zahlt. Ein Rechenzentrum sieht er zudem als Startpunkt für weitere Ansiedlungen, und dessen Abwärme würde die Stadt gern in ihr Fernwärmenetz einbinden, sofern das technisch möglich ist.
Das alles managt die Stadt im Moment relativ allein, berichtet Berndt. Unterstützung bietet eine kommunale Strukturentwicklungsgesellschaft, die ursprünglich Mittel aus dem Kohleausstieg in den Strukturwandel lenken sollte und nun auch solche Aufgaben übernimmt. Über sie bestehen Kontakte zu Bürgermeistern im Lausitzer und im Rheinischen Revier. Von der Landesregierung fühle er sich teilweise allein gelassen. Bei Rechenzentren dieser Größe vermisse er eine zentrale Linie dazu, wo im mitteldeutschen Raum solche Standorte erwünscht sind und wo nicht. (DEKOM, 19.10.2026) Mehr Infos hier…