Digitale Lagerprozesse im kommunalen Versorgungsbetrieb: Steinburg als Vorreiter
Die Stadtwerke Steinburg gehen gemeinsam mit Iptor multiflex und T3E Logistik neue Wege im Material- und Prozessmanagement. In einem umfassenden Digitalisierungsprojekt haben die Stadtwerke, die Teile der Kreise Steinburg und Dithmarschen in Schleswig-Holstein mit Strom und Wärme versorgen, ihre Lager- und Bestellprozesse grundlegend modernisiert.
Kernstück des Vorhabens ist die Integration des bisherigen papiergestützten Bestellwesens in den mx.Webshop von Iptor multiflex – verbunden mit einer engen Verzahnung der technischen und kaufmännischen Systeme sowie einer zentralen Disposition. Materialien können nun auftragsbezogen direkt von der Baustelle digital bestellt und passgenau kommissioniert werden. Die logistische Abwicklung übernimmt T3E Logistik, ein Tochterunternehmen von EBERO FAB.
Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger Verwaltungsaufwand, mehr Transparenz, höhere Versorgungssicherheit – und laut Marc Flindt (Leiter Planung und Projektierung) eine spürbare Entlastung für Bauleiter und Monteure. Nahezu 95 Prozent der Materialabrufe erfolgen inzwischen digital.
Im Gespräch mit DEKOM erläutert Geschäftsführer René Quurk, wie die konsequente Digitalisierung zur Standardisierung beigetragen hat, welche Rolle interne Kompetenzen und externe Partner gespielt haben – und warum das Modell für andere Stadtwerke interessant sein könnte.
DEKOM: Herr Quurk, Sie haben das Material- und Prozessmanagement bei den Stadtwerken Steinburg grundlegend neu aufgestellt. Was war der Auslöser?
René Quurk: Als ich bei den Stadtwerken Steinburg angefangen habe, war schnell klar: Die Prozesse im Lager- und Baustellenmanagement waren veraltet und ineffizient. Die Personalkosten waren hoch, die Bestände oft überaltert, und es wurde viel Papier bewegt – etwa Zettelwirtschaft zwischen Monteuren und Meistern. Material wurde teils lieber neu bestellt als aus dem Lager entnommen, weil das einfacher war. Wir hatten keine echte Transparenz.
DEKOM: Wie sind Sie an das Problem herangegangen?
René Quurk: Wir sind das Thema systematisch und zielgerichtet angegangen. Unser Anspruch war es, das Materialhandling zu digitalisieren, die Bestandsführung aus der Bilanz zu nehmen und einen Logistikpartner zu finden, der ein Teil des unternehmerischen Risikos mitträgt. Gleichzeitig war uns wichtig, dass die Einkaufs- und Vergabekompetenz im Haus verbleibt. Diese Verantwortung hat unsere Prokuristin Elina Hesse federführend übernommen – von der Ausgestaltung der Rahmenverträge bis zur Definition der technischen Standards. Die operative Umsetzung des Materialflusses haben wir dann an unseren Partner T3E Logistik ausgelagert.
DEKOM: Was hat sich konkret verändert?
René Quurk: Wir haben eine zentrale Disposition eingeführt – also keine dezentrale Entscheidung mehr auf Meisterebene, sondern gebündelt und auftragsbezogen. Parallel haben wir ein Webshop-System aufgebaut, das in unsere beiden ERP-Systeme – das kaufmännische und das technische – integriert ist. Der Webshop enthält alle Materialien mit Bildern, Lieferzeiten, Artikelnummern und den jeweils gültigen Rahmenvertragskonditionen. Wenn die Arbeitsvorbereitung den Auftrag freigibt, erfolgt die Kommissionierung automatisch über den Dienstleister.
DEKOM: Das klingt nach einem großen Digitalisierungsschritt. Wie wirkt sich das auf den Alltag Ihrer Monteure aus?
René Quurk: Deutlich spürbar. Der frühere Zeitverlust morgens am Lager entfällt komplett. Monteure erhalten vorkommissionierte Materialpakete, statt sich durch Regale zu suchen. Auf der Baustelle kann der Meister per iPad im Webshop direkt den Hausanschluss auswählen – inklusive Stückliste, Bildern und häufig nachbestellter Zusatzmaterialien. Alles wird direkt dem jeweiligen Auftrag zugeordnet.
DEKOM: Gibt es auch für Kleinmaterialien eine Lösung?
René Quurk: Ja, dafür nutzen wir ein Wiegesystem mit RFID-Chips. Monteure entnehmen Verbrauchsartikel wie Handschuhe, Dübel oder Schrauben personalisiert aus Automatenfächern. Das System wiegt die Entnahme, ordnet sie einem Auftrag zu – und verbucht automatisch. Der Vorteil: Der Verbrauch ist zurückgegangen, wir haben einen viel besseren Blick auf C-Artikel, und der Materialeinsatz ist transparent und regelkonform.
DEKOM: Was passiert bei Störungen außerhalb der Regelprozesse?
René Quurk: Störungen haben immer Priorität und übersteuern alle Regelprozesse. In solchen Fällen wird das benötigte Material einfach direkt dem Lager entnommen und anschließend systemisch nacherfasst. Für Sonderbedarfe steht zusätzlich der Bereitschaftsdienst von T3E Logistik zur Verfügung. Es gibt klare Absprachen – keine Ticketsysteme, sondern direkte Lösungen innerhalb kürzester Zeit. Nur so bleibt die Akzeptanz hoch.
DEKOM: Sie erwähnten Einsparungen – gibt es dazu belastbare Zahlen?
René Quurk: Ja. Unsere ursprüngliche Wirtschaftlichkeitsrechnung wurde übertroffen. Nachträgliche Auswertungen haben ergeben, dass die Ersparnisse um rund 112 % über der ursprünglichen Kalkulation lagen. Das liegt nicht nur an geringeren Lagerkosten, sondern ebenfalls an effizienteren Prozessketten, mit einer präzisen Kommissionierung, deutlich weniger Materialrückbuchungen und spürbar reduzierten Fehlerquoten.
DEKOM: Ist Ihr Modell auch für kleinere Stadtwerke umsetzbar?
René Quurk: In der Grundstruktur: ja. Die Infrastruktur muss natürlich finanziert werden, aber durch Kooperationen lassen sich Skaleneffekte erzielen. Wir arbeiten zum Beispiel mit den Stadtwerken Wedel zusammen. Wichtig ist der Mut zur Veränderung – und der richtige Partner. Dann funktioniert das ebenso für kleinere und mittlere Stadtwerke.
DEKOM: Zum Schluss: Wer hatte bei Ihnen intern die entscheidenden Rollen?
René Quurk: Ganz klar: Ohne das Engagement von Elina Hesse, die die Projektorganisation übernommen und mit großem Sachverstand die Einkaufs- und Vertragsstruktur verantwortet hat, wäre das Projekt nicht in dieser Qualität realisierbar gewesen. Marc Flindt, unser Planungsleiter, hat das Thema mit enormer Klarheit und Prozessdisziplin begleitet – gerade in der technischen Umsetzung. Beide haben maßgeblich dazu beigetragen, dass unser System heute stabil, transparent und nahezu papierlos läuft. DEKOM, 20.08.2025 Mehr Infos hier…
Über die Stadtwerke Steinburg
Die Stadtwerke Steinburg GmbH ist die gemeinsame Servicegesellschaft der Stadtwerke Brunsbüttel, Glückstadt, Itzehoe und Wilster. Sie versorgt rund 79.000 Haushalte in den Kreisen Steinburg und Dithmarschen mit Strom, Gas und Wärme, betreibt ein 2.400 km langes Strom- und Gasnetz sowie ein 340 km langes Wassernetz und bildet jährlich 15 Auszubildende aus.
Ihr zentraler Anspruch: Versorgungssicherheit und moderne Infrastruktur nachhaltig weiterzuentwickeln. Als kommunale Energie‑ und Infrastrukturversorger treiben sie dabei wichtige Zukunftsthemen voran – etwa Digitalisierung, Klimaschutz, Elektromobilität und Mobilitätswende. Die Stadtwerke setzen auf effiziente Kooperationen: Durch das Verbundsmodell bündeln sie technische und kaufmännische Aufgaben – das führt zu Synergieeffekten, optimierten Abläufen und wettbewerbsfähigen Konditionen, die auch Arbeitsplätze sichern. www.stadtwerke-steinburg.de