Mehr als 3.300 Wertstoffhöfe bilden bundesweit das operative Rückgrat der Abfallwirtschaft. Täglich werden dort Containerbewegungen koordiniert und Entsorgungspartner beauftragt — Aufgaben, die vielerorts noch per Telefon, Fax und Papierliste ablaufen. Zugleich wächst der regulatorische Druck: Das im Juni 2026 beschlossene Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) sieht unter anderem vor, den Anteil von Sekundärrohstoffen bis 2030 zu verdoppeln. Wer Stoffströme regional steuern will, braucht dafür belastbare Echtzeitdaten — und genau hier setzt das Unternehmen RecyclingMonitor aus Beckum an. Das 2018 gegründete Unternehmen hat eine browserbasierte Plattform entwickelt, die Platzwarte und Verwaltung mit den Entsorgungspartnern vernetzt und sämtliche Vorgänge auf dem Wertstoffhof digital abbildet. Der Zweckverband Abfallwirtschaft Donau-Wald wickelt auf seinen 24 Wertstoffhöfen jährlich rund 30.000 Containerbewegungen über das System ab. Im DEKOM-Interview beschreibt Geschäftsführer Matthias Schwarzer, welche Effizienzgewinne die Digitalisierung auf dem Wertstoffhof konkret bringt und wo der größte Hebel für eine regionale Kreislaufwirtschaft liegt.
DEKOM: Ihre App macht Stoffströme nach Art, Menge und Ort in Echtzeit sichtbar. Wie verändert diese Datengrundlage die Rolle einer Kommune — weg vom reinen Entsorger, hin zum strategischen Steuerer lokaler Ressourcenkreisläufe?
Matthias Schwarzer: Solange Stoffströme erst quartalsweise oder später auf Papier sichtbar werden, kann eine Kommune verwalten — aber nicht steuern. Liegen Art, Menge und Ort dagegen in Echtzeit vor, wird aus Zahlen ein Steuerungsinstrument: Man sieht, wo welche Wertstoffe anfallen und wo sich Kosten senken oder Kreisläufe verbessern lassen. So wird die Kommune vom reinen Entsorger zum Gestalter ihrer eigenen Ressourcen.
DEKOM: Zirkuläre Modelle müssen für kommunale Betriebe tragfähig sein. An welchen konkreten Stellen entstehen messbare Effizienz- oder Kostengewinne, wenn Containermanagement, Kommunikation und Abrechnung digitalisiert werden — und woran zeigt sich der Nutzen zuerst?
Matthias Schwarzer: Am schnellsten zahlt sich die Digitalisierung dort aus, wo heute die meiste Handarbeit steckt: bei Beauftragung und Kommunikation. Melden Platzwarte volle Container per App, entfallen unzählige Telefonate und Rückfragen. Konservativ gerechnet spart ein Wertstoffhofbetreiber rund 40.000 Euro pro Jahr — die Lösung amortisiert sich bereits im ersten Jahr. Dazu kommen weniger Konflikte mit Entsorgern, auditsichere Dokumentation und eine belastbare Datenbasis für Ausschreibungen.
DEKOM: Viele Kommunen zögern bei Digitalisierungsprojekten. Wie läuft die Einführung auf einem Wertstoffhof konkret ab, und was sind die typischen Hürden — technisch, personell, organisatorisch?
Matthias Schwarzer: Die Einführung ist bewusst schlank: Alles läuft über den Browser, ohne neue IT-Infrastruktur, in der Regel innerhalb von rund vier bis acht Wochen. Die größten Hürden sind selten technisch, sondern organisatorisch — saubere Daten und die Akzeptanz vor Ort. Und gerade da überrascht die Praxis meist positiv.
DEKOM: Der DEKOM-Schwerpunkt betrachtet auch die aktive Einbindung der Bürger. Sehen Sie Ansatzpunkte, wie digitalisierte Wertstoffhof-Prozesse künftig auch die Servicequalität und Transparenz gegenüber dem Bürger verbessern?
Matthias Schwarzer: Ja — wenn die internen Abläufe digital sind, lässt sich der Service für Bürgerinnen und Bürger direkt anschließen: etwa Terminbuchung für Anlieferungen, klare Wartezeiten und verständliche Rückmeldung, was mit den abgegebenen Wertstoffen passiert. Transparenz nach innen und nach außen ist letztlich dieselbe Datengrundlage. Darüber hinaus können KI-Bots die Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern spürbar verbessern: Sie beantworten wiederkehrende Fragen — etwa zu Öffnungszeiten, Fraktionen oder richtiger Trennung — rund um die Uhr und entlasten so die Verwaltung von Routineanfragen. Entscheidend ist dabei, klare Leitplanken zu setzen, damit die Antworten fachlich korrekt und qualitativ hochwertig sind. Genau hier liegt unsere Stärke: Wir verbinden KI nicht mit beliebigen Allgemeinantworten, sondern mit dem geprüften Fach- und Regelwissen der Abfallwirtschaft — für einen verlässlichen 24/7-Bürgerservice, dem Kommune und Bürger vertrauen können.
DEKOM: Sie setzen zunehmend auf KI zur Steuerung von Materialflüssen. Wo liegt in den nächsten Jahren der größte Hebel, damit Städte und Landkreise Stoffkreisläufe tatsächlich vor Ort schließen können?
Matthias Schwarzer: Der größte Hebel liegt darin, aus dem täglichen Papieraufkommen verlässliche Daten zu machen. Unsere KI liest Rechnungen und Wiegescheine automatisch aus — erst dadurch werden Vergleiche und gezielte Verbesserungen möglich. Der eigentliche Sprung kommt aus der Vernetzung: Wenn Kommunen, Landkreise und Betriebe ihre Daten zusammenbringen, lassen sich Stoffströme umlenken und Kreisläufe regional schließen. Genau hier verstehen wir uns als innovativer Projektpartner — etwa im Rahmen von Smart-City- und Smart-Region-Vorhaben, in denen Kommunen ihre Ressourcenkreisläufe vor Ort schließen wollen.
DEKOM: Mit neuen Vorgaben wie NIS2 steigen die Sicherheitsanforderungen — auch für die Abfallwirtschaft. Wie gehen Sie mit dem Thema Datenschutz und IT-Sicherheit um?
Matthias Schwarzer: Die Modernisierung analoger Abläufe ist zugleich der Einstieg in ein sicheres, prüfungsfähiges Fundament. Wir begleiten Kommunen auf diesem Weg mit einem in Europa gehosteten, ausfallsicheren System und klar geregelten Zugriffsrechten.
DEKOM: Was unterscheidet RecyclingMonitor von einem reinen Softwareanbieter?
Matthias Schwarzer: Wir bringen bewusst mehr mit als eine Software: Als aus der Praxis entwickeltes Team arbeiten wir partnerschaftlich mit Kommunen zusammen und entwickeln Funktionen gemeinsam weiter. Für Städte und Landkreise, die Kreislaufwirtschaft regional denken und im Rahmen von Smart-City-Projekten voranbringen wollen, sind wir ein offener, innovativer Projektpartner — von der ersten Analyse bis zum laufenden Betrieb.
Vielen Dank! (DEKOM, 05.10.2026) Mehr Infos hier…