Bürgermeister Michael Ruf steht vor einer Aufgabe, die kein Gemeindeoberhaupt sich wünscht. In Baiersbronn, das die meisten als Schwarzwälder Genuss- und Wanderadresse kennen, hat die Frischfaser Karton GmbH nach rund 70 Jahren die Produktion eingestellt. 220 Arbeitsplätze sind weggefallen, in einem Betrieb, in dem zum Teil schon mehrere Generationen derselben Familie gearbeitet haben. Die Frischfaser Karton, ein Hersteller von Faltschachtelkarton mit zuletzt rund 80 Millionen Euro Jahresumsatz, hatte im Juni 2026 Insolvenz angemeldet. Anfang September sprang der einzige verbliebene Investor ab, am 7. September lief die letzte Maschine. Ruf hat den Prozess von Anfang an begleitet. Im Interview spricht er über die Bedeutung des Werks für die Gemeinde, das Spannungsfeld zwischen Industrie und Spitzentourismus und die Frage, was aus dem Areal werden kann.
Welche Rolle spielt die Frischfaser Karton GmbH für Baiersbronn, das viele nur als Tourismusstandort kennen — bei Arbeitsplätzen, Gewerbesteuer und ganzjähriger Beschäftigung?
Michael Ruf: Die Frischfaser Karton GmbH ist seit vielen Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Gemeinde Baiersbronn. Insbesondere als wichtiger Arbeitgeber, bei welchem zum Teil schon mehrere Generationen einer Familie beschäftigt sind. Der Tourismus ist für die Gemeinde Baiersbronn der Wirtschaftszweig mit der größten Bedeutung. Trotzdem besteht eine große Vielfalt an weiteren Unternehmen, Betrieben und Handwerkern über das gesamte Gebiet der Gemeinde Baiersbronn. Mit seinen 220 Arbeitsplätzen gehört die Frischfaser Karton GmbH mit zu den größeren Arbeitgebern, was die aktuelle Entwicklung umso schmerzlicher macht.
Wie erleben Sie den laufenden Investorenprozess aus dem Rathaus, zwischen Hoffen und Vorbereiten?
Michael Ruf: Sofort zu Beginn des Prozesses haben wir uns als Verwaltung als Gesprächspartner und Vermittler angeboten. Durch den Insolvenzverwalter waren wir hier stets aktuell eingebunden. Wenngleich der Handlungsspielraum als Kommune sehr begrenzt ist. Aber selbstredend besteht von Seiten der Verwaltung größtes Interesse, dass ein Weiterbetrieb des Standortes ermöglicht wird.
Industrie und Spitzentourismus unter einem Gemeindedach, verstärkt oder entschärft das die Folgen einer möglichen Schließung?
Michael Ruf: Natürlich sind die Ziele und Bedürfnisse von Tourismus und produzierendem Gewerbe oft diametral. Bisher ist es jedoch sehr gut gelungen, die Belange beider Seiten in einem guten, konsensualen Umgang zu vereinen. Aus Sicht des Tourismus könnten durch eine Schließung möglicherweise positive Effekte bei Verkehr und Lärm eintreten. Wie bei vielen anderen Beispielen im Murgtal aber ersichtlich, ist eine stillgelegte Papierfabrik nicht unbedingt förderlich für eine positive städtebauliche Wahrnehmung. Wobei der derzeitige Trend bei „Lost Places“ eher wieder eine gewisse touristische Attraktivität darstellt.
Das Unternehmen nennt Energiekosten als zentralen Krisenfaktor. Deckt sich das mit dem, was Sie von anderen Betrieben im Schwarzwald hören?
Michael Ruf: Die seit dem Beginn des Konfliktes zwischen den USA und dem Iran deutlich gestiegenen Kosten bei Energie und Kraftstoffen ist ein Problem, welches nicht nur Betriebe im Schwarzwald trifft. Daher ist für Betriebe, welche für die Produktion entsprechende große Energiemengen brauchen, diese gestiegenen Kosten selbstverständlich ein Problem.
Sollte die Fortführung scheitern: Das Werksareal verfügt über eine erhebliche Energieinfrastruktur. Andernorts entstehen auf solchen Flächen Batteriespeicher, deren Gewerbesteuer seit 2025 zu 90 Prozent vor Ort bleibt. Wäre das für Baiersbronn denkbar?
Michael Ruf: Sollte die Fortführung des Betriebes tatsächlich scheitern, werden wir als Kommune den weiteren Prozess sehr eng und konstruktiv begleiten. Derzeit entstehen in der Region um Baiersbronn mehrere Windkraftanlagen. Als Standort für einen Batteriespeicher wäre mir eine bestehende Gewerbefläche deutlich lieber, als wenn hier solch eine Anlage in bisher unberührter Natur entstehen würde.
Was braucht der ländliche Raum in Baden-Württemberg, damit Industrie dort eine Zukunft hat?
Michael Ruf: Die Frage muss doch eigentlich globaler heißen, was braucht Deutschland, damit die Industrie eine Zukunft hat? Gestiegene Kosten im Energie- und Logistikbereich, steigende Lohnkosten, Fachkräftemangel sind Probleme, welche nicht nur für den ländlichen Bereich sich als Problem darstellen. Als zusätzliches Problem muss der ländliche Raum natürlich mit Herausforderungen in der Logistik klarkommen. Weitere und längere Strecken für Transport von Roh- und Fertigware erhöhen die Produktionskosten. Dass ein Betrieb aber auch in unserer Gemeinde funktionieren kann, zeigen erfolgreiche Beispiele. (DEKOM, 02.11.2026) Mehr Infos hier…
Vielen Dank!
Zur Person:
Michael Ruf (parteilos) ist seit 2019 Bürgermeister der Gemeinde Baiersbronn im Landkreis Freudenstadt. Mit rund 15.000 Einwohnern in neun Ortsteilen ist Baiersbronn nach Stuttgart die flächenmäßig zweitgrößte Gemeinde Baden-Württembergs. Seine Amtszeit läuft bis 2027.