Rohstoffsicherheit ist binnen weniger Jahre von einer ökologischen zu einer wirtschaftspolitischen Frage geworden. Wer Sekundärrohstoffe im Land halten will, muss sie zuerst sauber erfassen, und ein erheblicher Teil dieser Erfassung findet nicht in der Industrie statt, sondern an der Rampe des örtlichen Wertstoffhofs. Anfang Juni hat das Bundeskabinett das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie beschlossen, zwölf Maßnahmen bis Ende 2027 und 260 Millionen Euro bis 2029, aus Sicht mehrerer Fachverbände zu wenig Verbindliches für einen Umbau dieser Größenordnung. Jörg Boland, geschäftsführender Gesellschafter der sensis GmbH aus Viersen, deren Branchensoftware TRAS seit zwei Jahrzehnten in kommunalen und gewerblichen Entsorgungsbetrieben läuft, sieht den entscheidenden Hebel deshalb weniger in Berlin als an der Waage vor Ort. Wer wisse, was in welcher Menge und Qualität angeliefert werde, könne Stoffströme überhaupt erst steuern. Und wer den Hof zugleich technisch autonom betreibe, gewinne Öffnungszeiten, ohne die Personalkosten im gleichen Takt mitwachsen zu lassen.
Der Wertstoffhof gehört zu den meistgenutzten Einrichtungen der örtlichen Daseinsvorsorge und gleichzeitig zu den am schlechtesten verfügbaren. In ländlich geprägten Gebieten stehen den Bürgerinnen und Bürgern vielerorts nur wenige Stunden an drei Tagen in der Woche zur Verfügung, meist innerhalb der eigenen Arbeitszeit. Wer berufstätig ist, drängt sich am Samstagvormittag, und genau dort entstehen die Warteschlangen, über die anschließend im Rat gesprochen wird. Der Betrieb steckt dabei in aller Regel in der Grundgebühr, und die ist zum Jahresbeginn 2026 in zahlreichen Kreisen und Städten spürbar gestiegen. Als Gründe nennen die Träger übereinstimmend höhere Personal-, Energie-, Transport- und Entsorgungskosten, rückläufige Erlöse aus der Altpapierverwertung sowie die weiter steigende CO₂-Bepreisung. Hinzu kommt seit dem 1. Januar eine verschärfte Sortierpflicht bei Elektroaltgeräten, die wegen der Brandgefahr durch Lithium-Akkus ausdrücklich Personal am Behälter bindet. Der Fachkräftemangel wirkt damit an einer Stelle, an der er unmittelbar sichtbar wird, nämlich an der geschlossenen Schranke.
Boland beschreibt einen Ausweg, der aus Tirol kommt. Die wiegon GmbH aus Landeck hat für die Gemeinde Ischgl im Herbst 2022 einen vollständig digitalisierten Recyclinghof errichtet, rund 2.600 Quadratmeter, etwa 40.000 Zutritte im Jahr, betrieben in einer Mischform aus bedienten Zeiten und autonomer Abgabe. Die Identifikation erfolgt über Kennzeichenerkennung oder App, Schranken und Ampeln lenken die Zufahrt, Wiegeterminals erfassen die Anlieferung, Kameras dokumentieren das Gelände, und die Abrechnung läuft bargeldlos über ein digitales Kundenkonto oder den Gebührenbescheid. Im März vergangenen Jahres hat sensis mit den Tirolern die gemeinsame Gesellschaft sensis+wiegon gegründet, um dieses Konzept in Deutschland anzubieten. Die Rollenteilung ist dabei klar. Aus Österreich kommt die erprobte Automatisierungstechnik, aus Viersen kommen die abfallwirtschaftlichen Prozesse und der Zugang zu den deutschen Betrieben.
Die Wirkung, die Boland aus dem laufenden österreichischen Betrieb berichtet, ist für die hiesige Gebührendiskussion die eigentlich interessante Botschaft. Es komme mehr Material an, es komme besser sortiert an, und der Hof verschmutze weniger. Der Grund dafür liegt weniger in der Technik als im Verhalten. „Weil er weiß, man hat Kameras dort, wir können Fehlwürfe detektieren, auch mit KI unterstützt“, sagt Boland und erzählt von einem Anlieferer, dem auf dem Weg zur Rampe Bauschutt aus dem Anhänger fiel und der sich daraufhin unaufgefordert einen Besen holte. Die längeren Zeiten wiederum verteilen den Andrang, weil die Bürgerinnen und Bürger über die App sehen, wie voll der Hof gerade ist. Dass diese Beobachtungen bislang aus Tirol und Vorarlberg stammen und nicht aus deutschen Anlagen, benennt der Geschäftsführer von sich aus. In Deutschland stehe man mit den ersten beiden Kunden am Anfang.
Bemerkenswert ist, wo das Konzept auf Resonanz stößt. Nicht in den großen Städten, sondern in den Landkreisen. Dort seien die Öffnungszeiten am knappsten und der Personaldruck am größten, während größere Häuser ihre Leute ohnehin für den eigenen Gewerbebetrieb vorhalten und die Kosten deshalb als gegeben behandeln. Rund ein Viertel der deutschen Landkreise habe man mittlerweile angesprochen, sagt Boland, aus Gesprächen seien bislang zwei Großprojekte für Landkreise mit jeweils über 300.000 Einwohnern und in Summe gut zwei Dutzend Wertstoffhöfen geworden. Für kommunale Entscheidungsträger ist das eine ehrliche und zugleich brauchbare Information. Wer jetzt einsteigt, gestaltet die Anforderungen mit, statt sie später von einem eingeschwungenen Markt übernehmen zu müssen.
Die größte Hürde sei ohnehin nicht die Technik, sondern die Datenlage. Viele Betriebe wüssten erstaunlich wenig darüber, was tatsächlich über ihre Höfe läuft, in welchen Mengen und in welcher Qualität. Solange das so bleibe, sei ein wirtschaftlich tragfähiger Kreislauf vor Ort kaum planbar. Als zweites Hemmnis nennt Boland historisch gewachsene Insellösungen für Fahrzeuge, Waage, Abrechnung und Bürgerservice, die nicht miteinander sprechen, und als drittes den fehlenden politischen Rückenwind für Investitionen, deren Nutzen erst in der übernächsten Gebührenkalkulation sichtbar wird.
Für die eigene Planung lassen sich daraus zwei Wege ablesen. Der eine beginnt klein, mit Zutrittskontrolle und Erfassung an einer bestehenden Anlage, weil die Systeme modular aufgebaut sind und ein Neubau nicht die Voraussetzung ist. Der andere denkt vom Ziel her, also von der Frage, welche Öffnungszeiten die Bürgerschaft künftig erwartet und mit welcher Personalausstattung sich das darstellen lässt. Als nächste Ausbaustufen kündigt Boland die Vernetzung mehrerer Standorte zu einem digitalen Anlieferungsnetzwerk an, dazu die digitale Brandfrüherkennung, die Einbindung der Schadstoffannahme und eine digitale Re-Use-Abgabe. Bis aus einer ersten Idee eine Inbetriebnahme wird, vergeht nach seiner Erfahrung ein gutes Stück Zeit. Wer die Debatte im Kreistag erst führt, wenn die nächste Gebührenerhöhung ansteht, beginnt sie zu spät. (DEKOM, 01.09.2026) Mehr Infos hier…