Binnen knapp vier Jahren hat Deutschland die zweite fossile Energiepreiskrise erlebt. Auslöser diesmal ist die volatile Lage an der Straße von Hormus, die seit Frühjahr 2026 die Öl- und Gaspreise treibt. Der Koalitionsausschuss hat Mitte April Entlastungsmaßnahmen für Haushalte und Unternehmen beschlossen und sich zum Ausbau erneuerbarer Energien bekannt. Gleichzeitig liegen mit dem geplanten Netzpaket des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE), dem Arbeitsentwurf zur EEG-Novelle und den Eckpunkten zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) drei Gesetzgebungsverfahren in der Ressortabstimmung, die nach Einschätzung des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) den Erneuerbaren-Ausbau eher bremsen als beschleunigen. BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser hat die Beschlüsse des Koalitionsausschusses vom 13. April mit deutlichem Vorbehalt kommentiert: Das Bekenntnis zum Erneuerbaren-Ausbau sei zu begrüßen, aber die aktuelle Politik aus dem BMWE stehe dem entgegen. DEKOM hat mit ihr über die Ursachen der zweiten Preiskrise, die Defizite des Netzpakets, blockierte Batteriespeicherprojekte und den Stand der kommunalen Wärmeplanung gesprochen.
DEKOM: Sie haben in einer aktuellen Stellungnahme von einer zweiten fossilen Preiskrise gesprochen. Gasversorger, mit denen wir gesprochen haben, sagen, die Ukraine-Krise sei deutlich gravierender gewesen als das, was wir jetzt erleben. Stimmt das — und wer trägt dafür die Verantwortung?
Heinen-Esser: Ihre Gesprächspartner haben nicht Unrecht. Die aktuellen Preisausschläge im Strombereich sind tatsächlich nicht ganz so extrem wie nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Das hängt damit zusammen, dass wir heute einen deutlich höheren Anteil erneuerbarer Energien im Strommix haben als noch 2022. Die Erneuerbaren sind der eigentliche Preisdämpfer — das ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge des Ausbaus. Beim Gas und Öl sehen die Sprünge anders aus, weil wir da nach wie vor stark von fossilen Importen abhängig sind. Das ist die systembedingte Erklärung: Preiskrisen schlagen dann besonders hart durch, wenn das System nicht resilient ist. Je stärker wir die Elektrifizierung voranbringen — Wärmepumpen statt Öl- und Gasheizungen, mehr Strom statt fossiler Energieträger — desto weniger Wirkung werden künftige Schocks haben. Wir wissen nicht, was geopolitisch noch auf uns zukommt. Die Drohung einer Sperrung der Straße von Hormus, auf die niemand vorbereitet war, hat das noch einmal deutlich gemacht.
DEKOM: Kommunen stehen vor vollendeten Wärmeplänen, die sich nicht umsetzen lassen — mangelnde Finanzierung, fehlende Investitionsbereitschaft privater Hauseigentümer, Unsicherheit über den Bundesrahmen. Hat der Bund die Kommunen bei der Wärmeplanung alleingelassen?
Heinen-Esser: Man muss zunächst festhalten, dass viele Kommunen wirklich exzellent gearbeitet haben und weiter sind, als der politische Raum das je für möglich gehalten hätte. Die kommunale Wärmeplanung ist ein zentrales Element der Energiewende, und das ist gut so. Aber die zentrale Unsicherheit ist bundespolitischer Natur: Der Referentenentwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes schafft mitten in der fossilen Energiepreiskrise den Raum dafür, das Leben fossiler Heizungen künstlich zu verlängern. Wenn solche Gesetzesrahmen Privathaushalte ermutigen, bei der Gasheizung zu bleiben, entstehen für die Kommunen neue Herausforderungen in der Wärmeplanung — Gebiete, die für leitungsgebundene Wärme vorgesehen waren, werden dann anders entwickelt. Der Bund wird klare Signale geben müssen, auch bei Investitionsbedarfen und Fördermitteln. Die Empfehlung lautet: Planung weitermachen und nicht auf bessere Rahmenbedingungen warten — aber ohne bundespolitische Klarheit bleibt die Umsetzung schwierig.
DEKOM: Das geplante Netzpaket soll Investitionssicherheit schaffen. Sie bewerten es kritisch. Warum?
Heinen-Esser: Der Ansatz, sich mit dem Thema Netze zu beschäftigen, ist richtig — der Investitionsbedarf ist enorm, und die Netze sind das eigentliche Nadelöhr beim Ausbau der Erneuerbaren. Das Problem liegt im konkreten Regelwerk. Das Netzpaket enthält in seiner jetzigen Form Regelungen, die den Erneuerbaren-Ausbau faktisch ausbremsen. Das deutlichste Beispiel ist der Redispatch-Vorbehalt: Wenn Netze überlastet sind, können Netzbetreiber Wind- und Solarparks abregeln. Das ist grundsätzlich bekannt und akzeptiert. Neu ist, dass diese Abregelung künftig in „netzlimitierten“ Gebieten entschädigungslos erfolgen soll. Auf den ersten Blick klingt das nach Kostendisziplin — warum soll man für Strom zahlen, den niemand abnimmt? Aber für einen Investor ist die Konsequenz eindeutig: Ein Windpark, bei dem nicht kalkulierbar ist, wann und wie oft er abgeregelt wird, rechnet sich nicht mehr. Das stoppt Investitionen. Dazu kommt, dass die notwendige Lösung im Paket fehlt: Windparks müssten die Möglichkeit erhalten, ihre Leistung in einen benachbarten Speicher einzuspeisen und von dort systemdienlich in den Netzverknüpfungspunkt zu leiten. Dann könnte man vermeiden, auf Anlagenebene abzuregeln, und stattdessen flexibel am Netzpunkt steuern. Diese Systematik fehlt im aktuellen Entwurf. Wenn es der Bundesregierung ernst ist mit ihrem Bekenntnis zum Erneuerbaren-Ausbau, müssen diese Entwürfe dringend überarbeitet werden.
DEKOM: Viele Bürgermeister kleiner Gemeinden in der Nähe von Umspannwerken berichten, sie würden von Batteriespeicherprojektierern regelrecht überhäuft. Gleichzeitig scheitern die meisten Projekte nicht an der Technik, sondern an Planfeststellungsverfahren und Bürokratie. Woher kommt das?
Heinen-Esser: Es gab in den vergangenen Jahren einen deutlichen Aufschwung bei Batteriespeichern — sehr viele Anfragen, die Netzbetreiber nicht geordnet abarbeiten konnten. Der geplante Wechsel vom Windhund- zum Reifegradverfahren ist deshalb vernünftig: Statt nach dem Prinzip „wer zuerst kommt“ zu verfahren, wird geprüft, wie weit ein Projekt tatsächlich entwickelt ist — damit werden umsetzungsreife Projekte nicht durch halbfertige Ideen blockiert. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass dann, wenn ein Projekt den Reifegrad erreicht hat, alles dafür getan werden muss, dass es zügig realisiert werden kann. Warum das in der Praxis so oft stockt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Was aus unserer Sicht helfen würde: Windparks sollten die Genehmigung erhalten, Speicher direkt neben ihren Anlagen zu errichten. Das würde einen spürbaren Schub auslösen. Beim Wind- und Solarausbau hat man es geschafft, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen — das sollte auch bei Speichern gelingen.
DEKOM: Ladeinfrastruktur ist für viele Kommunen ein ungelöstes Problem — technische Ausfälle, regulatorische Unklarheiten, Projekte, die politisch motiviert an falschen Standorten entstanden sind. Was ist der richtige Weg?
Heinen-Esser: Ladeinfrastruktur ist ein zentraler Bestandteil der Elektromobilität, daran gibt es keinen Zweifel. Was man heute beobachtet, ist ein Trend zu Schnellladepunkten mit 150 bis 300 kW — die kleineren 11- oder 22-kW-Säulen werden seltener genutzt, weil viele Nutzer unterwegs auf Schnelllader ausweichen. Das hat Konsequenzen für die Planung. Der eigentliche Engpass ist aber regulatorisch: Die Rahmenbedingungen sind uneinheitlich, und der Gesetzgeber muss jetzt eine klare Richtung vorgeben. Sonst können Kommunen keine verlässlichen Entscheidungen treffen — weder über den Weiterbetrieb eigener Infrastruktur noch über Kooperationen mit privaten Betreibern. Dass manche Standortentscheidungen in der Vergangenheit nicht nach sachlichen Kriterien getroffen wurden und die Infrastruktur deshalb nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, ist eine kommunale Realität, die man offen benennen muss. Das ändert aber nichts daran, dass die regulatorischen Fragen dringend beantwortet werden müssen. (DEKOM, 26.05.2026) Ganze BEE-PM hier…
Ursula Heinen-Esser ist seit Oktober 2025 Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Die Diplom-Volkswirtin und CDU-Politikerin war von 1998 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2018 bis 2022 Umweltministerin des Landes Nordrhein-Westfalen.