Wenn eine Stadt zusehen muss, wie ihre Zukunftsbranche zum dritten Mal einbricht, könnte man Resignation erwarten. In Bitterfeld-Wolfen klingt das anders. Nach Q-Cells und Sovello hat mit der Meyer-Burger-Zellfertigung im Ortsteil Thalheim zum 1. September 2025 der dritte große Solarname aus dem sogenannten Solar Valley den Betrieb eingestellt, rund 330 Arbeitsplätze sind dabei weggefallen. Oberbürgermeister Armin Schenk (CDU) ordnet die Insolvenz im Gespräch dennoch nüchtern ein und verweist auf den Unterschied zu den früheren Einbrüchen.
Anders als beim Ende von Q-Cells, das nach der Insolvenz privatisiert wurde und als Hanwha Q-Cells mit heute über 500 Beschäftigten in Forschung und Entwicklung sowie einer Zellproduktion im Werk verblieben ist, bedeutet das Meyer-Burger-Aus laut Schenk keinen Totalausfall der Photovoltaik am Standort. Trotzdem bleibt der Verlust schmerzhaft. Knapp 200 Arbeitsplätze seien durch die Insolvenz tatsächlich weggefallen, sagt Schenk, deutlich weniger als die zunächst kolportierten rund 330 Stellen der Zellfertigung, weil ein Teil der Belegschaft bereits vorher abgebaut worden sei.
Die Insolvenzverwalter fanden für die deutschen Meyer-Burger-Gesellschaften zunächst keinen Investor, der die Produktion in Thalheim und im sächsischen Hohenstein-Ernstthal fortführt. Im März 2026 kaufte das US-Unternehmen Swift Solar die zentrale Zellfertigungslinie aus Bitterfeld-Wolfen sowie das geistige Eigentum aus der Insolvenzmasse, um damit in Kalifornien eine Gigawatt-Fertigung aufzubauen. Die Anlagen wandern damit in die USA ab, die Halle in Thalheim wird frei. Wer künftig über das Gebäude verfügt, ist allerdings nicht trivial, denn Meyer Burger war dort nur Mieter. Nach Schenks Angaben ist die Grundstückseigentümerschaft im Technologiepark Mitteldeutschland uneinheitlich, ein Teil der Flächen gehöre Hanwha Q-Cells, andere Eigentümer kämen hinzu. Wer Interesse an einer Ansiedlung habe, sei bei der städtischen Wirtschaftsförderung an der richtigen Adresse, sagt Schenk, sie bündele die Kontakte zu Eigentümern und Insolvenzverwaltung.
Dass Bitterfeld-Wolfen trotz dreier gescheiterter Solarkapitel nicht am Boden liegt, führt Schenk auf die Struktur zurück, die sich neben dem eigentlichen Solar Valley entwickelt hat. Der traditionelle Kern der Stadt, in dem einst Agfa, ORWO und die Filmfabrik Wolfen produzierten, ist nach 1990 zum Chemiepark zwischen Wolfen, Greppin und Bitterfeld umgebaut worden und beherbergt heute neben Feinchemie und Pharmazie auch Metall- und Glasindustrie sowie Unternehmen der Kreislaufwirtschaft. Das Solar Valley in Thalheim ist dagegen ein jüngeres, eigenständiges Industrieareal. Im Technologiepark Mitteldeutschland habe sich inzwischen ein Branchenmix etabliert, der die Lage entspannter mache als in den neunziger Jahren, sagt Schenk. Unbebaute Flächen seien dort kaum noch verfügbar, in der Vermarktung befänden sich vor allem Hallenflächen mit schwankender, aber laut Eigentümer insgesamt zufriedenstellender Nachfrage.
Perspektivisch dürften vor allem Rechenzentren und Batteriespeicher um Flächen mit hoher Netzanschlusskapazität konkurrieren, auch bei Bitterfeld-Wolfen liegen entsprechende Anfragen vor. Schenk verweist dabei auf ein zentrales Nadelöhr: Investoren fragten meist Anschlüsse auf der 380-Kilovolt-Ebene nach, und die vorhandene Infrastruktur für die früheren Industrieansiedlungen reiche dafür regelmäßig nicht aus, zusätzliche Investitionen seien nötig. Eine Ansiedlung dieser Größenordnung würde die Stadt nur gemeinsam mit der landeseigenen Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (IMG) und den zuständigen Ministerien angehen, sagt Schenk, das sei für die Verwaltung noch Neuland. Priorität habe ohnehin die Ansiedlung von Zell- und Batterietechnologie im engeren Sinn, etwa entlang der bereits vorhandenen Lithium- und Siliziumverarbeitung in der Stadt.
Mit dem Land Sachsen-Anhalt und der IMG laufe die Zusammenarbeit bei Ansiedlungsanfragen gut, sagt Schenk auf die Frage, ob sich die Stadt von der Landespolitik allein gelassen fühle. Ein Wunsch bleibt trotzdem offen: Dass diese Zusammenarbeit so bestehen bleibt, wie sie heute ist.
Auch beim Glasfaserausbau zeigt sich ein zweigeteiltes Bild. Gewerbe- und Industriegebiete seien inzwischen weitgehend erschlossen, für Wohngebiete sei die Stadt dagegen noch nicht zufrieden, sagt Schenk. Eine ursprünglich eigenwirtschaftlich angelegte Kooperationsvereinbarung mit einem Ausbauunternehmen sei gescheitert, aktuell laufe ein neues Interessenbekundungsverfahren. Bleibt das ohne eigenwirtschaftliches Angebot, will die Stadt auf Förderprogramme des Landes zurückgreifen, um die verbliebenen ländlichen Lücken zu schließen, etwa einzelne Gehöfte oder Straßenzüge mit wenigen Anschlüssen, die für Ausbauunternehmen unwirtschaftlich sind. Parallel hat sich die Wohnungswirtschaft der Stadt zu einer gebündelten Ausschreibung zusammengeschlossen, den Zuschlag erhielt ein bundesweit bekanntes Unternehmen, das den Ausbau in den Wohnungsbeständen sukzessive umsetzt.
Bei der Abwasserentsorgung sieht Schenk die Stadt gut aufgestellt. Die in den neunziger Jahren neu errichtete Gemeinschaftskläranlage, die sowohl die Stadt als auch umliegende Industriebetriebe und Nachbargemeinden versorgt, galt damals als überdimensioniert und muss nun erweitert werden, eine Entwicklung, die Schenk als Erfolgsgeschichte bezeichnet.
Ein Thema lässt Schenk zum Schluss nicht los, das Gewerbesteuerrecht. Städte wie Bitterfeld-Wolfen, in denen Produktionsstandorte großer Unternehmen angesiedelt sind, sähen die Gewerbesteuereinnahmen häufig nicht in dem Maße vor Ort ankommen, wie es der tatsächlichen wirtschaftlichen Leistung entspreche. Er habe dieses Anliegen wiederholt an die Bundespolitik adressiert, bislang ohne Veränderung, sagt Schenk. Für die Finanzausstattung von Städten wie Bitterfeld-Wolfen bleibe das Thema entsprechend zentral. (DEKOM, 01.09.2026) Mehr Infos hier…