Mit jeder neuen Wärmepumpe wächst die Zahl steuerbarer Verbraucher, die ein Verteilnetzbetreiber im Ernstfall in Echtzeit erreichen muss. Das Recht dazu liefert der §14a EnWG längst — die Fähigkeit dazu fehlt vielerorts noch. Woran das liegt und was Stadtwerke vorher entscheiden müssen, erläutert Jan Lehmann, Vice President Strategy beim Dresdner Energie-Ion-Unternehmen Kiwigrid, das seit über einem Jahrzehnt an der Schnittstelle zwischen Endkundenanlage, Vertrieb und Netz arbeitet.
DEKOM: Viele Stadtwerke stehen vor der Aufgabe, Wärmepumpen künftig netzdienlich zu steuern. Welche Hausaufgaben müssen Netz- und Messstellenbetreiber erledigen, damit die §14a-Steuersignale überhaupt sicher bei den Anlagen ankommen?
Lehmann: Das Thema hat drei Seiten — den Netzbetreiber, den Messstellenbetreiber und den Vertrieb. Durch das Unbundling sind diese Parteien getrennt und, bis auf den Netzbetreiber, grundsätzlich austauschbar. Der Engpass sitzt heute klar bei Netz- und Messstellenbetreibern. Sie müssen die IT-Systeme aufbauen, die Smart-Meter-Gateways beschaffen und beim Endkunden verbauen — und vor allem wissen, wann sie wo was verbauen müssen. Nur so wird der Netzbetreiber überhaupt steuerungsfähig. Der §14a verlangt ja eine engpassgetriebene Steuerung. Nur haben die meisten Netzbetreiber über ihre Engpässe gar keine Kenntnis. Sie dürfen künftig steuern, aber de facto wissen viele noch nicht, wann sie steuern müssen. Beim Endkunden kommt hinzu, dass die Anlagen die unterschiedlichsten Schnittstellen mitbringen. Deshalb muss an standardisierten Schnittstellen übergeben werden — und der Anlagenbetreiber oder Vertrieb muss sicherstellen, dass die Anlage am anderen Ende auch tatsächlich abgeregelt wird. Das ist die eigentliche Kunst.
DEKOM: Der Gesetzgeber lässt die Wahl zwischen einer einfachen Steuerbox und einem umfassenden Energiemanagementsystem. Wo liegen die entscheidenden Unterschiede — und ab wann lohnt der Mehraufwand?
Lehmann: Genau genommen ist nicht einmal eine Steuerbox vorgeschrieben. Vorgeschrieben ist, dass der grundzuständige Messstellenbetreiber die Steuerung vorrichtet. Dafür kann er eine Steuerbox einsetzen, er kann aber auch ein ausgekoppeltes, Ethernet-basiertes EEBUS-Signal ausgeben. Eine Steuerbox arbeitet analog wie digital, also über Relais und teilweise über digitale Steuerung. Entscheidend ist für mich, dass es standardisierte Schnittstellen gibt — und zwar nicht nur SG Ready im Sinne einer Relais-Steuerung, wie es einige Netzbetreiber heute umsetzen, sondern wirklich zukunftsgerichtete, digitale Steuerung. Nur so lassen sich weitere Anwendungsfälle erschließen, ohne dass wir überall neue Kabel ziehen, wo es gar nicht nötig ist. Wir arbeiten selbst an einem Gerät, das beides kann und die relevanten Zertifizierungsanforderungen erfüllen soll.
DEKOM: Bevor gesteuert wird, muss ein Engpass erst einmal erkannt werden. Was sind hier die Erfolgsfaktoren?
Lehmann — Wir sitzen auf einer sehr guten Datenbasis. Über kleine Geräte beim Endkunden — auf der Hutschiene im Zählerschrank oder an der Wand — erfassen wir jede Wärmepumpe, jeden Wechselrichter, jede Wallbox. Diese Daten könnten wir anonymisiert einem Netzbetreiber zur Verfügung stellen — in der Niederspannung deutschlandweit. Praktisch ist das heute aber kein nachgefragter Anwendungsfall, weil die Regulatorik dafür fehlt und niemand geklärt hat, wer es bezahlt und wie es sich in die Netzentgelte einpreisen lässt. Und der Netzbetreiber muss überhaupt erst in der Lage sein, solche Daten zu verarbeiten und ein aktuelles Bild seines Netzes zu haben. Bis dahin ist es aus meiner Sicht noch ein weiter Weg.
DEKOM: Mit Matua entwickeln Sie eine KI-Komponente für Prognose und Optimierung. Welche Rolle kann sie für die Versorgungssicherheit spielen — und wo ziehen Sie bewusst Grenzen?
Lehmann: Aus meiner Sicht ist die Perspektive umgekehrt richtig. Wir kommen von der Seite des Endkunden. Wir wollen dessen Energieflüsse optimieren — nach Eigenverbrauch, nach Markt und nach Netz. Wann läuft welcher Verbraucher, wann lade oder entlade ich den Speicher, das ist hochkomplex. Dafür haben wir Matua aufgebaut. Der entscheidende Punkt ist aber die Grenze. Bei netzkritischen Vorgaben wie §14a oder §9 EEG machen wir keine Kompromisse. Da rechnet Matua nicht irgendeinen abweichenden Wert, sondern wir geben die Anforderung als feste, verbindliche Größe durch. Über der gesamten Optimierung steht immer die Netzsteuerung, die im Zweifel sicherstellt, dass ausgeführt wird, was der Netzbetreiber anfordert.
DEKOM: Modul 3 mit zeitvariablen Netzentgelten soll mehr Flexibilität bringen. Reicht der aktuelle Rahmen aus Ihrer Sicht?
Lehmann: Beim regulierten Geschäft ist mein Standpunkt klar. Mit zeitvariablen Netzentgelten lässt sich das Verhalten der Nutzer so verändern, dass weniger Netzausbau nötig wird — das entlastet die Volkswirtschaft und senkt den Investitionsbedarf vor Ort. Beim Vertrieb kommt hinzu, dass solche Produkte helfen, Kunden zu halten. Die kommunalen Vertriebe bekommen es zunehmend mit Anbietern wie 1Komma5 oder Enpal zu tun, die ihnen die guten Letztverbraucher aus der Grundversorgung ziehen. Um dagegenzuhalten, braucht ein Stadtwerke-Vertrieb ein konkurrenzfähiges System. Reicht der Rahmen? Ich glaube nicht. Die Bundesnetzagentur ist bei den Anforderungen an die Netzbetreiber noch sehr zurückhaltend. Modul 3 ist ein sehr gutes Instrument, und ich bin dafür, es deutlich stärker zu nutzen.
DEKOM: Was können Sie einem kommunalen Versorger ganz konkret anbieten?
Lehmann: Wir stellen unser Energiemanagementsystem bereit, das die Vertriebe an ihre Kunden weiterreichen können. Interessant ist die Kombination in einem Gerät, das Netz und Vertrieb direkt verbindet. Wir können aber auch schlank auf Vertriebsebene ein Produkt liefern, mit dem ein Stadtwerk seinen Kunden eine echte Alternative zu 1Komma5 oder Enpal bietet — inklusive dynamischer Stromtarife, zeitvariabler Netzentgelte und der Anbindung der unterschiedlichsten Anlagen beim Endkunden. Darüber hinaus eröffnen wir dem Stadtwerk mit Direkt- und Flexibilitätsvermarktung eine weitere Erlösoption.
Vielen Dank! (DEKOM, 28.09.2026) Mehr Infos zu Kiwigrid hier…